Ornithologie

«Mehr als nur ein Hobby»: Was diese Solothurner am «Birden» und «Twitchen» fasziniert

Das Crex Crex Team am letzten Birdrace (v.l.): Patrik Wyss, Peter Jäggi, Lucas Lombardo und Lukas Leuenberger. ZVG

Das Crex Crex Team am letzten Birdrace (v.l.): Patrik Wyss, Peter Jäggi, Lucas Lombardo und Lukas Leuenberger. ZVG

Der gebürtige Egerkinger Lucas Lombardo verbringt mit seinen Teamkollegen viel Zeit auf der Suche nach Vogelarten. So viel Zeit sogar, dass das sogenannte Birden oder Twitchen vielmehr eine Passion darstellt.

Schon mal um 6 Uhr aufgestanden, von Solothurn ins zürcherische Niederglatt gefahren, nur um einen Vogel zu sehen und dies in der momentanen Kälte? Oder fünf von jährlich fünf Wochen Ferien dafür hergegeben, in der ganzen Welt Vögel zu beobachten? Lucas Lombardo schon.

So war er etwa Ende Jahr in Skandinavien, im Mai folgt ein Trip nach Spitzbergen: «Eigentlich wegen eines Vogels», lacht Lombardo. Und auch im Alltag lässt ihn sein Hobby nie so ganz los. Wobei der Zeitaufwand für das Hobby doch so beträchtlich sei, dass man es wohl anders benennen müsste: «Jedenfalls ist es mehr als ein Hobby.»

Auf acht Wochen pro Jahr beziffert der 28-Jährige den zeitlichen Aufwand. Alleine in dieser Woche waren es der Kurztrip nach Niederglatt und nun am Wochenende ein Ausflug ins Tessin. Eine Ohrenlerche rief am Dienstag, am Wochenende eine Fichtenammer. Und die Vogelkundler kamen.

Eigentlich zwei Hobbys

310 verschiedene Vogelarten hat der gebürtige Egerkinger in der Schweiz bereits gesehen. Lukas Leuenbergers Zahl liegt gar noch höher. Mit ihm, Peter Jäggi und Patrik Wyss bildet Lombardo seit 2003 am alljährlich stattfindenden Birdrace ein Team.

Crex Crex nennen sie sich. Dem Wachtelkönig zu Ehren starten sie seit einiger Zeit für den Naturschutzverein Härkingen. Beim Birdrace wird das Birden – die moderne Benennung der Tätigkeit als Hobby-Ornithologe (kurz Birder), sozusagen auf die Spitze getrieben. In der ganzen Schweiz gehen Dreier- oder Viererteams auf die Jagd nach Vögeln. Wobei denen natürlich nichts passiert. Vielmehr geht es darum, innert 24 Stunden möglichst viele Vogelarten zu bestimmen, pro Vogelart fliesst Geld in Naturschutzprojekte.

Im letzten Jahr waren es die vier vom Team Crex Crex, welche den Sieg einheimsten. Doch das Birdrace ist zumindest im Ornithologenleben von Lombardo nur ein kleiner Teil. Er spricht davon, dass es mittlerweile zwei verschiedene Ausrichtungen in der Ornithologie gäbe. Auf der einen Seite das klassische Vögelbeobachten: «Dazu gehe ich vielleicht ein, zwei Stunden zum Beispiel an einen Fluss, und schaue, welche Vogelarten es hat. Da hat man dann auch Zeit, die Vögel etwas genauer zu studieren und sie beispielsweise bei der Nahrungsjagd zu beobachten».

Auf der anderen Seite nehme jedoch auch das sogenannte Twitchen für ihn eine wichtige Rolle ein. Beim Twitchen wird nicht nur beobachtet, sondern es geht auch darum, wer am meisten Vogelarten in seinem Leben gesehen hat.

Schallmauer erreichen

Im sogenannten Club 300 messen sich momentan 160 Vogelkundler. «300 Vogelarten ist so etwas wie die Schallmauer in der Schweiz», erklärt Lombardo. Er liegt mit seinen 310 Vogelarten auf Platz 62. Ein wichtiges Hilfsmittel zum Twitchen: die Smartphoneapp Swiss Bird Alert. «Früher musste man noch eine bestimmte Telefonnummer anrufen, dann informierte ein Bändchen über spezielle Vogelsichtungen. Heute geht es schon viel einfacher.»

Doch warum diese Faszination? Etwa der kompetitive Charakter unter den Birdern, der Beste zu sein? «Nein. Das Birden bietet viel mehr. Es kommt immer wieder zu wunderschönen Naturerlebnissen. Man weiss bevor man geht nicht, was einen erwartet.» Er selbst etwa habe zusammen mit dem Crex Crex Team ob Gänsbrunnen einen Luchs gesehen.

«Das hat zwar nichts mit Birden zu tun, doch es war sicher ein Highlight in meinem Ornithologenleben.» Und sein Highlight bezüglich Vögeln? «In der Schweiz die Sichtung eines Schreiadlers, ein sogenannter Self-found», so Lombardo. Es war dies erst der zwölfte Nachweis dieser Art in der Schweiz und damit eine ausgesprochene Rarität. Bedeutet für einen, für den das Vogelbeobachten mehr als ein Hobby ist, Papierkram.

Denn eine solche Sichtung muss dokumentiert, protokolliert und der sogenannten schweizerischen Avifaunistischen Kommission der Vogelwarte Sempach mitgeteilt werden. Die bestätigt dann die Echtheit und nimmt die Sichtung des Schreiadlers in ihren Datenbestand auf.Nicht unerheblich sind solche Meldungen, sowie auch die mittlerweile über 10 Millionen Meldungen verschiedenster Vögel auf der Beobachtungsmeldungsplattform der Vogelwarte. Daraus lässt sich einiges über die Veränderung der Artenvielfalt in der Schweiz ablesen.

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