Gänsbrunnen

«Melken konnte ich vor Lesen und Schreiben»

Ernst Lanz vor dem ehemaligen Schulhaus, das 1970 als solches geschlossen wurde. Es dient nun für Sitzungen der Gemeinde.

Ernst Lanz vor dem ehemaligen Schulhaus, das 1970 als solches geschlossen wurde. Es dient nun für Sitzungen der Gemeinde.

24 Jahre war Ernst Lanz Gemeindepräsident von Gänsbrunnen. Der 66-jährige Landwirt setzte sich 32 Jahre fürs Gemeinwesen ein. Sich für etwas einzusetzen, ist für ihn selbstverständlich: «Bei Randregionen brauche es halt noch ein wenig mehr Einsatz».

Friedensrichter werde er noch bleiben. «Und Präsident der örtlichen Arbeitsgruppe Vernetzung Landwirtschaft», sagt Ernst Lanz, 66-jährig, Landwirt auf dem Montpelon in Gänsbrunnen, «alle anderen Ämter habe ich abgegeben.» Und das sind nicht nur viele, sondern Lanz hat sie auch ausserordentlich lange ausgeübt: 1981 wurde er in den Gemeinderat gewählt, 1989 folgte die Wahl als Gemeindepräsident von Gänsbrunnen und gleichzeitig als Kantonsrat für die FDP.

2003 entschied er die Wahl als Amtsrichter für sich. Ferner wirkte er im Verwaltungsrat der Raiffeisenbank Welschenrohr bzw. Dünnerntal mit, präsidierte den Verein Naturpark Thal sowie während elf Jahren den Bürger- und Waldeigentümerverband Thal. Er half den Krankenpflegeverein Thal und die Volkshochschule Thal gründen und wirkte beim Aufbau der Kreisschule Dünnernthal mit. Nicht zu vergessen ist die Familie Lanz mit ihren vier Kindern, die einen Bergbauernhof bewirtschaftet, der Ferienplätze anbietet, sowie einen Restaurationsbetrieb mit Bäckerei beherbergt, deren Produkte auf dem samstäglichen Markt in Solothurn zu haben sind.

Wie hat Ernst Lanz dies alles schaffen können? «Ich habe ja nicht alles miteinander gemacht», antwortet er, «sondern nebeneinander, und dabei Schritt für Schritt genommen.» Ganz entscheidend aber sei für ihn gewesen, eine starke und initiative Frau an seiner Seite zu wissen. Er lernte Elsbeth Hänni kennen, als er als Melker auf dem Hof der Familie Hänni in Welschenrohr kam. Und dorthin kam er via Hintere Schmiedenmatt in Herbetswil, wo seine Eltern – vom Vallée de Joux herkommend – als Hirten Rinder und Pferde betreuten. Auf Geheiss der Eltern lernte Ernst Lanz zuerst Schreiner. «Aber ich wollte unbedingt Bauer werden, melken konnte ich vor Lesen und Schreiben.» So habe er dann nach der Rekrutenschule in der Kavallerie entschieden, seinen eigenen Weg zu gehen und nahm den erwähnten Posten als Melker an.

Gesungen hat Lanz auch gerne, Elsbeth Hänni, seine spätere Gattin ebenfalls, darum waren beide eine Zeit lang im Jodlerklub Welschenrohr – dem Ernst Lanz übrigens bald als Präsident vorstand. Die beiden heirateten, und 1974 packten sie die Gelegenheit, den Berghof Montpelon in Gänsbrunnen vom Kanton in Pacht zu übernehmen. Kaum dort angekommen, wurde Lanz das Amt eines Ortsexperten übertragen, zuständig für die Lebensmittelkontrolle in Restaurants und Lebensmittelläden. Die weiteren, oben erwähnten Chargen folgten auf dem Fuss. «In einem so kleinen Ort mit rund hundert Einwohnern muss man damit rechnen, dass man dafür angefragt wird.» Wobei es damals schon noch anders gewesen sei, betont Lanz. «Für ein Amt angefragt zu werden, war eine Ehre.»

Zu tun gab es einiges in Gänsbrunnen: Zufahrten zu den Berghöfen instand stellen, ein Wasserversorgungsnetz aufbauen und gleichzeitig eine Kanalisation mit eigener Kläranlage. «Das war ein Fehlentscheid, die kostet uns zu viel», schiebt Lanz dazwischen. «Wir hätten die Leitung nach Welschenrohr ziehen sollen.» Dass Gänsbrunnen zu Einwohnern kommt, galt es ferner zu sorgen. Daher wurde eine Zone für Einfamilienhäuser geschaffen. «Zwar wurde nicht viel gebaut, aber jene, die es taten, die bringen etwas», sagt Lanz. Zum Beispiel hat der Egerkinger Unternehmer Reinhold Dörfliger, dessen Firma den grossen Steinbruch in der Klus beim «St. Joseph» betreibt, seinen Wohnsitz teilweise nach Gänsbrunnen verlegt.

«Draht zur Welt auf der anderen Seite»

Starkmachen musste sich Lanz nicht nur einmal dafür, dass die direkte Verbindung per Bahn nach Solothurn erhalten bleibt. «Das ist unser Draht zur Welt auf der anderen Seite des Bergs.» Den Kontakt dorthin aufrechtzuerhalten, war für Lanz ein grosses Anliegen. Im Kantonsrat hatte er dazu Gelegenheit und nutzte sie auch. «Sonst vergessen sie uns hinten im Thal. Oder sie machen sich falsche Vorstellungen von dem, womit wir uns hier täglich auseinandersetzen müssen.» In dieses Kapitel gehört, als die kantonalen Behörden den Gasthof St. Joseph und den Mühlehof für ein Zentrum für Asylsuchende ins Auge fassten. «Wir mussten klar machen, dass es nicht geht, hier mehr Asylsuchende zu haben, als das Dorf Einwohner hat.»

Sich für etwas einzusetzen, ist für Ernst Lanz eine Selbstverständlichkeit. «Bei Randregionen brauche es halt noch ein wenig mehr Einsatz», sagt er. Seine Frau Elsbeth und er schauten dabei auch auf Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Noch bevor die Eheleute Lanz eigene Kinder hatten, nahmen sie bei sich junge Leute auf, die mit dem Leben nicht mehr zurecht kamen. Dabei habe man immer versucht, so gerecht wie möglich zu sein. Dies war unter anderem ein Grund dafür, dass sich Ernst Lanz als Amtsrichter beworben hatte, gewählt wurde und es zehn Jahre blieb. «Da hatten wir auch sehr schlimme Fälle zu behandeln, die einem sehr nahe gehen konnten. Dass sie mich nicht aus dem Tritt gebracht haben, verdanke ich einerseits meinem starken Glauben. Anderseits meiner Möglichkeit, mich als Bauer mit der Natur zu befassen. Das beruhigt.»

Nun kann sich Ernst Lanz auf dem mittlerweile eigenen Montpelon-Hof voll dieser naturverbundenen Tätigkeit hingegeben. Es sei denn, es gibt Arbeit als Friedensrichter von Gänsbrunnen. Wie oft musste er denn als solcher tätig werden in der bisher 24-jährigen Amtszeit? «Noch nie.»

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