Gäuer Fasnacht

Lieber in Lederhosen am Oktoberfest statt als Obernarr an die Fasnacht

Der Gäuer Umzug: Trotz schwindendem Interesse am allgemeinen Fasnachtstreiben in den Dörfern ist er beliebt.

Der Gäuer Umzug: Trotz schwindendem Interesse am allgemeinen Fasnachtstreiben in den Dörfern ist er beliebt.

In den einstigen Fasnachtshochburgen im Gäu fehlt zusehends der Nachwuchs. In Neuendorf gibt es bereits zum dritten Mal in Folge keinen Obernarr mehr, in Wolfwil seit zwei Jahren. Auch in Egerkingen zeichnet sich für das Jahr 2016 eine Vakanz ab.

«Wenn ich nach Neuendorf oder Wolfwil blicke, wo es seit drei, respektive zwei Jahren keine Obernarren mehr gibt, frage ich mich manchmal schon, wie es im Dorf mit der Fasnacht weiter gehen soll», sagt Caroline Röhteli, die Präsidentin vom Naare Rot Egerkingen. Auch hier hat die Fasnacht derzeit keinen leichten Stand, wie die 28-Jährige einräumt. Hintergrund sei wohl ein Genartionenwechsel bei den Fasnächtlern. Es gebe insgesamt einfach zu wenig Junge, welche sich aktiv in die Fasnacht einbringen wollten.

Dank Brini I eine Chräiemuetter

«Dieses Jahr hatten wir noch einmal Glück, dass wir mit Brini I. alias Sabrina Studer doch noch eine Chräemuetter für die kommende Fasnacht gewinnen konnten», sagt Caroline Rötheli. Soweit wie in Neuendorf habe man es auf keinen Fall kommen lassen wollen, schliesslich sei die Tradition, im Dorf einen Obernarr zu küren, über 20 Jahre alt. Allerdings hat das dieses Jahr auf dem letzten Drücker geklappt. Vorher hätten sämtliche angefragten Personen dem Naare Rot eine Absage erteilt. Sabrina Studer habe davon gehört und sich spontan bereit erklärt, das Amt der Chräiememuetter zu übernehmen.

Das sei ein absoluter Glücksfall, heute wolle niemand mehr Verantwortung übernehmen, auch nicht als Obernarr. Dieses Amt habe auch eine gewisse Vorbildfunktion, etwa im Umgang mit Kindern oder Senioren. Dazu kämen die hohen Präsenzzeiten. «Eine Woche Dauereinsatz, verbunden mit wenig Schlaf schreckt viele Leute ab», ist Rötheli überzeugt. Vor allem Jugendliche: «Die wollen frei sein und einfach feiern.» Das gelte auch für andere Ämtli.

Lieber Oktoberfest als Fasnacht

Diese Entwicklung wird mit Sorge von Franz Fischer verfolgt, einem Urgestein der Egerkinger Fasnacht. Zu spüren bekommt das zunehmend auch die Guggenmusik Chräieschränzer, der Fischer seit 26 Jahren angehört. Der von der Gugge jeweils am Fasnachtsfreitag organisierte Chräieball hat es immer schwerer, wirklich viel Publikum zu mobilisieren. «Ganz im Gegensatz zum Oktoberfest im Gäupark, die haben immer volles Haus, dabei hat das mit unserer Kultur gar nichts zu tun», empört sich der 54-Jährige. Die Dorffasnacht, welche aus seiner Sicht vor rund fünf Jahren ihren Höhepunkt erlebt hat und seither an Bedeutung verliert, will er trotzdem nicht abschreiben: «Es hat immer wieder Auf- und Abwärtsbewegungen, das kommt schon wieder ins Lot», glaubt Fischer.

