Herbetswil

Leben kehrt zurück: Die neuen Pächter haben auf dem Hinter Brandberg losgelegt

Das neue Pächterpaar ist sich einig: «Der Ort und die Aufgaben des Alplebens sind ein Traum.»

Das neue Pächterpaar ist sich einig: «Der Ort und die Aufgaben des Alplebens sind ein Traum.»

Rahel Degen und Schaggi Vogt sind die neuen Gastgeber in der abgeschiedenen Bergwirtschaft Hinter Brandberg auf Herbetswiler Boden.

Die Thaler Vögel pfiffen am Wochenende den Wanderern und Mountainbikern Spalier. Und wer nach durchschrittener Wolfsschlucht oder schweisstreibender Velofahrt einkehren wollte, erlebte in der Bergwirtschaft Hinter Brandberg, hoch über Welschenrohr auf Herbetswiler Boden, eine Premiere.
Die neuen Pächter Rahel Degen (33) und Jakob «Schaggi» Vogt (34) feierten die Eröffnung des Restaurants auf 1162 Metern über Meer. Für das Menü – Laubfrösch mit Peterlihärdöpfel und Gemüse sowie Rhabarbertiramisu – ernteten sie Lob, und ganz grundsätzlich ist das Ausflugsvolk froh, hat die Beiz wieder geöffnet. Vor allem am prächtigen Sonntag hatten das Wirtepaar und seine Helfer alle Hände voll zu tun. «Das war ein guter erster Test», bilanziert Schaggi Vogt. Sie hätten viel Zustimmung erfahren, auch wenn sich dann und wann Wartezeiten nicht vermeiden liessen. «Die Leute freuen sich, dass etwas hier läuft», so Vogt. Der Aufmarsch habe die Beliebtheit des Hinter Brandbergs als Ausflugsziel untermauert.

Berghof Hinter Brandberg Hinterbrandberg ob Welschenrohr und Herbetswil

Der Berghof Hinter Brandberg (Archiv)

Berghof Hinter Brandberg Hinterbrandberg ob Welschenrohr und Herbetswil

Eineinhalb Monate nach der Ankunft hat das Paar die Feuertaufe als Gastgeber bestanden. Jetzt geht es so richtig los. Rahel Degen zeichnet verantwortlich für die landwirtschaftliche Betriebsführung, während ihr Partner Schaggi Vogt die Zügel der Wirtschaft in den Händen hält. Die Aufgaben bewältigen sie gemeinsam. Sie werden künftig von drei Schwerpunkten geprägt: Restaurant, Landwirtschaft, Sömmerung. Gäste werden jeweils am Mittwoch sowie von Freitag bis Sonntag bewirtet. Im Stall stehen vorerst zwei Rinder und eine Kuh; die Pächter wollen sich langsam herantasten und herausfinden, wie viel Stück eigenes Vieh für ihren Betrieb geeignet ist. «Nume ned dryschiesse», sagt Schaggi Vogt. Ein grosser Teil der Arbeit schliesslich stellt der Sömmerungsbetrieb dar. Ab 1. Juni treffen aus Betrieben im Tal rund 80 Rinder und 40 Kühe auf der Alp ein.

Im Bündnerland als Älpler die Sporen abverdient

Die vier vorhandenen Weiden grenzen an den Hof und begünstigen damit einen effizienten Ablauf. Die Zäune sind fix installiert, und dank kurzer Distanzen gibt es beim Weidenwechsel wenig Bewegung. Da sind sich Rahel Degen und Schaggi Vogt anderes gewohnt. Die Sommer 2018 und 2019 verbrachten sie als Hirte auf der Alp Cavrein in hochalpinem Gelände Graubündens. Fixe Zäune waren nicht möglich. Wenn das Vieh die Weide wechselte, mussten die Hirte die Zäune abbauen und am neuen Ort wiederaufbauen. «Hier haben wir sehr schöne Weiden», meint Vogt. Nebst der Instandhaltung der Zäune wird erfahrungsgemäss die Pflege der Weiden viel Zeit in Anspruch nehmen, Buschwerk und unerwünschte Pflanzen müssen entfernt und der Waldrand im Zaum gehalten werden.

Das Hauptaugenmerk liegt auf den Tieren. Der Gesundheitszustand der 120 Kühe und Rinder wird täglich kontrolliert. Kleine Bobos vermögen die Älpler schon mal selber zu behandeln, zum Beispiel mit Salben, bei gröberen Dingen wird der Veterinär gerufen. Das Verletzungsrisiko ist auf der zweiten Jurakette sicher geringer als in schwierigerem Gelände wie damals auf der Alp Cavrein, als nach Stürzen das Vieh manchmal mit dem Helikopter ausgeflogen werden musste.

Schaggi Vogt ist Bauernsohn und ausgebildeter Sozialpädagoge, Partnerin Rahel Degen besitzt einen Masterabschluss in sozialer Arbeit. Vom «geregelten» Leben nahmen sie erstmals 2017 Abschied, als sie sechs Monate mit dem Wohnmobil durch Nordamerika reisten. In der kanadischen Provinz Yukon und im US-Bundesstaat Alaska genossen sie die Abgeschiedenheit der Natur, danach fuhren sie der Westküste entlang bis San Francisco und New Mexico. Zum Abschluss der Reise verbrachten sie eineinhalb Monate in Chile.

Das Alpleben mit den Tieren hat es dem Paar aus Allschwil BL angetan. Mit den Erfahrungen aus dem Bündnerland im Rucksack fühlen sie sich bereit für einen eigenen Betrieb. «Vom Hinter Brandberg waren wir von Beginn weg angetan», sagt Vogt, dessen Bruder via Inserat aufmerksam geworden war. Nach einem Augenschein im Herbst erfolgte bald die Bewerbung und kurz vor Silvester die Zusage seitens der Eigentümerin, der Brandberggenossenschaft. Am 1. April zogen sie auf den Berg. «Wir sind gut angekommen und auf dem Berg auf offene Leute und Wohlwollen in der Nachbarschaft gestossen», freut sich Schaggi Vogt.

Stimmt die Witterung, darf sich der Hinter Brandberg auf emsigen Betrieb in der kleinen Gaststube und der grossen Terrasse freuen. Die Leute wollen raus in die Natur, besonders in diesen aufgeregten Zeiten, das hat der vergangene Samstag gezeigt. Trotz frischer Temperaturen kehrten in kurzen Abständen Wanderer ein. Die Neo-Wirtsleute wollen ihre Gäste jeweils mit einer kleinen, aber vielseitigen Karte kulinarisch verwöhnen: Ein saisonales Menu soll ebenso Platz finden wie der klassische Wurstsalat, die Bratwurst mit Pommes frites und die «Thaler Platte», die mit Fleisch und Käse aus der Gegend bestückt ist.

Rahel Degen und Schaggi Vogt freuen sich auf Herausforderungen. «Der Ort und die Aufgaben des Alplebens sind ein Traum. Wir mögen die Selbstständigkeit und machen alles gerne. Nun gilt es, alles unter einen Hut zu bekommen und die Freude zu bewahren.»

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