Härkingen

Kunstinstallation lässt die «Ästhetik der Langeweile» zum Abenteuer werden

Alles andere als langweilig: Bruno Kissling und Esther Quarroz und ihre Installation.

Alles andere als langweilig: Bruno Kissling und Esther Quarroz und ihre Installation.

Bruno Kissling und Esther Quarroz stellen in der Alten Kirche ihre aus Fundstücken geschaffenen Werke aus. Die Künstler sind durch Härkingen gelaufen, immer nach 81 Schritten kam ein Halt und man packte das, was sich da am Boden offerierte, ein.

Menschen sind erfinderisch, Kunstschaffende nicht nur das, sondern oft auf eine besondere Art auch kreativ. So erlebt man die beiden Berner Kunstschaffenden Bruno Kissling und Esther Quarroz in der vom 17. Januar bis 2. Februar dauernden Ausstellung in der Alten Kirche in Härkingen.

Eines Tages, genau genommen am 28. September 2013, nach langen intensiven Gesprächen und Betrachtungen, realisierten sie ihre Idee, für einmal sich mit Kunst auseinanderzusetzen, die im ganz Unspektakulären und Banalen liegt und damit auch ausserhalb der normalen Wahrnehmung, so als möchte man dem Menschen aufzeigen: In den kleinen unscheinbaren Dingen liegt die Schönheit des Eigentlichen, sei es auch nur ein verdorrtes Blatt, etwas Erde, Staub, ein paar verloren gegangene Steine, ein Ästchen, ein Papier oder eine Etikette, ein Zigarettenstummel, achtlos weggeworfen.

Alles Dinge, die unsere Strassen und Gehsteige beleben, unsere Wegborde, das Portal einer Kirche oder eines öffentlichen Gebäudes. Weggeworfene Dinge, vielleicht, weil sie ihre Funktion verloren haben, oder sicher, weil in allen diesen Objekten, die mit dem Menschen zu tun haben, aber auch mit der Natur ein Stück Vergangenheit liegt, ein Stück Zeitgeschichte.

Solchen Fragen gingen die zwei Kunstschaffenden auf die Spur. Sie zählten 81 Schritte, dann gab es einen Halt, und das erste transparente Plastikbeutelchen wurde mit einem verdorrten Ahornblatt, mit etwas Strassenstaub gefüllt, versiegelt, datiert nach dem Tagesablauf. Dann ging der Spaziergang oder die Reise durch Härkingen weiter.

Zum Voraus auf der Dorfkarte bestimmte Strassen wurden auf diese Weise abgeklopft und man packte das ein, was sich da am Boden offerierte, ein. Viel Zufall lag in diesem Unterfangen, aber auch viel augenblickliche Schönheit, die in diesem transparenten Beutel ihre Bedeutung bekommt.

81 Mal wurde ein solcher Halt in Härkingen gemacht, Strassenstaub, Erde, Steine. Vielleicht würde einer auch sagen, etwas Dreck in diese Beutelchen gepackt, die dadurch eine Eigendynamik erhielten und auch ein Stück stille Poesie.

Diese transparenten Beutelchen hängen nun in der Alten Kirche an dünnen Fäden von der Decke in den Raum, schwingen sanft hin und her, verführen zum genauen Betrachten, weil man gezwungen wird, diesen Spuren nachzugehen und mit der Zeit sogar eine Neugierde entwickelt, diese Beutelchen mit ihrem Inhalt zu erforschen.

Ist dies nun die Ästhetik der Langeweile, hat dieses Unterfangen mit Langeweile zu tun, oder machen sich da zwei Kunstschaffende ein bisschen lustig über die Art, wie wir unseren Alltag wahrnehmen?

Wie wir über den Boden schreiten, den Strassen und Gehsteigen entlanggehen, über Wege und Strassenränder, am Portal der Alten Kirche innehalten, um die Kirche herum schreiten und auf eine neue Art Härkingen zu entdecken beginnen?

