Kolumne: Aus Gäuer Sicht
Freigeimpfter Gesprächsstoff

Unser Kolumnist macht sich Gedanken über Impfwillige und Impfgegner und findet: das wichtigste bleibt die Freundschaft.

Pascal Froidevaux
Pascal Froidevaux
Drucken
Teilen
An ihr scheiden sich die Geister: Die Impfung gegen das Corona-Virus.

An ihr scheiden sich die Geister: Die Impfung gegen das Corona-Virus.

Christian Merz / KEYSTONE

Dem Thema Impfen kann man zurzeit kaum aus dem Weg gehen. Impfbefürworter pochen für das Vakzin und damit für eine normalisierte Zukunft und Freiheit, Impfgegner spazieren mit Transparenten um den Kopf gehängt: «ich lasse mir keine Impfung vorschreiben» durch den spätsommerlichen Sonntag. Früher war es einfacher, eine Tendenz abzulesen, es gab die Stimmen der Linken, die Stimmen der Rechten und die Stimmen der Fundis. Jetzt ist es kaum erkennbar, wer für oder gegen die Impfung steht.

Eigentlich vertrete ich die Haltung, dass die Impfung eigentlich für jeden eine Notwendigkeit darstellen müsste. Aus egoistischer Sicht für mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung und aus gesellschaftlicher Sicht zum Schutz der Schwächeren und zur Schonung des medizinischen Systems. Ich hielt aber auch einige Gespräche mit Menschen, die mir mit ihren Argumenten zu einer anderen Sicht absolut einen angeregten Meinungsaustausch ermöglichten.

Dann begann ich mit einem kleinen Experiment; vor jedem Treffen mit Freunden, Kollegen, Familienmitgliedern oder Kunden stellte ich mir die Frage, ist er oder sie für die Impfung oder dagegen? Da es keiner grossen Anstrengungen bedarf, um auf das Thema zu kommen, wurde mein Quiz auch immer zeitnah aufgelöst. Wo lag ich richtig und wo falsch? Erstaunlich ist, dass ich nur bei knapp 40 Prozent richtig getippt habe und demnach bei über der Hälfte der Menschen falsch. Es gibt ja auch nicht die Halbgeimpften oder die Ein-bisschen-Ungeimpften. Es ist schwarz/weiss, ja oder nein, gut und böse.

Vor ein paar Wochen stieg ich in einen Bus und bekam einen Dialog zwischen zwei jungen Müttern mit. Nach einer herzlichen Begrüssung und Umarmung, dem Zuzwinkern mit Jöö-Augen zu den gegenseitigen Babys, verlagerte sich auch hier das Thema auf die Impfung. Die Stimmen wurden lauter, «das hätte ich jetzt aber nicht von dir gedacht», und obwohl ÖV-konform mit Maske war das Unverständnis, die fast aufkommende Wut gut den Augen abzulesen. Mit einer deutlich unterkühlteren Verabschiedung verliess die eine Frau den Bus, und kaum war die Türe geschlossen, schüttelte die andere den Kopf. Ist diese Freundschaft oder zumindest Kollegialität nun belastet oder gar beendet?

Mich beelendete diese Situation und sie zeigte mir einmal mehr, wie stark das Thema polarisiert. Scheinbar ist jeder derart von seiner Meinung überzeugt, dass hitzige oder gar aggressive Situationen entstehen können. Covid-müde sind nun viele, und vielleicht ist darum das Eis der Toleranz auch dünner. Auf jeden Fall habe ich kaum Themen erlebt in der letzten Zeit, bei welchen so unmöglich andere Haltungen und Einstellungen akzeptiert werden können.

Auch wenn es schwarz/weiss bleibt, versucht nett zu bleiben. Denn Verantwortung zu übernehmen ist oft von unterschiedlichen Standpunkten konnotiert. Und egal ob die Geimpften im kommenden Januar vielleicht annehmen müssen, dass die Impfung nicht viel brachte, oder die Ungeimpften beitragen, dass die Zahlen der Positiven wieder steigen. Die Welt wird sich weiterdrehen und Freundschaften sind wichtiger als eine Impfhaltung.

Aktuelle Nachrichten