Kolumne: «Aus Thaler Sicht»
Lourdes Grotten - eine Pilgerreise zum weiblich geprägten Christentum

Das Thal ist stark von der katholischen Kirche beeinflusst und es verwundert nicht, dass neben den Dorfkirchen viele Kapellen und Wegkreuze vorhanden sind.

Martin Neuenschwander
Martin Neuenschwander
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Lourdes - Grotte in Ramiswil.

Lourdes - Grotte in Ramiswil.

Patrick Lüthy

Eine Besonderheit im Thal sind die Lourdes Grotten, von denen es gleich drei auf engstem Raum gibt. In Laupersdorf in der Bachtelen, in Balsthal im südwestlichen Flügel der Katholischen Kirche und in Ramiswil im Tümmelgraben beim Hagli. Allen ist gemeinsam, dass sie sich in einer sehr stimmungsvollen Umgebung befinden. Wie kommt es, dass die Ereignisse in Lourdes im Thal solch nachhaltige Spuren hinterlassen haben?

Im Jahre 1858 hatte die damals 14-jährige Bernadette Soubirous in der Grotte Massabielle bei Lourdes ein tiefgehendes Erlebnis. Ihr erschien beim Holzsammeln eine weiss gekleidete Frau, die leicht erhöht über dem Flüsschen Gave auf sie herabschaute. Diese Erscheinungen wiederholten sich, denn Bernadette zog es trotz des Verbotes ihrer Mutter immer wieder an den Ort zurück. Im Zwiegespräch stellte es sich heraus, dass die Erscheinung die Mutter Gottes war und sie forderte Bernadette auch auf, die Quelle in der Höhle freizulegen, die bislang verschlossen war.

In allen drei Thaler Lourdes Grotten wird diese Szene dargestellt und überall ist das Wasser ein zentrales Element der Szene. In Laupersdorf stürzt sich der Wasserfall des Dorfbaches eindrücklich in die Tiefe, in Ramiswil ist es das Wasser des Tümmelgrabens und in Balsthal tröpfelt das Wasser in der künstlich geschaffenen Grotte wie ein ewiges Mantra.

Zurück in Lourdes überstürzten sich die Ereignisse. Zuerst angelockt von Bernadettes ekstatischer Verzückung, dann von den unerhörten Begebenheiten an diesem Ort strömten immer mehr Menschen an die Stelle. Schliesslich wurde die Angelegenheit zum Politikum. Bernadette wurde von der Polizei und kirchlichen Instanzen strengen Befragungen unterzogen. Als sie sagte, die Frau habe sich als «Immaculée Conception» (unbefleckte Empfängnis) vorgestellt, glaubten ihr die Notablen, denn dieses theologische Konzept war erst 1854 von Papst Pius IX dogmatisiert worden und wie hätte dies ein junges Mädchen, das weder lesen noch schreiben konnte, sonst wissen können.

Der Moment der Ergriffenheit ist ein weiteres Hauptelement. Maria erscheint in erhabener Güte, während das einfache Mädchen links unterhalb vor der Erscheinung kniet. Es fällt auf, dass diese Begegnung mit dem Göttlichen eine ausschliesslich weibliche Szenerie ist, das männliche Element fehlt völlig in dieser Darstellung.

Als kurz darauf in Lourdes die erste Wunderheilung geschah, entwickelte sich die Stadt zu einem der grössten Wallfahrtsorte der Christenheit. Bis sechs Millionen Pilger reisen jährlich in die Stadt am Fusse der Pyrenäen.

Eine Wunderheilung im Thal ist mir zwar nicht bekannt, aber in der Ramiswiler Grotte befinden sich zahlreiche Votivtafeln, die Zeugnis ablegen über die Hilfe und Wunder, welche die Menschen aus der Region erfahren haben. Als ich die Ramiswiler Grotte verlasse, kommt es mir vor, als ob ich aus einem weiblichen Universum austrete, archetypische Bilder von Fruchtbarkeit, Geborgenheit, Andacht, Spiritualität und Fürsorge geistern durch meinen Kopf. In den Thaler Lourdes Grotten sind fundamentale Werte des Christentums sicht-und spürbar, die Ereignisse in Lourdes wirken wie eine Erinnerung aus dem 19. Jahrhundert an

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