«Ä, da war doch noch was, wollte ich nicht noch beichten?»: So interpretiert der Niederbipper Künstler Michael Blume den aus einer nicht mehr gebrauchten Leuchtschrift stammenden Umlaut. Angebracht hat er diesen an der zu einem Beichtstuhl umfunktionierten Gondel, welche seit wenigen Tagen unter dem Vordach der Alten Kirche steht. Sie ist ein Überbleibsel vom letzten Gastspiel der Oberaargauer Künstlergruppe BBB, welcher neben Michael Blume auch Reto Bärtschi aus Wangenried und Kurt Baumann aus Aarwangen angehören.

Der in der Bevölkerung nicht gänzlich unumstrittene Beichtstuhl mit integriertem Aufnahmegerät wird noch bis mindestens März 2014 bei der Alten Kirche in Härkingen stehen, um bereitwilligen Sündern die Beichte abzunehmen. Mit ihm halten auch die drei Künstler aus dem Kanton Bern wieder Einzug in Härkingen. Dies auf Einladung des Vereins Alte Kirche Härkingen, wie deren Präsident Martin Heim und Vorstandmitglied Judith Nussbaumer erklären. «Die Künstler haben mit ihren kreativen Werken und ihrem volksnahen Auftreten einen höchst nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Wir sind überzeugt, dass sie das Potenzial haben, noch einmal etwas Einzigartiges auf die Beine zu stellen», so Nussbaumer.

«Die Chance, uns in der Kirche und auf dem umliegenden Spielplatz (Gemeint ist die Umgebung der Kirche. Anm. Redaktion) ein weiteres Mal austoben zu können, wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen», sagt Kurt Baumann in Namen seiner Kollegen. «Und natürlich sind wir auch stolz, dass man uns das zutraut», bemerkt Reto Bärtschi.

Kirche in ein Kunstwerk verwandelt

Die drei Künstler aus dem Kanton Bern nahmen die Alte Kirche samt Umgebung letztes Jahr ab August für drei Monate in Beschlag und verwandelten sie mit ihren teils dort geschaffenen Werken in ein Kunstobjekt. Noch immer zu sehen sind unter anderem Kurt Baumanns einzigartige Vorhänge in den Fenstern der Kirche, welche er aus farbigen Griffen von Plastiktaschen fertigte. Für grenzwertige Kunst sorgte Reto Bärtschi, der in einem Bild Asche seines kremierten Vaters verarbeitete. Auch die rosa gestrichene Sakristei mit Ringelschrift geht auf sein Konto.

Im Grenzbereich angesiedelt werden muss auch der erwähnte Beichtstuhl, wie Judith Nussbaumer erwähnt. «Wir hatten einige Reaktionen, positive und negative.» Michael Blume, der Erschaffer des Beichtstuhls, wünscht sich mehr Toleranz. «Wir wollen die religiösen Gefühle der Menschen nicht verletzen», beton er. Vielmehr gehe es darum, Leuten die Möglichkeit zu geben, etwas anonym loszuwerden oder sich einfach mitzuteilen.

Wenig brauchbare Aufnahmen

Der Beichtstuhl wurde bei der letztjährigen Aktion rege benutzt. Eine 90-Minuten-Kassette mit Aufnahmen von Beichtenden zeugt davon. Eine Frau etwa gestand, dass sie bei einem Sportanlass die Resultate getürkt habe und dass sie einen gewissen Menschen am liebsten in die Wüste schicken würde. Ein Mann sagte mit gedämpfter Stimme ins Aufnahmegerät, dass er seine Frau angeschrien habe. Das tue ihm nun leid. Wegen technischer Schwierigkeiten fällt die Ausbeute mit etwa 5 Minuten wirklich brauchbarem Material eher etwas mager aus. «Der Knopf im vollautomatischen Beichtstuhl muss der während der ganzen Beichte gedrückt werden, sonst läuft das Aufnahmegerät nicht», sagt Blume dazu.

Beichten ab sofort wieder möglich

Nun hoffen die drei Oberaargauer, dass das Beichtstuhl-Projekt im zweiten Anlauf erfolgreicher ist. «Gebeichtet werden kann ab sofort», sagt Blume. Wenn genügend Beichten zusammenkommen, sollen diese wie bei der ersten Auflage geplant vom Kirchturm herab verlesen werden. Denkbar sei auch, eine CD daraus zu machen. «Die Texte werden natürlich nachgesprochen, damit die Leute anonym bleiben», versichert Reto Bärtschi. Das Gastspiel der Künstlergruppe BBB beginnt voraussichtlich Mitte Dezember und dauert bis März 2014.

Jeder für sich erhebt den Anspruch, etwas Neues zu schaffen. Was das sein könnte, sei indessen noch nicht entschieden, eher vage. Ideen gibt er aber dennoch schon. Kurt Baumann könnte sich vorstellen, mit von Schulen ausgemusterten Landkarten im Grossformat Collagen zu kreieren, Blume denkt an neue Lichtinstallationen. Auf Abwege begibt sich einmal mehr Reto Bärtschi. Er stelle derzeit in einer Schönheitsklinik in Biel seine Werke aus. «Ich könnte mir ja mein Fett absaugen lassen und daraus mit weiteren Bestandteilen vermischt eine Seife herstellen. So könnte aus etwa Ekligem etwas entstehen, dass der Schönheit förderlich ist», meint er zu seiner bizarren Idee. Die Seife soll übrigens rosafarbig werden. Die Lieblingsfarbe von Bärtschi, der damit 2011 bereits den Kirchturm von Attiswil bemalte sowie letztes Jahr die Sakristei der Alten Kirche in Härkingen.

Man darf gespannt sein, was sich die Querdenker bis zu ihrem Auftritt im Gäu noch alles einfallen lassen. Etwas Gewöhnliches wird es mit Sicherheit nicht sein.