Feuerwehr-Übung
«Machen Sie keine Fotos und lassen Sie uns unsere Arbeit machen!»

Zwei Autos mit Totalschaden, Blut, Hektik und 40 schwitzende Feuerwehrleute - Journalisten werden rigoros weggewiesen. So sah das Szenario der diesjährigen Hauptübungen der beiden Feuerwehren Oensingen und Balsthal aus.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Grosse Feuerwehrübung zwischen Balsthal und Laupersdorf
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«Halt, keine Fotos», brüllt der Feuerwehrmann und schiebt den Fotografen weg.
Hinter Sichtschutz wurden die «Opfer» geborgen und in den Heli transportiert.
Ein Samariter kümmert sich um die «Unfallopfer».
Das Autodach wird aufgeschweisst, um einen Verunfallten zu bergen.
Täuschend echt wirkte dieser «Figurant». Da musste geholfen werden.
Einsatzleiter Björn von Burg beim Übungsrapport. Er war zufrieden.
Der technische Einsatzleiter Dominik Bader gab seine «Beurteilung» ab.
Nach getaner Arbeit ein Bier, ein «Waldfest» und ein Stück Kuchen.

Grosse Feuerwehrübung zwischen Balsthal und Laupersdorf

Hansjörg Sahli

Ein Fahrzeug mit Pferdeanhänger versucht von der Käppelistrasse ausserhalb Laupersdorf in die Thalstrasse Richtung Balsthal einzubiegen. Ein von Balsthal herkommender Automobilist macht ein Ausweichmanöver, was auf der Gegenfahrspur zu einem schweren Auffahrunfall mit drei Autos führt.

In den Auffahrwagen sind mindestens drei Personen eingeklemmt, eine Person davon sehr schwer verletzt. Ein Auto liegt auf dem Dach, bei einem bricht ein Fahrzeugbrand aus.

Das Ausweichfahrzeug ist ein Spezialfahrzeug für Rollstuhlfahrer; das Verursacherauto, welches nicht in den Unfall verwickelt ist, hat einen Pferdetransporter angehängt, besetzt mit zwei Pferden.

Von Balsthal her fahren sechs Feuerwehrautos aus Balsthal und Oensingen – insgesamt 40 Feuerwehrmann – an die Unfallstelle. 7 Samariter stehen diesen zur Unterstützung bei, ein Helikopter mit zwei Notärzten landet 15 Minuten nach dem Horror-Crash auf der Wiese neben dem Unfallort.

Eine Polizeipatrouille mit zwei Beamten unterstützt die Feuerwehr. Zwei Medienvertreter sind auch schon vor Ort und versuchen, Informationen über den Unfallhergang zu erhalten.

So das Szenario einer grossen Feuerwehrübung der beiden Stützpunktfeuerwehren Oensingen und Balsthal. 50 Minuten dauert das zum Glück nur inszenierte Desaster. Es ist die jährlich stattfindende Hauptübung, welche die beiden Feuerwehrcorps, abwechselnd in Balsthal und in Oensingen, durchführen. Die Übung vom Montagabend stand unter der Leitung von Hauptmann Björn von Burg; Hauptmann Thomas Flury war Einsatzleiter.

Die Feuerwehrleute versuchen zunächst, mit allen Fahrzeuginsassen Kontakt aufzunehmen, um sie bei leichten Verletzungen – Schnittwunden oder Blessuren – den Samaritern zu übergeben. Diese führen die Betroffenen vom Unfallort weg zum nahe gelegenen Bauernhaus. In jedem Fahrzeug wird nachgeschaut, auch dort, wo keine Unfallanzeichen zu sehen sind.

Die zwei Pferde werden aus dem Anhänger geholt und in Sicherheit gebracht, der Rollstuhlfahrerin sind die Feuerwehrmänner beim Ausstieg aus ihrem Spezialfahrzeug behilflich; sie hat «lediglich» einen Schock.

