«Ich hatte es an diesem Tag eilig, weil ich um 7.15 Uhr einen wichtigen Termin wahrnehmen musste», meinte Mario P. * auf das von ihm am 27. Juni 2012 um 7.05 Uhr auf der Gäustrasse in Kestenholz eingeleitete Überholmanöver eines Lieferwagens. «Die Strasse war frei und die Sicht optimal», bemerkte der 46-jährige Oberstufenlehrer auf Nachfrage von Amtsgerichtspräsident Guido Walser.

Beim Überholen des in Richtung Niederbuchsiten fahrenden Lieferwagens habe er dann links bei der Einmündung Bruggweg ein Fahrzeug gesehen, das langsam in die Gäustrasse gerollt sei. Er habe sich in diesem Moment auf der Höhe der Fahrerkabine des Lieferwagens befunden und sein Auto nach rechts ziehen müssen, um eine Frontalkollision zu vermeiden. Obwohl er mit seinem Auto noch knapp vor den Lieferwagen habe einscheren können, sei es dennoch zu einer Streifkollision gekommen. Zu diesem Zeitpunkt sei er etwa mit rund 60 km/h unterwegs gewesen. «Ich hatte keine Chance, den Unfall zu verhindern», beteuerte der Mann im schwarzen Pullover und Jeans.

Nach dem Unfall davongefahren

Dass er nach diesem Vorfall einfach weitergefahren sei, ohne sich nach den Folgen der Kollision zu erkundigen, habe mit dem erwähnten Termin zu tun und weil er habe verhindern wollen, dass auf dem Schulweg befindliche Schülerinnen und Schüler etwas vom Unfall mitbekommen. «Mir ging es in diesem Moment auch um mein Image», versuchte Mario P. sein pflichtwidriges Verhalten nach dem Unfall zu erklären.

Die von der Streifkollision betroffene Fahrerin des Kleinfahrzeugs, bei welchem die Vorderradaufhängung beschädigt wurde, bestritt die Darstellung des Angeklagten, wonach sie mit ihrem Fahrzeug auf die Gäustrasse hinausgerollt sein soll. «Ich stand mit meinem Auto auf der Bodenmarkierung ‹Kein Vortritt› und hatte die Räder nach rechts in Richtung Oensingen eingeschlagen», so die Primarschullehrerin. Danach habe sie zuerst nach links geschaut, und dann habe es auch schon geknallt. Nicht ausschliessen könne sie indessen, dass vielleicht ein Rad ihres Fahrzeuge leicht in die Gäustrasse geragt habe, räumte die als Privatklägerin auftretende Frau ein.

Kein Verständnis für das Verhalten des Beschuldigten hatte Rechtsanwalt Rémy Wyssmann, Oensingen, der die Interessen der dreifachen Mutter wahrnahm. Das Überholmanöver nahe der Dorfausfahrt in Richtung Niederbuchsiten mit nur gerade 230 Meter Weg bis zur durchgezogenen Sicherheitslinie bezeichnete Wyssmann als gefährlich und rücksichtslos. Das sei als grobe Verletzung der Verkehrsregeln zu ahnden, sagte der Anwalt in Richtung des Amtsgerichtspräsidenten. Mario P. hielt er vor, ein notorischer Raser zu sein, und verwies auf dessen Ausweisentzüge aus den Jahren 2005 und 2007 wegen massiver Überschreitungen der Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn.

«An besagtem Tag nicht gerast»

Als juristischer Vertreter des Beschuldigten kritisierte Jürg Hunziker, Herzogenbuchsee, Wyssmanns Ausführungen als reine Stimmungsmache. Schliesslich habe das vom Gericht in Auftrag gegebene Gutachten klar aufgezeigt, dass sein Mandant bei der Kollision nicht gerast, sondern lediglich mit 55 bis 62 km/h unterwegs gewesen sei. Die Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h werde von Mario P. ebenso wenig bestritten wie sein pflichtwidriges Verlassen der Unfallstelle. Aus dem Gutachten gehe ferner hervor, dass sich das Fahrzeug der Klägerin zumindest teilweise auf der Gäustrasse befunden habe. «Damit hat die Frau das Vortrittsrecht meines Mandanten missachtet. Er ist deshalb vom Vorwurf der groben Missachtung der Verkehrsregeln freizusprechen», so Hunziker in seinem Plädoyer

Gestützt auf das Gutachten und die Aussage der Frau, dass ihr Fahrzeug in die Gäustrasse geragt habe, folgte das Gericht diesem Antrag und sprach Mario P. von der groben Verletzung der Verkehrsregeln wegen Überholen bei Gegenverkehr frei. Schuldig gesprochen wurde er hingegen wegen seines pflichtwidrigen Verhaltens nach dem Unfall sowie wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln wegen der Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit innerorts. Mario P. wurde eine Busse von 500 Franken auferlegt.

* Name von der Redaktion geändert.