Herr Heim, Sie blicken auf 36 Jahre Lehrtätigkeit in Neuendorf zurück. Welches sind die Gründe für diese bemerkenswert lange Zeit an derselben Schule?

Alex Heim: Das Klima im Lehrerkollegium war einfach immer gut und auch die Gemeinde zeigte sich gegenüber der Schule stets grosszügig. Wenn es einem am Arbeitsplatz gefällt, geht man nicht weg. Zudem ist Neuendorf meine Heimatgemeinde.

Warum wollten Sie Lehrer werden?

Eigentlich wollte ich ja Pfarrer werden. (lacht) Ich habe dann aber in jungen Jahren meine heutige Frau Ursula kennen gelernt. Sie war eigentlich mein Schatz ab der 5. Klasse. Damit hat sich der Wunsch, Pfarrer zu werden, verflüchtigt.

Auch wegen des Zölibates?

Ja natürlich auch deswegen. Weil es mir wichtig war, etwas mit Menschen zu machen, entschied ich mich für eine Ausbildung zum Lehrer.

Hatten sie ein Vorbild?

Ganz klar Toni Brutschin, bei dem ich die 6. Klasse besuchte habe. Seine Art zu unterrichten, hat mich fasziniert. Er war mein grosses Vorbild.

Kamen während des vierjährigen Lehrerseminars nie Zweifel ob ihrer Berufswahl auf?

Doch, ich hatte schon Zweifel. Ich fragte mich, ob ich das überhaupt kann. Wir Seminarabgänger hatten ja noch keine Ahnung vom Schule- geben und die praktische Erfahrung fehlte sowieso.

Wo haben sie ihre erste Stelle als Lehrer angetreten?

Im Alter von 20 Jahren übernahm ich in Balsthal unter denkbar schlechten Voraussetzungen eine 6. Klasse mit 36 Kindern.

Was meinen Sie mit schlechten Voraussetzungen?

Ich hatte kein Schulzimmer und musste als völlig unerfahrener Lehrer in einem Singsaal ohne Wandtafel und geeignete Lehrmittel unterrichten. Dazu kam, dass ich noch im selben Jahr in die Rekrutenschule musste, obwohl die Kinder im Frühling die Prüfungen hatten. Damals hatte ich wirklich Zweifel, ob der Lehrerberuf für mich der Richtige ist. Im zweiten Jahr wurde dann aber in Balsthal alles besser. Ich bekam ein richtiges Schulzimmer. Danach hat es mir dort sehr gut gefallen und ich wäre vermutlich heute noch dort, wenn es meine Frau Ursula nicht zurück nach Neuendorf gezogen hätte.

Wann sind Sie nach Neuendorf gezogen?

1977 übernahm ich in Neuendorf eine 5. Klasse. Dies war übrigens auch ganz im Sinn des damaligen Gemeindepräsidenten Hans von Arb, der mich im Vorfeld des Wechsels mehrmals darum gebeten hatte, in Neuendorf Schule zu geben.

6.-Klässler stehen vor dem Übertritt in die Oberstufe. Macht das die Aufgabe als Lehrer nicht besonders schwierig?

Das ist genau die Herausforderung, die ich immer suchte. Mein Ziel war immer, die Kinder möglichst gut auf die Prüfungen vorzubereiten, jedes Kind dorthin zu bringen, wo es sein sollte.

Wie schaffen die das?

Indem ich das Kind für die Aufgabe begeistere, es aus der Reserve hole. Dies ist mitunter eine besondere Begabung von mir, die ich gezielt für den Unterricht nutze. Viele Kinder sind durch diese Motivation während der zwei Jahre, die sie bei mir waren, über sich hinausgewachsen. Wenn ein Kind Willen zeigte, dann hatte es bei mir stets die Chance, sein Ziel zu erreichen. Einen wichtigen Beitrag haben natürlich jeweils auch die Eltern geleistet.

Kann man allen Kindern gerecht werden, sie ihren Fähigkeiten entsprechend fördern?

Jetzt wird es wieder schwieriger.

Warum, war es früher einfacher?

Nein, vor 30 Jahren war es so wie jetzt, alle Kinder, Hilfsschüler und künftige Gymnasiasten, sassen in derselben Klasse. Dazwischen gab es eine lange Phase mit Kleinklassen für schwächere Schüler. Mit dem integrativen Unterricht sind wir also gleich weit wie vor 30 Jahren.

Und das macht alles schwieriger?

Viel schwieriger. Als Lehrer bist du mit der ganzen Bandbreite konfrontiert. Nicht ideal finde ich, wie der Förderunterricht für schwächere Schüler gestaltet wird. Wenn die dafür zuständige Lehrerin in die Klasse kommt, weiss der betreffende Schüler, dass diese Frau wegen ihm kommt und dass er halt wohl doch nicht der Schlauste ist. Dieses immer wiederkehrende Erlebnis finde ich aus psychologischer Sicht nicht gut. Bei der Einschulung in die Kleinklasse geschah das nur einmal und die Kinder konnten besser ihren Fähigkeiten entsprechend unterrichtet werden.

Dann war es ein Fehler, die Kleinklassen abzuschaffen?

Ganz klar ja

Wie beurteilen Sie die Veränderungen im Schulwesen insgesamt?

