Sepia ist Nostalgie. Stundenlang sitzen die Lastwagen-Veteranen andächtig in der Scheune auf dem «Hinger Brang», dem Berggasthof oberhalb Welschenrohr, und schauen sich die Bilder an, deren warmer Farbton die Fernfahrerromantik aufleben lässt. Kamele, Wüstensand und Reifenpannen wechseln sich alle paar Sekunden ab, und immer wieder sieht man gute Freunde in der Blüte ihrer Jugend, die sich gegenseitig helfen. Es sind dieselben Freunde, die nun 30, 40 Jahre später, in Erinnerungen schwelgen.

Irène Liggenstorfer hat sie gerufen, und fast alle sind gekommen, die Orient-Fernfahrer der guten alten Zeit. Dabei ist bis in den korrekt Hinterer Brandberg genannten «Chrachen» noch nie ein Sattelschlepper vorgestossen. «Willy Béguelin war einer von uns, bevor er hier Pächter wurde», erklärt Irène Liggenstorfer, warum sie das Trucker-Treffen ausgerechnet in dieser Bergwirtschaft organisiert hatte.

Viele der Veteranen fuhren für die Lysser Firma Wüthrich. «Wir haben aber auch die Fahrer der anderen Firmen eingeladen. Denn auf der Strasse waren wir keine Konkurrenten», sagt Irène Liggenstorfer, die als 17-Jährige von ihrem heutigen Mann Ulrich zum ersten Mal nach Teheran mitgenommen wurde, sich mit dem Virus der Fernfahrer-Romantik ansteckte und danach die einzige Schweizerin war, die die gefährliche Orientroute fuhr. 

«Tausend Träume auf Asphalt», «Ein paar Narben auf der Seele», «Truckerfrauen weinen heimlich», «Bitte komm gut heim», «Reifenpanne auf der A3» und legendär: «Teddybär Eins Vier». Gibt es sie wirklich, diese Fernfahrer-Romantik, wie sie die Countrymusik immer wieder besingt? «Auf der Strasse wohl nicht mehr», sagt Irène Liggenstorfer. Aber die Geschichten, die sich die Trucker-Veteranen erzählen, sind voll davon. «Die Kameradschaft war früher grossartig. Da wäre nie einer einfach vorbeigefahren. Man hat sich immer geholfen.»

Auch die Truckerin blieb nicht von Pannen verschont. Sie wechselte selbst.

Auch die Truckerin blieb nicht von Pannen verschont. Sie wechselte selbst.

«An jeder Grenze wurde man stundenlang kontrolliert», erzählt Hansueli Buess, der als einer der Ersten die Orientroute fuhr. «Wenn etwas nicht ganz stimmte, dauerte es Tage, bis man weiterfahren durfte.» Zuerst gings runter nach Jugoslawien, dann rüber nach Bulgarien und in der Türkei mit der Fähre über den Bosporus. «Im Winter war es dann schon sehr gefährlich, über die Pässe der Osttürkei zu fahren. Manchmal hatte es vier Meter Schnee.»

Dann ging es weiter ans Ziel in Pakistan, Saudi-Arabien oder Afghanistan. «Wenn ich heute die Bilder von Kandahar sehe, dann tut mir das weh. Dort war es schön, aber dann wurde alles zusammengeschlagen, und das wird nie wieder aufgebaut.» Der religiöse Fanatismus sei eine Katastrophe. Heute würde er nicht mehr in diese Länder fahren.

Bei der Durchquerung der Wüste in Katar gibt es ungewohnte Begegnungen.

Bei der Durchquerung der Wüste in Katar gibt es ungewohnte Begegnungen.

Für die Rückfahrt sei den Fernfahrern oft Opium angeboten worden. «Für 20 Mark das Paket. Einmal hatten in der Türkei ein paar Drogenhändler in der Nacht versucht, ein Säcklein unter meinem Lastwagen zu befestigen», erzählt Buess, heute 78-jährig. «Zum Glück habe ich das bemerkt.»

«Für mich waren die Orientfahrten die beste Zeit meines Lebens», sagt Marcel Antener. «Die Freiheit war grossartig.» Meistens sei alles gut gegangen, man habe sich am Abend mit den anderen Fahrern zusammengesetzt, gekocht und es zusammen schön gehabt. Er erlebte aber auch heftige Abenteuer. Einmal hatte er in Saudi-Arabien einen Unfall, weil der entgegenkommende Fahrer am Steuer eingeschlafen war. «Ich konnte ihm nicht ausweichen, aber wir hatten beide Glück und wurden nur leicht verletzt. Ich nahm meinen Pass und das Portemonnaie, und ein Engländer hat mich auf den nächsten Polizeiposten mitgenommen. Als ich dort die Botschaft anrief, sagten die, dass sie nichts machen können.» So blieb Antener zehn Tage im Gefängnis. «In der ersten Nacht hatte ich wirklich Angst. Dann konnte ich mit dem Polizeichef reden. Der gab mir eine Matratze, und es war nicht mehr ganz so schlimm.» Transporteur Wüthrich habe jemanden vorbeigeschickt, der ihn herausholte.

Ueli und Irène Liggenstorfer beim Rösti-Plausch in der Wüste.

Ueli und Irène Liggenstorfer beim Rösti-Plausch in der Wüste.

«Urs Wüthrich war tadellos. Er hat nie einen Fahrer im Stich gelassen», lobt der Veteran seinen Chef. Noch heute, als 70-Jähriger, holt Marcel Antener Aufleger in Hamburg oder ein neues Fahrzeug in Luxemburg, und er fährt bis nach Marokko. Und wenn ihn der Chef morgen fragte, ob er noch einmal nach Saudi-Arabien fahre? «Ich weiss nicht, was ich darauf antworten würde. Mit einem Car sicher nicht. Mit einem Lastwagen vielleicht schon.»