Naare-Rot-Präsidentin Caroline Rötheli dagegen blickt eher mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Nach der Fasnacht werden vier der sieben Mitglieder des Naare Rots aus beruflichen oder persönlichen Gründen demissionieren. «Dann sind wir nur noch zu dritt und die Suche nach einem neuen Obernarr und die Organisation der Fasnacht werden noch schwieriger. Vielleicht müssen dann auch wir eine gewisse Zeit ohne Obernarr auskommen», befürchtet Caroline Rötheli.

«Jetzt wird zuerst einmal ausgiebig Fasnacht gefeiert», findet die Naare-Rot-Präsidentin. Mit einem Aufmarsch wollen die Egerkinger am Gäuer Umzug in Neuendorf glänzen. «Wir werden mit zwölf Gruppen mit rund 260 Teilnehmern präsent sein.»

Neuendörfer Obernarr sagte ab

In Neuendorf werden am kommenden Sonntag 25 Gruppen und Sujets mit über 500 Teilnehmern den Gäuer Fasnachtsumzug bilden, wie die Präsidentin des Fasnachtsrates (Fara) Kathrin von Arx erwähnt. Allerdings muss Neuendorf bereits im dritten Jahr in Folge ohne Obernarr auskommen, «trotz intensiver Suche», wie von Arx versichert. «Unser Kandidat ist trotz vorgängiger Zusage kurzfristig abgesprungen.»

Das Amt des Obernarren sei halt zeitintensiv und deshalb nur sehr schwer zu besetzen. Davon will sich der Fara aber nicht abschrecken lassen. Im kommenden Jahr wird ein neuer Versuch unternommen. Die anstehende Fasnacht soll dennoch ein Erfolg werden, auch ohne Obernarr und trotz Schulferien. Die Besucherzahlen seien in den letzten Jahren konstant gut gewesen und die Anlässe hätten sich gerechnet, gibt sich die Fara-Präsidentin optimistisch. Garant dafür seien nicht zuletzt auch die Schnitzelbankgruppen Die schreege Vögu und die Dorfzwirble, die Wagenbaugruppe Sänf Duube Zunft und die Guggenmusik Duube Guuge.

Zwischenjahr in Wolfwil

Ebenfalls auf einheimische Gruppen wie die Schnitzelbankcliquen Seichbämsle und Wöschwiiber sowie die Guggemusik Bäseschränzer setzt die Fasnachtsgesellschaft Wolfwil, wie Präsident Willi Kissling erklärt. Die Aaregäuer stehen ebenfalls ohne Obernarr da. Das zweite Jahr in Folge. Letztes Jahr haben die Alt Obernarren den Karren aus dem Dreck gezogen. Diese Lösung fällt also ausser Betracht. «Wir haben gar nicht nach einem neuen Obernarr gesucht und konzentrieren uns stattdessen auf das Fasnachtsjahr 2016, wenn die Gemeinde ihr 750-Jahr-Jubiläum feiert. Wir finden sicher jemanden, der in die jüngste Geschichte des Dorfes eingehen will», bemerkt Kissling dazu. Einfach werde es aber trotzdem nicht.

Die aktuelle Fasnacht im Aaregäu sieht der Präsident der Fasnachtsgesellschaft als Zwischenjahr ohne grossen Publikumsaufmarsch. «Deshalb verzichten wir auf die Strassenfasnacht und setzen im Gegenzug auf die Beizenfasnacht am Freitagabend und nach dem Umzug am Sonntagnachmittag», sagt Kissling. Den Höhepunkt des Fasnachtstreibens soll die Verbrennung des Bööggs sein, welche am Dienstag um 18 Uhr an der Schulstrasse steigt, mit einem grossen Feuerwerk als Krönung.

Ob dieser Knalleffekt ausreicht, um im kommenden Jahr neben einem neuen Obernarr zusätzliche Fasnächtler zu mobilisieren, die nicht nur feiern, sondern auch anpacken wollen, wird sich erst noch weisen müssen. Nicht nur in Wolfwil, sondern auch in Neuendorf und Egerkingen.

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