Schwieriger wird es bei eingeklemmten Personen in den Autos. Durch die Fenster hindurch wird Kontakt aufgenommen und wo es nötig ist, bereits durch die Notärzte Infusionen gesteckt. Die Verunfallten werden also durch die Scheiben hindurch betreut, indem Feuerwehrleute sie stützen und Kontakt halten, denn das, was jetzt kommt, braucht etwas Zeit: das Aufschweissen der Dächer.

Nach gut fünf Minuten kann ein Dach abgehoben werden und können so die Verletzten sorgfältig und auf Barren fixiert hinausgetragen werden. Schwieriger wird das Bergen der Verunfallten beim Auto, das auf dem Dach liegt. Hier muss ein sogenannter Krokodilschnitt durchgeführt werden. Das bedeutet, das Auto wird von der Rückseite her aufgeschnitten, dann abgestützt und die verletzte Person so evakuiert.

Eifrig sind alle an ihrem Posten an der Arbeit. Die zwei Medienvertreter – ein Fotograf und eine Journalistin – haben sich ins Geschehen vorgewagt und versuchen immer wieder, an Fotos und Informationen zu kommen.

«Gehen Sie weg, dort zum Hügel, zwanzig Meter entfernt. Ich gebe Auskunft, sobald es etwas zu sagen gibt», sagt die Polizeibeamtin Sandra Scacchi dezidiert und leicht verärgert. Zögernd befolgen die Medienleute die Anweisung, versuchen aber weiter, mit den Feuerwehrmännern und -frauen ins Gespräch zu kommen.

«Ich kann Ihnen nichts sagen» und «Machen Sie keine Fotos und lassen Sie uns unsere Arbeit machen», sagen auch diese mit Nachdruck.

Konzentriert und ohne Lärm oder Geschrei werden die Aufgaben eine nach der anderen erledigt. Bis alle Verletzten so weit geborgen und versorgt sind, dass sie abtransportiert werden könnten. So sind 50 Minuten vergangen und die Übung wird als beendet erklärt. Doch noch immer fordern einzelne Feuerwehrleute den Fotografen auf, mit dem Fotografieren aufzuhören.

Die Truppe wird zu einer ersten Übungsbesprechung auf dem Unfallplatz versammelt. Einsatzleiter Björn von Burg ist zufrieden. «Ich muss euch loben. Es war alles hervorragend», sagt er. «Nach der ersten Aufregung über das, was ihr angetroffen habt, wurde überall sehr ruhig und konzentriert gearbeitet. Das ist sehr wichtig für die Unfallopfer, die ja selbst schon in Panik sind: Dass wir Ruhe vermitteln können.»

Auch das rigorose Wegweisen der Medienleute durch die Polizei und durch jedes einzelne Feuerwehrmitglied habe sehr gut geklappt. «Ausser», sagt von Burg, «jemand ist nicht gerettet worden. In dem Auto mit dem Pferdeanhänger befand sich noch ein kleiner Hund in einem Hundekorb. Also: schaut immer in jedem Auto ganz genau nach, ob nicht noch ein Lebewesen drin ist. Es könnte ja auch ein Baby sein.»

Dominik Bader, technischer Einsatzleiter, ergänzt, sehr gut sei gewesen, dass ein Korridor für den Abtransport der Verletzten offen geblieben sei.

«Mir ist aufgefallen, dass jeweils sehr viele Leute rund um die Unfallwagen herumstanden, als sie noch gar nicht gebraucht wurden. Solche sollten jeweils einen Meter zurückbleiben, bis sie zum Einsatz kommen. Denkt an die Verunfallten. Sie erschrecken, wenn so viel Personal um sie herumsteht.»

Lob kam auch vom mitmachenden Notarzt, der meinte, die Kommunikation zwischen allen Beteiligten sei sehr gut gewesen und die Arbeit sei zügig und fleissig erledigt worden.

Alles wird jetzt aufgeräumt, die Strassen geputzt und wieder dem Verkehr übergeben. Es ist dunkel geworden, und jetzt gönnt sich die Mannschaft an einem anderen Platz ein «Waldfest», eine Flasche Bier und ein Stück Solothurner Kuchen aus Oensingen.