Dies in kleinen, bescheidenen Fragmenten, denn die Orte, wo man den Staub oder die verloren und vergessen gegangenen Dinge entdeckte oder auch einfach nur wahrnahm, der wurde fotografisch eingefangen und in einem Bild verewigt. 81 Bilder, kleine Fotoaufnahmen von Strassenflächen, Gartenzaunrändern, etwas Gras mit ein paar Blumen, Staub und Erde, Steine und Papiere, immer kommt das Zufällige mit hinein, das mit unserer Wahrnehmung spielt.

Und diese Bilder hängen den Wänden im Ausstellungsraum entlang bis hinein in den Chorraum, Spuren der Suche nach Dingen, die in sich kein Ereignis sind, die eigentlich keine oder fast gar keine Bedeutung hätten, wenn da nicht zwei Kunstschaffende auf die Idee gekommen wären, ihnen eine neue Bestimmung zu geben.

Sie wollten bewusst als Kunstschaffende solchen Dingen nachgehen, die unspektakulär sind und an denen man achtlos vorbeigeht und damit aufzeigen, dass das kreative Element, die tragende Kraft jeder schöpferischen Tätigkeit, aber auch die langen Denkprozesse, die zum Resultat führen, einen tieferen Zusammenhang haben und immer etwas mit unserer persönlichen Wahrnehmung zu tun haben.

Vielleicht erlebt da der Besucher eine Art von Einführung in einen Prozess der feinen Nuancen, des Erkennens der Dinge hinter den Dingen, und erlebt die Erfahrung, dass die Ästhetik nicht ein abstraktes Ding ist, sondern in den kleinsten Gegenständen und Befindlichkeiten wohnt, wenn wir bereit sind, sie auferstehen zu lassen.

Die beiden wollten sichtbar machen, vor allem auch den Bewohnern dieses Dorfes, dass es keine achtlosen Dinge gibt, dass jede Art von Erkennung persönlich erlebt werden muss und sich zu einer besonderen Art von Schönheit entwickelt. Aus den unscheinbaren Vorgängen wurden kleine poetische, verträumte Bilder, greifbare und solche, die sich im Innern abspielen.

Im Chor kann man auf einer Tischplatte mit allerhand Gegenständen den Weg der Entstehung dieser Installation sehen, unter anderem auch einen Plan des Gangs durch das Dorf erkennen, nicht nur für die Härkinger ein spannendes Erlebnis, auch andere können in diese Welt eintauchen.

Der Höhepunkt ereignet sich ebenfalls im Chorraum, man entdeckt Elemente aus Papier, die Fragmente der Protokolle sind, die die beiden während ihrer langzeitigen Entwicklung formulierten. Gedanken und Wege, in kleinster Schrift ganz eng zusammengeschlossen, sodass aus den Buchstaben moderne abstrakt wirkende Bilder entstanden.

Mit einer Lupe könnte man den Inhalt noch lesen, wenn man möchte, doch dies ist gar nicht wesentlich, interessanter sind die Spuren an der Wand, die Schönheit dieser dicht beschriebenen Blätter, so als würde man das Innere eines menschlichen Hirns darlegen, den Irrgarten seines Denkens.

In dieser Ausstellung, in dieser Installation von Gedanken und Wegspuren aus dem Dorf Härkingen erlebt man eine eigenwillige Verinnerlichung der gegebenen Dinge. Das Fassbare verschiebt sich, die Langeweile ist nicht gegeben, weil gerade in ihr immer auch ein Stück der besonderen Kreativität lebt. Es ist dies ein Erlebnis der besonderen Art, das man sich zu Gemüte führen muss.

Zur Vernissage von heute Freitagabend, 17. Januar, 19.30 Uhr, spielen Michael Rötheli (Klarinette) und Carola Ghilardelli (Querflöte) aus Härkingen, einführende Worte spricht Alt-Bürgerratspräsident Pius Jäggi-Spuler.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1