Sandra-Lia Infanger kandidiert für die bevorstehenden Gemeinderatswahlen in Holderbank. Die heute 37-Jährige machte Schlagzeilen, als sie 2005 bis vors Bundesgericht ging: 2004 wollte sie sich als transsexuelle Frau auf der Wahlliste der Juso für die Kantonsratswahlen im Kanton Solothurn eintragen lassen. Das Oberamt jedoch verweigerte die Kandidatur, weil sie damals im Einwohnerregister noch unter ihrem männlichen Vornamen aufgeführt war.

Zwölf Jahre, eine erneute Kantonsratskandidatur und eine Geschlechtsumwandlung später nennt sich Infanger, die sich seinerzeit mit der Juso und weiteren linksgerichteten Parteien verkrachte, immer noch «SP-nah». 2009 gründete sie, die keine politische Heimat fand, kurzfristig ihre eigene «Alternative Schweizer Partei». In Holderbank tritt sie nun auf einer freien Liste an. Was durchaus ungewöhnlich erscheinen mag, ist sie doch erst vergangenen August ins Thal gezogen. Aber ungewöhnlich ist vieles im Leben von Sandra-Lia Infanger.

Politik – oder auswandern

«Eine Bekannte im Gemeinderat riet mir, ich solle doch kandidieren», erzählt Infanger im Gespräch, das im Coop-Restaurant im Gäupark stattfindet. Sie kommt gerade vom Einkaufen. Sie findet, ein Gemeinderat sei nur für sein Amt legitimiert, wenn er an der Urne gewählt werde. Um in Holderbank stille Wahlen zu verhindern, stellt sich Infanger deshalb zur Wahl.

Aber was hat sie eigentlich nach Holderbank verschlagen? «Der Arbeitsweg», entgegnet sie, die in Niedergösgen aufwuchs und schon an verschiedenen Orten im Kanton Solothurn zu Hause war. Zuvor pendelte sie zwischen Meltingen und Zuchwil, wo sie bei der Vebo als Logistikerin tätig war. Ihr neuer Wohnort gefällt ihr. Holderbank, findet sie, habe Entwicklungspotenzial.

Wenn Infanger spricht, dann ist da diese Diskrepanz: zwischen dem Gesicht mit den weiblichen Zügen und der Stimme, die unzweifelhaft männlich ist. «Die Stimme ist ein Problem», sagt sie. Als sie 2005 die Geschlechtsumwandlung vollzog, gedachte sie die Stimmbandoperation gleich anzuhängen. Doch dann schien ihr das Risiko zu gross: «Die Chancen standen fifty-fifty, dass ich danach gar keine Stimme mehr habe», erzählt sie.

Undenkbar für jemanden wie sie, die gerne redet. Als sie neuerdings wieder an den Unispitälern Basel, Bern und Zürich vorstellig wurde, schlug man ihr ein Stimmbandtraining vor. Dabei ist sie sicher: Mit einem kleinen Lasereingriff könnte man die Stimmbänder kürzen und so fast eine Oktave gewinnen. Sie suche weiter nach einer Lösung, sagt sie. Denn ihren Gesprächspartnern falle es schwer, sie als Frau zu sehen. Das stört sie.

In Holderbank habe sie keine negativen Reaktionen auf ihre Person erlebt. Auch sonst ist die Geschlechtsumwandlung für sie kein Thema im Alltag. Seit der Operation im Jahr 2005 ist sie eine Frau. «Wenn Leute Fragen haben, beantworte ich diese sachlich. Sind die Fragen unsachlich, werde ich sarkastisch», meint sie schulterzuckend Sie erzählt, wie sie nach der Operation in ein Loch gefallen sei: Vom einen auf den anderen Tag hatte sie ihr Lebensprojekt verloren – Frau werden. Sie musste «mal weg», sich neu finden. Und zog nach Berlin, wo sie drei Jahre lang für den Berliner Senat Verkehrserhebungen durchführte. 2008 kam sie zurück in die Schweiz und heiratete. Vor laufender Kamera, das Medieninteresse war riesig. Ihren Mann, von dem sie sich vor zweieinhalb Jahren trennte, hatte sie in Berlin kennen gelernt.

Auch ein neues Lebensziel hatte sie da gefunden: «Ich möchte auswandern, nach Neuseeland oder Australien», sagt sie begeistert. Die Natur dort fasziniere sie; sie sei leidenschaftliche Landschaftsfotografin. Und sie weiss: In Australien sind Automechaniker gefragt. Sie, die derzeit bei Flexor in Langenbruck in der Administration tätig ist, werde ein einmonatiges Praktikum bei einem Automechaniker absolvieren. Gefalle ihr der Beruf, hänge sie auch die Lehre an. Und dies, obschon die Einreisebestimmungen in Australien strikt sind. Aber wenn sie etwas interessiere, dann mache sie es einfach. Gemäss dem Motto: «Etwas nicht tun zu können, ist kein Grund, es nicht zu tun.»

Infanger ist schwer einzuordnen. Unverkennbar jedoch ist ihr starker Wille. Vorerst kandidiert sie für den Gemeinderat Holderbank. In vier Jahren möchte sie an den Kantonsratswahlen antreten. Und auch die Nationalratswahlen in zwei Jahren zieht sie in Betracht. Ihr Antrieb: Gerechtigkeit und einen Gegenpol zur Elite schaffen. – Wenn sie dann nicht schon ausgewandert ist.