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Like a Prayer - Wie ein Gebet für gute Erreichbarkeit

Sarah Koch
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Das Projekt Umfahrung Klus soll 74 Millionen Franken kosten. (Archivbild)

Das Projekt Umfahrung Klus soll 74 Millionen Franken kosten. (Archivbild)

Bruno Kissling

Am Samstagmorgen ging sie jeweils los – die Fahrt ins Thal, genauer gesagt ins regionale Zentrum Balsthal zum Einkaufen. Dem damaligen Einkaufsriesen im Gäu – der «Waro» – noch zum Trotz. Zuerst stand die Migros auf dem Programm, ja, vielleicht bekomme ich sie heute, meine langersehnte Madonna-CD «Like a Prayer», in der hinteren Ecke der Musikabteilung. Zum Schluss gab’s jeweils Kaffi und Gipfeli im damaligen Kultlokal «Goldgässli». An die jeweilige Autofahrt durch die enge Klus mag ich mich nur schwach erinnern – an einen Stau nach Balsthal schon gar nicht.

Heute stehen wir vor der grossen Diskussion eines 74-Millionen-Projekts zur Umfahrung Klus. Schon seit längerer Zeit ein heisses Eisen, dennoch scheinen die Meinungen noch nicht flächendeckend gemacht. Die Thaler überlegen sich Chancen und Risiken genau: Die Erreichbarkeit, der Naturschutz, die Standortattraktivität, die ländliche Entwicklung und die Revitalisierung werden intensiv diskutiert.

Als täglicher Pendler profitiert man von einem kürzeren Arbeitsweg. Diese Zeitersparnis kommt dem Konto Freizeit und Familie direkt zu Gute. Unter Umständen lohnt sich eine Mittagspause zu Hause, wenn der Weg ins sonnige Thal schnell und ohne Stau möglich ist. Immerhin – die staubedingte Fahrzeit beträgt oft bis eine halbe Stunde: Das schenkt ein. Als Velofahrer und Fussgänger profitiert man von einem attraktiveren Verkehrsnetz, als Bewohner der Klus trumpft man mit einer besseren Wohnqualität auf.

Andererseits kennen wir das alt bekannte Argument: Mehr Strassen und mehr Spuren führen oftmals nicht zu weniger Stau, sondern bewirken einen gegenteiligen Effekt. Wenn die Bedingungen, um von A nach B zu kommen, besser werden, wird der nutzenorientierte Mensch mehr Anreiz haben, die Strecke mit dem Auto zurückzulegen. Der Ansatzpunkt müsste folglich sein, zusätzliche Anreize für neue Mobilitäts- und Verkehrsmodelle zu schaffen.

Ein bekanntes Beispiel ist die Mitfahrplattform «Hitchhike», die 2019 im Thal erfolgreich lanciert wurde und immer mehr «Matches» verzeichnen kann. Hoffnung bringen zusätzlich die längerfristigen Einflüsse von Corona auf die individuelle Mobilität und das Arbeitsverhalten. Der Trend zu mehr mobilem Arbeiten und zu einer zunehmenden Glättung der Pendlerströme zu Spitzenzeiten wird einsetzen. Eine Chance mit neuen Perspektiven für periphere Gemeinden: Gewisse Qualitäten rücken vermehrt in den Vordergrund.

Eine neue Auseinandersetzung um die Bewahrung gleichwertiger Lebensverhältnisse ist überall entfacht. Service Public und damit der Begriff der Grundversorgung ist heute mehr als Post und Telekommunikation. Vieles wird davon abhängen, wie das Thal seine spezifischen Qualitäten als Wohn- und Arbeitsregion schärfen und sich von anderen Regionen unterscheiden kann. Vor diesem Hintergrund sollte auch künftig Wert auf Vorausdenken und Innovationskraft für den Standort gelegt und eine umfassende nachhaltige Entwicklung gemäss dem Zukunftsbild der Region Thal eingeschlagen werden. Gute Rahmenbedingungen vor Ort sind umso wichtiger, um die Bewegungen raus aus dem Thal zu bremsen. Die breit abgestützte Siedlungsentwicklung und Nutzungsplanung sind dabei wesentliche Instrumente, welche auch künftig den Weg weisen können.

So oder so, die anstehende Diskussion um das Infrastrukturprojekt bleibt spannend. Vielleicht können noch blinde Flecken aufgedeckt werden? Sonst hilft vielleicht wirklich nur noch „Like a Prayer“ – wie ein Gebet für die gute Erreichbarkeit in und aus dem Thal.