Kolumne «Aus Thaler Sicht»
Die Sache mit der Wahrnehmung

Sammy Deichmann
Sammy Deichmann
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Ähnliche Informationen führen zu unterschiedlichen Ansichten (Symbolbild).

Ähnliche Informationen führen zu unterschiedlichen Ansichten (Symbolbild).

Oliver Menge

Neulich auf einer privaten Veranstaltung: Die Gäste wohnen alle im gleichen Dorf. Man kennt sich schon lange und es ist niemand dabei, den man auf der Strasse nicht grüssen würde. Die Freude über die Möglichkeit, sich endlich wieder real treffen zu können, ist greifbar. Man tauscht das Neueste aus Dorf und Familie aus. Die Stimmung ist heiter und bleibt so, bis die ersten Gespräche um das Thema Impfen kreisen. Während die Geimpften, die Angeimpften und die Impftermin-Inhaber zuversichtlich und dankbar scheinen, dass das Leben in naher Zukunft wieder mit verlorenen Freiheiten lockt, werden die, welche Vorbehalte gegen das Impfen haben, zunehmend stiller.

Die Impfer sprechen über die persönlichen Freiheiten, aber eben auch über gesellschaftliche Verantwortung, worauf die Nichtimpfer, die von Unsicherheiten bei der Impfstoffverträglichkeit sprechen, Verteidigungsargumente vorbringen. Die Argumente werden respektvoll ausgetauscht, denn schliesslich ist man zu Gast, aber plötzlich tut sich ein unsichtbarer Graben auf. Die Gespräche wechseln zu belangloseren Themen, aber das Impfen oder Nichtimpfen bleibt im Raum und schafft je nach Standpunkt Nähe oder Distanz. Später frage ich mich, wie es sein kann, dass wir, die wir alle im selben Thal, Dorf und Kulturkreis leben und Zugriff auf dieselben Informationskanäle haben, zu so unterschiedlichen Einschätzungen kommen können?

Das, was wir zu wissen glauben, haben wir den Medien entnommen. Und es stimmt, dass jede Menge Mutmassungen, Halbwahrheiten und Falschinformationen als Wahrheiten verbreitet werden. Aber warum kommen wir unter dem Strich zu völlig unterschiedlichen Einschätzungen? Kann es sein, dass wir nur noch die Informationen aufnehmen, die zu unseren Ansichten passen? Ich selbst suche mir in den sozialen Medien die Kanäle, die mich interessieren und die ich lesen kann, ohne dass mir schlecht wird. Wer, aus meiner Sicht, Lügen, Gehässigkeiten oder sonstige Manipulationsversuche verbreitet, wird das weiterhin tun, aber ich muss es nicht lesen. Wenn, wie gerade eben geschehen, eine wichtige politische Abstimmung ansteht, reissen je nach Betroffenheit und Standpunkt ebenfalls die Gräben auf. Die Stimmung wird aufgeheizt mit einer Mischung von halbwahren und dreist gelogenen Meldungen, aus denen wir uns unsere Meinung bilden dürfen. Nicht nur in der Politik wird von allen Seiten gelogen oder falsch dargestellt, auch der Influencer verkauft Werbung als Information und der Instagrammer stellt sich dar, wie er gerne sein möchte, anstatt wie er ist.

Zurück ins Thal, ins Dorf, in die Familie: Die unterschiedliche Aufnahme von echten und falschen Informationen treibt Keile zwischen uns, die wir nicht verdient haben. Die Wahrheit dahinter ist jeweils schwerlich auszumachen und so kommt es, dass wir meinen etwas zu wissen, das uns nur oft genug als Wahrheit angetragen wurde. Wir schaffen es, Raketen zum Mars zu schicken und Tiere und Pflanzen zu klonen, aber wir haben noch immer keinen Weg gefunden, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Dabei ist das Problem so alt wie die Menschheit. Denn wie sagte doch einst der griechische Philosoph Sokrates: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.» Das war im 5. Jahrhundert v. Chr. Lassen Sie sich nicht an der Nase herumführen.