Oensingen

Mahnwache am Bell-Schlachthof: «Dokumentieren, was im letzten Abschnitt ihres Lebens geschieht»

Aus der Schlachthof-Blockade der Aktivisten im November ging jetzt eine friedliche Mahnwache hervor.

Orangenfarbene Leuchtwesten schimmern in der Morgendämmerung. Grau ist der mit Wolken überzogene Himmel. Grau ist der Schlachthof im Hintergrund. Zwei Handvoll Menschen stehen am Tor, durch welches die Lastwagen rauschen. Die Fahrer im Innern verziehen meist keine Miene. «Natura-Beef» steht auf dem einen LKW. Ab und an dringt ein Muhen aus den Lukarnen. Der Tiere wegen stehen die Tierschutz-Aktivisten da. Die Leuchtwesten verleihen ihrem Anliegen Nachdruck: Einmal im Monat steht die Gruppierung von «Oensingen Animal Save» zwischen fünf und acht Uhr morgens vor dem Bell-Areal in Oensingen.

Mahnwache vor dem Bell-Schlachthof in Oensingen

Mahnwache vor dem Bell-Schlachthof in Oensingen

«Wir wollen die fühlenden Individuen aus der Anonymität holen und dokumentieren, was im letzten Abschnitt ihres Lebens geschieht», sagt Tanja Plüss. Die 24-Jährige ist der Kopf der Oensinger Gruppe, die sich im Januar gebildet hat und nun zum fünften Mal am Tor zum Bell-Schlachthof steht, um – wie Plüss sagt – den Tieren ein Gesicht zu geben, kurz bevor sie der Fleischverarbeiter schlachtet. Und was soll die Aktion bezwecken? «Wir möchten ein Bewusstsein bei den Menschen schaffen, damit die Nachfrage nach Tierprodukten sinkt und weniger Schlachtungen und andere Tierausbeutungen stattfinden», so Plüss.

Erst im vergangenen November wurde Tanja Plüss auf den Schlachthof in Oensingen aufmerksam. Als 131 Aktivisten von «269 Libération Animale» die Anlieferung des Fleischverarbeiters Bell blockierten, füllten die Bilder aus Oensingen die Titelseiten der Schweizer Medien. Plüss und ihre Kollegin Nathalia Zimmermann hatten bereits vereinzelt an Tierschutz-Protestaktionen teilgenommen. Ein Schulreferat über Veganismus habe ihren persönlichen Protest gegen den Fleischkonsum und die Tötung von Tieren ausgelöst, erzählt Plüss, die als kaufmännische Angestellte tätig ist. Bevor sie Anfang 2018 sich ausschliesslich vegan zu ernähren begann, liess sie zunächst die Milch weg. «Ich habe Schritt für Schritt umgestellt. Es ist bei den meisten ein Prozess», sagt Plüss.

Ein einziger Lastwagen hält an

Nach dem Vorfall in Oensingen kam die Organisation von The Save Movement auf Plüss und die Oftringerin Zimmermann zu und fragte, ob sie bereit wären, eine Mahnwache vor dem Schlachthof im Gäu durchzuführen. Die beiden Tierschützerinnen sagten zu. Im Gegensatz zur Blockade, bei der die Aktivisten den Betrieb durch die Besetzung stilllegten, geht es bei «The Save Movement» um einen friedlichen Protest. Die stummen Demonstranten gegen den Fleischkonsum holten eine Bewilligung bei der Polizei ein. Sie stünden in einem guten Kontakt zu dieser, sagt Plüss. Und sie erzählt, wie bei der ersten Mahnwache im Januar noch die Polizei gekommen sei, um die Personendaten der Demonstranten aufzunehmen.

Seither postierten zwischen sieben und fünfzehn Aktivisten das fünfte Mal vor einem der grössten Schlachthäuser der Schweiz. Die Interaktion mit den Fahrern des Schlachthofes und den Mitarbeitern sei ausnahmslos respektvoll, so Plüss. In einem Korb liegt Kaffee und Kuchen bereit, um in den frühen Morgenstunden im kühlen Wind auszuharren. Sie alle würden sich vegan ernähren, versichert Plüss.

Kommt ein Lastwagen herangerollt, machen die Aktivisten das Friedenszeichen und bedeuten mit Handbewegungen, er möge doch anhalten. Bringt ein Fahrer seinen Lastwagen zum Stillstand, bitten die Demonstranten ihn um drei Minuten. In diesen wollen sie mit der bereitstehenden Leiter zu den Lukarnen hochsteigen, um Videos und Fotos der Tiere zu machen, die Oensinger Animal Save in den sozialen Medien verbreitet.

Ein einziger Lastwagenchauffeur hält an diesem Morgen Ende Mai und kommt dem Wunsch der Aktivisten nach. Alle anderen rauschen vorüber auf das Bell-Gelände, das die Demonstranten nicht betreten dürfen. «Wir haben die Beziehung zu den Tieren verloren», sagt Nathalia Zimmermann. Tiere seien nicht einfach ein Produkt. So stört sich die Tierschutz-Aktivistin auch daran, dass die Fleischverarbeiterin Bell ihre Schlachtzahlen in Tonnen und nicht in Tieren angibt. Ein weiterer Lastwagen braust heran und zieht an der Demonstranten-Gruppe vorüber.

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