Es ist für die Kinder und Lehrer schwieriger geworden. Früher war ein Lehrer alleine für seine Klasse verantwortlich. Heute werden für den Turnunterricht, für Französisch- oder Englisch-Lektion, Werken oder Religion immer andere Lehrkräfte eingesetzt. Dass ein 3.-Klässler heutzutage schon bis zu acht Lehrpersonen hat, finde ich wahnsinnig. Mit dieser Verzettelung verliert der in meinen Augen für die Kinder sehr wichtige Bezug zum Lehrer an Bedeutung. Das wirkt sich negativ auf die Unterrichtsqualität aus. Positiv sind sicher die Veränderungen in Bezug auf die Unterrichtsformen. Neben dem früher dominierenden Frontalunterricht gehören heute Gruppenunterricht oder Partnerarbeiten zum Schulalltag. Das gab es bis vor ein paar Jahren viel weniger. Auch technisch hat sich viel getan. Hellraumprojektor, Laptop und Internet sind heute unverzichtbare Hilfsmittel im Unterricht.

Und wie haben sich die Schüler und deren Eltern in den 42 Jahren ihrer beruflichen Tätigkeit verändert?

Die Schüler sind nicht unangenehmer geworden, wie das viele Leute zu glauben wissen. Ich hatte während meiner Zeit als Lehrer nur etwa fünf Kinder, bei denen ich froh war, als sie gegangen sind. Insgesamt sind die Kinder offener und kritischer geworden. Sie trauen sich, Fragen zu stellen. Vor 40 Jahren wagte ja kaum jemand, mit dem Lehrer zu reden. Heute ist das Klima kollegialer. Auch die Eltern sind kritischer geworden, sehr sogar. Probleme mit Eltern hatte ich aber nie. Ich habe immer offen und ehrlich informiert. Das wurde geschätzt, auch wenn es gelegentlich viel Post gab von mir.

Gibt es heute mehr Konflikte zwischen Schülern und Lehrer als früher?

Nein. Dem Vernehmen nach wurde mit Lehrern früher bösartiger umgegangen. Und wenn heute auf Lehrer geschossen wird, geschieht dies eher im Internet. Ich selbst hatte nie Probleme dieser Art und hatte eigentlich mit den Kindern immer ein gutes Verhältnis. Allerdings habe ich stets klargestellt, dass ich der Chef bin, dass ich die Verantwortung für die Klasse trage. Wenn es dennoch zu Konflikten kam, war es schon möglich, dass ich laut wurde. Ich habe aber auch die Fähigkeit, einen Strich unter die Sache zu ziehen und zu vergessen. Ich bin nicht nachtragend.

Der Lehrerberuf ist bisweilen sehr anstrengend. Erschöpfungszustände bis hin zum Burnout sind oft die Folge. Sind Sie auch betroffen?

Ich war vor allem in den letzten vier Jahren mit extrem grossen Klassen mit bis zu 28 Kindern sehr stark gefordert. Wenn ich nicht in Pension ginge, würde ich wieder 25 Kinder in der 5. Klasse haben. Das hat meinen Entschluss sicherlich beeinflusst.

Wie haben Sie es geschafft, sich immer wieder von Neuem zu motivieren?

Ich habe in den letzten Jahren neben der Schule in vielen Bereichen etwas zurückgesteckt, auch in der Politik. Kraft konnte ich vor allem zu Hause bei meiner Familie, insbesondere bei meiner Frau Ursula, tanken. Weil sie in der Schule auch meine Stellvertretung übernommen hatte, war sie natürlich auch beruflich eine grosse Stütze für mich. Das war die absolute Idealsituation für mich.

Was waren rückblickend ihre Steckenpferde in der Schule?

Gesangs-, Musik- und Theaterprojekte mit meinen Schülern. Jedes Jahr habe ich mit den Kindern neue Projekte angepackt. Mit Gesangskonzerten in der Region sowie weiteren Anlässen im Dorf verdienten meine Klassen jedes Jahr genug Geld für eine tolle Abschlussreise. Am meisten Freude machte mir jeweils, wenn ich beobachten konnte, wie motiviert die Kinder bei der Sache sind und wie sie ihren Erfolg nach dem Konzert geniessen konnten. Das machte wirklich Freude.

Gab es auch traurige Momente?

Wenn Kinder ihre Mutter oder ihren Vater verloren haben. Während meiner Zeit habe ich das dreimal erlebt. Das nimmt einen mit und tut weh. Nicht Trauer, aber Enttäuschung kann man zusammen mit Schülern erleben, die ihre Prüfung nicht geschafft haben. Nachdenklich stimmt mich ferner die Entwicklung im Bildungswesen im Kanton Solothurn oder anderswo.

Und jetzt nach Ihrer Pensionierung fallen Sie ins grosse Loch?

Auf keinen Fall. Es gibt so viel zu tun, zum Beispiel im Garten oder Dinge, die ich bislang nur so nebenbei machen konnte. Ich möchte in Zukunft auch wieder mehr lesen, aber nicht ab A-4-Blatt. Dem Chorgesang, einem meiner liebsten Hobbys, werde ich treu bleiben. Und natürlich möchte mit meiner Frau auf Reisen gehen und unsere zwei Grosskinder geniessen. Stellvertretungen für Kollegen stehen auch auf meinem Wunschzettel.

Lehrer oder Pfarrer. Für welchen Beruf würden Sie sich heute entscheiden?

Ganz klar für den Lehrer, denn bis sich in der Kirche etwas ändert, vergehen noch viele Jahre.