Um es vorwegzunehmen: Ja, ihr Name wird wie die Marke geschrieben – Chanel. Und so ist die 17-jährige Fulenbacherin Chanel Ammann irgendwie prädestiniert dazu, eine neue Bestmarke zu setzen. Allerdings (vorerst) nicht in der Modewelt, sondern an den Schweizer Berufsmeisterschaften. Im Rahmen dieses Grossevents treten junge Menschen aus rund 70 Berufen vom 17. bis 21. September auf dem Bern-Expo-Gelände in ihrem jeweiligen Arbeitsfeld gegeneinander an mit dem Ziel, den Schweizermeistertitel abzusahnen. Was die angehende Coiffeuse im zweiten Lehrjahr betrifft, wird sie sich mit 35 Konkurrenten messen und um den Titel kämpfen – oder besser frisieren. «Die Teilnahme ermöglicht mir in erster Linie, wertvolle Erfahrungen sammeln zu können», freut sie sich.

Drei Aufgaben zu bewältigen

Zu Schere und Föhn wird am Wettkampf gleich in dreifacher Ausführung gegriffen: Zuerst steht ein Herren-Trendhaarschnitt am Übungskopf auf dem Programm, für den genau eine Stunde eingerechnet ist (Aufgabe 1). Anschliessend ist während 90 Minuten Einfallsreichtum gefragt, wenn es darum geht, eine kreative Hochsteckfrisur, wiederum am Übungskopf, zu machen (Aufgabe 2). Zum Schluss gilt es noch, am lebenden Modell einen Trendhaarschnitt nach eigener Fotovorlage in 180 Minuten zu realisieren (Aufgabe 3).

Angesichts dieser vielfältigen und anspruchsvollen Aufgabenstellungen möchte sich die Lehrtochter des Coiffeursalons Hannelore in Egerkingen seriös vorbereiten: «Einerseits übe ich die benötigten Fertigkeiten an Puppenköpfen. Andererseits besuche ich Kurse, beispielsweise bald einen für Hochsteckfrisuren», erklärt sie. Zudem hat sie vom Netzwerk ihrer Lehrmeisterin Silja Aeschbacher profitieren und zusammen mit dem Coiffeur-Nationalteam ein Training absolvieren können. «Es war cool», berichtet sie, «wir haben hauptsächlich Föhntechnik angeschaut.»

Selbst zu Hause versucht die Fulenbacherin, ihre Hände aufs Frisieren zu trimmen: Die jüngere Schwester etwa muss ab und zu «hinhalten». Schliesslich braucht die Lernende ein Versuchskaninchen, an dem sie prima mit Hochsteckfrisuren experimentieren kann – neben dem Haareschneiden ihre erklärte Lieblingstätigkeit. Zudem stellen für sie Abwechslung sowie Kundenkontakt Pluspunkte des Berufes dar. «Ich mag es, wenn ich kreativ sein kann», schiebt die junge Frau nach. Ihre Begeisterung scheint gross, unliebsame Tätigkeiten kann sie auf die Schnelle keine nennen; selbst der Schule gewinnt sie viel Positives ab: «Als ich noch die Sek in Wolfwil besuchte, ging ich weniger gern zur Schule, was sich aber mittlerweile geändert hat. Vor allem das Fach Berufskunde, in dem etwa Inhaltsstoffe von Produkten unter die Lupe genommen werden, interessiert mich.» Gleichzeitig mache diese teilweise vorhandene Theorielastigkeit die Lehre anspruchsvoll, betont Chanel Ammann, deren Mutter einst ebenfalls denselben Beruf ausübte – der Apfel fällt halt wirklich nicht weit vom Stamm.

Mit Leidenschaft bei der Sache

Die fleissige Zuschauerin von Fussballmatches im TV hat mit ihrer Berufswahl offenbar einen richtigen Volltreffer gelandet. Das bestätigt auch Silja Aeschbacher: «Chanel übt den Beruf mit Leidenschaft aus und hat die Sympathien der Leute auf ihrer Seite. Viele meinen sogar, sie sei schon ausgelehrt.» Dem ist zwar nicht so, ihr erfolgreiches Abschneiden beim jährlich stattfindenden Anlass «(H)Aarewelle», an dem Coiffeure in Ausbildung ihre Fähigkeiten am Modell unter Beweis stellen, spricht jedoch Bände: Bereits zweimal nahm sie daran teil und erhielt von der Jury jeweils das Prädikat «sehr gut» verliehen – was gleichzeitig zur Bewerbung für die Berufsmeisterschaften berechtigt. Dazu musste sie ein Foto ihres «(H)Aarewelle»-Modells einsenden, deren Frisur Ammann im Rahmen der dritten Aufgabe an den Meisterschaften als Vorlage dienen wird. «Passt es, dann mag ich es ausgefallen», meint sie zur abgebildeten Haarpracht, die mit den roten und schwarzen Farbpartien, kurz geschorenen Stellen und einem Seitenscheitel nicht 08/15 ist. Und da sie an den Meisterschaften Gewagteres als im Geschäft ausprobieren könne, blicke sie ihnen schon nur deshalb mit Vorfreude entgegen, sagt die junge Frau schmunzelnd.

Ferner bietet der Anlass Ammann eine Plattform, um ihr Können zu demonstrieren. «Es gibt Leute, die meinen Beruf unterschätzen und zu einer einfachen Tätigkeit degradieren», bedauert sie. Auch in ihrer Schulzeit sei sie mit dieser Meinung konfrontiert worden, einige Leute hätten ihr von der Lehre gar abgeraten. Trotzdem hat Ammann am Berufswunsch festgehalten und darf vielleicht schon bald die ersten Früchte ernten: Nämlich die Trophäe entgegennehmen – und sich von Chanel «eine unter 36» zur Chanel «Nummer eins» mausern.