Zum einen fragen sich Kommunalpolitiker, ob es diese Jugendarbeit im Thal überhaupt braucht. Zum andern ist die Stelle nur noch mit einem 50-Prozent-Pensum besetzt.

Seit dem Weggang der Jugendarbeiterin Nicole Wessling im Oktober 2013 ist Jonathan Murbach alleine zuständig. Nach Prüfung der finanziellen Situation und aufgrund der unsicheren Aussichten habe man beschlossen, die Stelle vorerst nicht zu besetzen. So steht es im Jahresbericht des Vereins Region Thal, bei dem der Jugendarbeiter angestellt ist. Offen ist, wie lange Murbach unter diesen Umständen noch bleiben wird.

Einer hat ein schlechtes Gewissen

Aufhorchen liessen die Reaktionen auf den öffentlichen Vortrag «Starke Jugend – starkes Thal?», gehalten im Anschluss an die Delegiertenversammlung Region Thal. Einige der anwesenden Lokalpolitiker zeigten sich erstaunt, dass das Thema in ihrer Region so aktuell sein soll. Einer meinte sogar, er habe nun ein schlechtes Gewissen. Denn er sehe nun, was in seiner Gemeinde alles nicht vorhanden ist von dem, was Marcus Casutt, Leiter Kinder und Jugendförderung Kanton Solothurn, und Jonathan Murbach, Jugendarbeiter Region Thal, als ideale Bedingungen für das Heranwachsen einer starken Jugend aufzeigten.

Angestrebt werde für Kinder und Jugendliche eine Politik des Schutzes und der Förderung sowie der Partizipation bzw. Teilnahme. «Auf kommunaler Ebene sind idealerweise die Kinder- und Jugendförderung in der Gemeindeordnung geregelt und es gibt eine dafür zuständige Person.» Für die Förderung zuträglich sei, wenn Kinder und Jugendliche in Prozesse und Projekte miteinbezogen werden, von denen sie direkt betroffen sind. Nutzen und Gewinn seien auf beiden Seiten möglich. «Gesellschaft und auch politische Institutionen können von der kreativen Art der Jugendlichen profitieren, denn diese machen oft auf etwas aufmerksam, dessen sich Erwachsene nicht bewusst sind.»

Nicht nur wünschen

«Kinder und Jugendliche lernen den Umgang mit anderen Meinungen», fuhr Casutt weiter. «Sie lernen, was es heisst, einmal in der Minderheit und einmal in der Mehrheit zu sein. Und dass das Leben nicht nur aus Wünschen, sondern auch aus Pflichten besteht. Ziel wäre, dass die Politik nicht für, sondern mit Kindern und Jugendlichen gemacht wird. Können Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen, dass sie ernst genommen werden und etwas bewirken können, so werde die Identifikation zur Gemeinde und zur Region gestärkt. Familienergänzende Angebote wie Kindertagesstätten, Kinderhorte, Vereine und Jugendarbeit können mithelfen, die Abwanderung zu vermindern.

Thaler können zupacken

«Im Vergleich zu anderen Regionen bietet das Thal den Kindern und Jugendlichen viel Gutes. Wesentlich ist das ausserordentlich starke Vereinswesen», sagte Jonathan Murbach, Jahrgang 1975, in Matzendorf aufgewachsen, lebt seit 30 Jahren im Thal und ist seit total 15 Jahren in der Jugendarbeit aktiv. Leider werde die Jugend oft eher negativ wahrgenommen. Dabei seien es gerade die Thaler Lehrlinge und Schüler, die ausserhalb des Bezirks als zuverlässig und zupackend geschätzt würden. Umso mehr findet Murbach es schade, dass die Jugend im Projekt «Zukunftsbild Region Thal» schwach vertreten ist. Es gelte doch, die ganze Lebensspanne vom Jugendlichen bis zum Senior miteinzubeziehen. Viele Punkte, die Murbach erwähnte, decken sich mit jenen, die Casutt erläutert hatte.

Hier Fr. 4.50, dort 18 Franken

Ganz offensichtlich waren einige Personen im Publikum überrascht darüber, was Jonathan Murbach und Marcus Casutt in ihrem Vortrag festgestellt hatten. Die Reaktionen auf einen Punkt gebracht heisst: «Braucht es im Thal überhaupt eine Jugendarbeit?» Grund genug, das Thema mit Murbach zu vertiefen. «Ich glaube, Jugendarbeit wird als ein Luxus angesehen», sagt er. «Daher wird auch hier zuerst gespart, wenn das Geld in der Gemeindekasse knapp wird.» Tatsächlich hat zum Beispiel Mümliswil-Ramiswil ihren Beitrag schon vor einigen Jahren halbiert. Durchschnittlich sind es Fr. 4.50 jährlich pro Einwohner im Thal, die für die Jugendarbeit aufgewendet werden. Zum Vergleich: Im Unterleberberg sind es rund 18 Franken.

Verantwortung in der Familie

Man sei im Thal generell der Überzeugung, die Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen liege bei der Familie, stellt Murbach fest. Was natürlich grundsätzlich zutreffe, aber die Gesellschaft habe sich nun einmal gewandelt. «Längst nicht mehr in allen Familien ist tagsüber ein Elternteil zu Hause. Und von den Jugendlichen wollen längst nicht alle am Nachmittag, am Abend oder an Wochenenden in einem Verein mitmachen.»

Der Druck auf den öffentlichen Raum habe durch das Freizeitverhalten der Jugend stark zugenommen. Da gebe es wenige Alternativen zu einer Jugendarbeit, die auf die veränderten Bedürfnisse der Jugend bzw. der Gesellschaft eingeht.

«Aber alleine und mit dem jetzigen 50-Prozent-Pensum ist es nicht möglich, allen Anforderungen gerecht zu werden. Zudem wäre es für die Mädchenarbeit wichtig, wenn – wie bis im letzten Jahr – wieder eine Frau mit einem gleichwertigen Pensum mitarbeiten würde.»

Beitrag im Guldental gekürzt

Warum hat Mümliswil-Ramiswil denn ihren Beitrag gekürzt? «Aus Spargründen», antwortet Gemeindepräsident Kurt Bloch, «und auch, weil wir bei uns im Dorf tatsächlich das Gefühl haben, der Bedarf für die Jugendarbeit sei nicht allzu stark.» Wenn der Bedarf in anderen Gemeinden grösser ist, so müsse man das eben thematisieren, zum Beispiel in der Thaler Gemeindepräsidentenkonferenz, deren Vorsteher Bloch derzeit ist. «Aber dann erwarten wir einen Antrag mit entsprechenden Nachweisen und Begründungen.» Es scheine, sagt Bloch, dass man wohl zu wenig miteinander spreche, was die Jugendarbeit angeht.