Mit der namentlichen Nennung von sechs Steuerschuldnern an der Gemeindeversammlung vom vergangenen Montagabend hat Johanna Bartholdi eine mediale Lawine ungeahnten Ausmasses ausgelöst, wie die Egerkinger Gemeindepräsidentin auf Anfrage verrät. «Ich bekomme fast pausenlos von Medien aus praktisch der ganzen Schweiz Anfragen für Interviews.»

Langsam wachse ihr die Sache über den Kopf, räumt sie auf Nachfrage ein. «Ich komme derzeit einfach nicht mehr zum Arbeiten», klagt die 61-Jährige. Die letzten Beiträge, für welche sie zugesagt habe, seien für die Sonntagspresse bestimmt. «Danach brauche ich eine Verschnaufpause, um zu verstehen, was hier genau abläuft.»

Vom Interesse der Medien überrascht wurde auch Renato Kissling, Interims-Gemeindepräsident von Wolfwil. Jener Gemeinde, welche die Idee des Prangers von Steuersündern überhaupt erst zum Thema machte – und schliesslich darauf verzichtete.

Dass die Gemeinde Wolfwil Johanna Bartholdi mit diesem Entscheid quasi im Stich gelassen hat, lässt Renato Kissling nicht gelten. «Wir haben diesen Beschluss im Gemeinderat gefällt, nachdem uns der Kanton in einem Schreiben unmissverständlich klar gemacht hatte, dass sich die Gemeinde mit der Nennung von Namen strafbar machen würde. «Wir haben im Gemeinderat viele junge Leute», bemerkt Kissling dazu.

Die Gemeinde Egerkingen sei danach aber umgehend über den Entscheid des Wolfwiler Gemeinderates informiert worden, streicht Kissling hervor. «Ja, das stimmt», bestätigt Bartholdi. Davon habe sie sich allerdings nicht beirren lassen. «Ich wusste, dass ich die Sache durchziehen werde.»

Schon die Drohung genügte

Renato Kissling sieht indessen noch weitere Gründe, für den Marschhalt des Wolfwiler Gemeinderats. 12 der insgesamt 15 angeschriebenen Personen mit 68 Verlustscheinen im Betrag von 250 000 Franken hätten sich beim Gemeinderat gemeldet, um einzulenken. «Allein die Drohung, diese Leute an den Pranger zu stellen, genügte», bemerkt Kissling mit dem Verweis, dass die Summe der Verslustscheine auf 38 000 Franken abgenommen habe.

Wie die Gemeinde mit den noch verbleibenden oder allfälligen neuen Steuerschuldnern verfahren wird, liess Kissling offen. Er gehe aber davon aus, dass in Wolfwil weiter um jeden nicht bezahlten Steuerfranken gekämpft werde. Der neue Gemeinderat und der am kommenden Sonntag zu wählende neue Gemeindepräsident müssten entscheiden, ob der Steuerpranger in Wolfwil wieder zum Thema werde. Von Interesse sei in diesem Zusammenhang natürlich auch, wie der Kanton auf die Geschehnisse in Egerkingen reagiere.