Welschenrohr

Leuchtend strahlende Uhren – wortwörtlich: Als Radium noch zum Alltag gehörte

Das Uhrenmuseum «Uhrundzeit» in Welschenrohr lockt mit einer Sonderausstellung rund ums Thema Radium.

Technos war einst ein Gigant unter den Uhrenherstellern im Bezirk Thal. Die Produktionsstätte in Welschenrohr beherbergte zu Spitzenzeiten rund 550 Mitarbeiter. Diese Zeiten sind aber längst vorbei. Fast vier Jahrzehnte ist es her, dass hier die letzte Uhr vom Band lief.

2012 hat das grosse Gebäude aber eine andere Verwendung gefunden: Als «Kulturfabrik» beherbergt es neben anderen Mietern das 2001 gegründete Uhrenmuseum «Uhrundzeit». Mit der Sonderaustellung Radium, welche vom 23. Januar bis 5. Juli ausgestellt sein wird, widmet sich das Museum einer ganz besonderen Geschichte der Uhren. Dabei gilt die Maxime: Viel Geschichte auf kleinem Raum. Auf einer Ausstellungsfläche von rund drei auf drei Metern wird auf eindrucksvolle Weise gezeigt, wie das radioaktive Element Radium seine Verwendung in der Industrie vom späten 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhundert fand.

Nicht nur Uhren zieren die Ausstellung

Aber warum widmete sich die Uhrenindustrie einem solch strahlenden Stoff? «Die Verwendung von Radium hat natürlich den Vorteil, dass damit Anzeigen oder Uhren auch in der Dunkelheit ablesbar sind», sagt Kurator Andreas Fluri. Allerdings wusste man zu Zeiten der Uhrenindustrie schon, dass Radium in gewissen Mengen nicht ganz unproblematisch ist. Fluri meint hierzu: «Es wurden damals in der Uhrenindustrie täglich Hunderte von Ziffernblättern verarbeitet. Da hat sich niemand Gedanken über seine Gesundheit gemacht.» Es sei auch lange Zeit als Heilmittel in der Medizin zum Einsatz gekommen.

Entdeckt hatte die radioaktive Substanz die namhafte französisch-polnische Physikerin und Nobelpreisträgerin Marie Curie 1898. Radium wurde nicht nur in der Uhrenindustrie zum absoluten Erfolgsschlager, sondern auch in der Medizin- oder Kurwasserbranche.

Im Ausstellungsraum in Welschenrohr erhellen grün leuchtende, fast schon ausserirdisch anmutende Gläser – Urangläser um präzise zu sein. Nur ein paar Zentimeter weiter weg, befindet sich eine Vitrine mit Kurwasserbehältern. Die Ausstellungsstücke stammen unter anderem aus dem Pharmaziemuseum Basel, vom Bundesamt für Gesundheit und von der SUVA. Ein Teil stammt aus dem eigenen Museum und die Urangläser erhielt das Uhrenmuseum aus Wangen an der Aare. Diese wurden damals mit Urangestein angereichert. «Aber nicht nur für Gegenstände wurde radioaktive Substanz verwendet, sondern auch für alltägliche Dinge wie Medikamente, Sitzkissen oder auch Shampoos», erklärt der Kurator.

Den Radium-Pinsel mit dem Mund zugespitzt

Erst in den 1960er-Jahren änderte sich die Gesetzgebung für radioaktive Stoffe im Zuge der Atomkraft. Zwar war Radium per Gesetz her nicht verboten, aber es wurden neue Sicherheitsmassnahmen im Umgang mit den Stoffen geregelt. «Der heutige Grenzwert ist ein Millisievert pro Jahr, dies entspricht etwa der Menge, der wir in unserem Alltag natürlicherweise ausgesetzt sind», sagt der Rhabilleur. Das war vorher noch nicht so streng geregelt. Die Arbeiter strichen das Radium auf die Anzeigen der Uhren mit einem Pinsel, den sie immer wieder mit dem Mund zuspitzten. «Somit nahmen einige das Radium durch den Mund auf. Gewissen machte dies nichts aus, andere jedoch – wie etwa in den USA bekannt – starben daraufhin an Krebs», so Fluri. Mit der Zeit wurde das Element nach und nach von einer anderen radioaktiven Substanz ersetzt, die aber weniger stark war; Tritium. Die Substanz wurde bis in die späten 1990er-Jahre weiterhin genutzt. «Moderne Uhren haben aber keine radioaktiven Anzeigen mehr verbaut, sondern nutzen Swiss Super Luminova», sagt der gelernte Uhrenmacher. Dieses wird von der Firma Tritec in Teufen, Appenzell Ausserrhoden, fabriziert und ist eine Keramik aus seltenen Erden.

Ausstellung hat direkten Bezug auf die Fabrikhalle

Das Bundesamt für Gesundheit führt schweizweit Sanierungsarbeiten aus, bei der Radium beseitigt wird. 2019 erfuhr auch das Gebäude des Uhrenmuseums eine umfassende Raumsanierung weil es stark mit Radium belastet war (wir berichteten). «Mit der Ausstellung wollen wir die Menschen stärker für das Thema Radium sensibilisieren und auch diejenigen Menschen erreichen, die nach wie vor Uhren aus dieser Zeit tragen oder sammeln», sagt Fluri. Was die nächste Sonderausstellung beinhalten wird, das kann Fluri noch nicht zu 100 Prozent sagen. «Eines meiner absoluten Lieblingsthemen wäre die Uhrenmacher-Krankenkasse, die es heute noch in Welschenrohr gibt», so der Kurator. Erst widmet sich «Uhrundzeit» aber ganz dem Radium.

Hinweis
Die Sonderausstellung «Radium» findet im Uhrenmuseum Uhrundzeit in Welschenrohr vom 23. Januar bis zum 5. Juli statt. Öffnungszeiten: 23. Januar ab 19 Uhr, 2. Februar, 1. März, 5. April, 3. Mai, 17. Mai und 7. Juni von 10 bis 17 Uhr, Offene Führungen bei Nacht 3. Februar und 17. Februar ab 19.30 Uhr, 5. Juli ab 14 Uhr Finissage.

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