Attraktive Spezialität des Geografen und Politkommentators Michael Hermann (42) ist die grafische Darstellung von Sachverhalten und Veränderungen der schweizerischen Politlandschaft. Aus dem reichen Fundus seiner politischen Landkarten und Grafiken konnte Hermann das Publikum an einem Anlass der CVP-Amteipartei Thal-Gäu und der Ortspartei Oensingen vom Dienstag in Oensingen problemlos eine Stunde lang spannend unterhalten.

Danach folgte eine intensive Fragerunde mit dem einheimischen Politstar Stefan Müller. Und die anwesenden Basis-Chrampfer der CVP erhofften sich vom aussenstehenden Experten möglichst praxistaugliche Antworten auf die ewigen Fragen ihres politischen Alltags.

Auffallend unverblümt war vor allem die Kritik Hermanns an der nationalen CVP-Spitze, genauer an ihrem aktuellen Präsidenten, dem Walliser Christophe Darbellay. «Darbellay ist einfach zu aufgeregt, er wechselt von Woche zu Woche von linkspopulistisch zu rechtspopulistisch.» Überhaupt meinte Hermann: «Ihr habt zu viele aufgeregte Politiker.» Bessere Noten als Darbellay gab er dem BDP-Präsidenten, dem Glarner Martin Landolt.

Im langjährigen Abwärtstrend der CVP gab es eine kurze Phase des Gewinns von Wähleranteilen – nämlich unter dem Parteipräsidium von Doris Leuthard (2004 bis 2006). Auch wenn Hermann einräumte, dass es damals noch keine Mitte-Konkurrenz von BDP und GLP gab, erschien diese Phase doch als Hoffnungsschimmer.

Das C als Klammer

Auch im Erfolg von Angela Merkels CDU in Deutschland sah Hermann einen Beleg, dass eine christlichdemokratische Partei kein Auslaufmodell sei. Doch die CVP plagen Zweifel. «Es gibt Leute, die überrascht feststellen, dass sie eigentlich genau auf der Linie der CVP liegen, aber die trotzdem erklären, dass sie niemals CVP wählen würden», wandte eine Teilnehmerin ein und stellte die heikle C-Frage: «Müssen wir vielleicht das C zur Diskussion stellen, weil es abschreckt?» Hermann gab zu bedenken, dass die CVP wohl die heterogenste Partei der Schweiz sei und die grossen Unterschiede sich auch kantonal ausprägen: «Vielleicht ist gerade das C das, was die Partei überhaupt zusammenhält.»

«Werden uns die Wähler wegsterben?», lautete eine weitere bange Frage. Der Experte beruhigte: «Nein. Die SVP-Wählerschaft ist noch stärker überaltert als die der CVP.» Eine ältere Wählerschaft sei nichts Negatives: «Ältere Wähler sind sehr treue Wähler – und sie leben immer länger.» Generell fand Hermann, es lohne sich für Parteien, weniger auf den Gewinn neuer Wähler zu schielen als vielmehr die bisherigen zu pflegen. «Denn wenn ein Wähler verloren geht, ist er oft für immer verloren.»

Die Partei von Mass und Mitte

Und dann die Gretchenfrage: «Braucht es die CVP in 10 Jahren noch?» Michael Hermanns Antwort: «Eine Partei von Mass und Mitte braucht es. Das könnte auch eine andere Partei sein als die CVP. Aber wenn es schon so eine Partei gibt, dann kann sie diese Rolle ja pflegen.»

Unter dem Strich fiel die Bilanz für die «CVP-Parteiarbeiter» tröstlich aus. Zwar hat ihre Partei in den letzten 30 Jahren sowohl auf nationaler wie auf kantonaler Ebene etwa ein Drittel ihrer Wähler (vor allem die eher rechten) verloren. Aber wie am Beginn dieser Periode liegt die CVP Solothurn auch jetzt noch um rund 5 Prozentpunkte über ihrer «Mutterpartei». Und wenn sich deren Präsident gelegentlich etwas weniger aufgeregt gebärdet, könnte der bedrohliche Megatrend vielleicht sogar wieder einmal gebrochen werden.