Die älteste und vielleicht auch die bedeutendste Kapelle in Balsthal ist die Kapelle in St. Wolfgang unterhalb der Burg Neu-Falkenstein. Eine eigentliche Urkunde über deren Stiftung ist nicht erhalten, doch scheint sie um das Jahr 1475 errichtet worden zu sein. 1481 wird zum ersten Mal ein Kaplan für die Kapelle erwähnt. Man vermutet, dass Solothurner Patrizier, Gründer der Kapelle und der dazugehörenden Stiftung waren.

Im 15. Jahrhundert breitete sich die Verehrung des heiligen Bischofs Wolfgang von Regensburg im deutschsprachigen Raum aus, so auch in der Schweiz. Der Gedanke, diesem Heiligen an der damaligen Passstrasse über den Oberen Hauenstein eine Wallfahrtskapelle zu bauen, war naheliegend, denn tatsächlich schien der Besuch von Durchreisenden gleich zu Beginn des Bestehens der Kapelle sehr lebhaft zu sein. Die steten Einnahmen aus dem Opferstock reichten jedenfalls aus, einen Kaplan und die Kirche zu erhalten, ist Urkunden zu entnehmen.

Zwei Pfarrer abwechselnd

Die Kapelle scheint heute noch weitestgehend ihr früheres Erscheinungsbild zu besitzen. In den Reformationswirren wurde dann auch diese Kapelle von Bilderstürmern heimgesucht und bei der anschliessenden Knappheit von Geistlichen konnte die Kaplanstelle nicht mehr besetzt werden. So mussten die Pfarrherren von Balsthal und Mümliswil abwechselnd jede Woche eine Messe zu St. Wolfgang halten, ist überliefert.

Die katholische Reformbewegung im 16. Jahrhundert brachte dann dem Wallfahrtskirchlein den Wohlstand zurück. Belegt ist, dass 1622 die Kapelle mit den Wandmalereien ausgeschmückt wurde, die heute noch zu sehen sind. Über diese Malereien schreibt die Solothurner Restauratorin Brigitta Berndt im Jahrbuch für Solothurnische Geschichte 2013: «Zu sehen sind Zierbänder, Blumenornamente und Engel, im Scheitel des Schildbogens ein Jüngstes Gericht und über dem Chorbogen eine Verkündigungsszene mit der Jahreszahl.

Darüber hinaus gehören Medaillons mit den Bildnissen der vier Evangelisten im Chorbogen und die Christophorus-Darstellung mit Wappen an der südlichen Aussenwand des Chores ebenfalls in diese Zeit. Weitere Wandflächen in Chor und Kirchenschiff zeigen Reste älterer Wandmalereien.» 1907 wurde die Kapelle einer Renovation unterzogen, und die Gewölbefresken leider «unsachgemäss und mit unhaltbaren Farben» unterzogen. So urteilte der ehemalige Denkmalpfleger Gottlieb Loertscher später.

Der Solothurner Gregor Sickinger

Brigitta Berndt schreibt, wie andere Sachverständige schon früher, die figürlichen Wandmalereien einem bekannten Solothurner Maler zu: Gregor Sickinger. Sie schreibt, dass neben der St. Wolfgang Kapelle auch die St. Michaels Kapelle in Oberdorf und das 1995 restaurierte Turmzimmer des Sommerhauses Aarhof in Solothurn diesem Maler und Kupferstecher zugeschrieben werden kann. «Die polychromen figürlichen Malereien in allen drei Objekten weisen unzählige stilistische und maltechnologische Übereinstimmungen auf: Gleich ausgebildet sind die Art der Pinselführung (Pinselduktus), die Farbigkeit, der Gesichtsausdruck und die Frisuren von Engeln und Evangelisten, die Attribute, der Faltenwurf der Gewänder und die dekorativen Begleitelemente wie die Passionsblumen», begründet sie.

Doch wer war dieser Gregor Sickinger? Er wurde in Solothurn geboren, sein Geburtsdatum dürfte um 1558 anzusetzen sein. Er hatte noch fünf Geschwister, und was von diesen und seinem Vater in den Ratsprotokollen überliefert ist, zeugt von wenig geordneten Familienverhältnissen, schreibt Berndt. Beleidigungsklagen, Verstösse bei einer Bürgschaft, erdrückende Schulden des Vaters, ein gebrochenes Eheversprechen, Schlag- und Raufhändel sind vermerkt.

1631 soll er verarmt im Solothurner Spital gestorben sein. Besonders erhalten sind von Sickinger zahlreiche Holzschnitte sowie Kupferstiche und Radierungen. Am bekanntesten sind seine Stadtansichten von Fribourg, Freiburg i. Br., Solothurn und Bern. Diese Darstellungen sind heute noch als Bildquellen für die Bau- und Kulturgeschichte der dargestellten Städte wichtig.

Für die Engel in der Kapelle St. Wolfgang wäre heute eine sachgemässe Restauration sicher sinnvoll, um dieses wertvolle Kulturgut zu erhalten. Doch auch so verzaubern insbesondere die Engelfiguren ihre Betrachter bis heute.