Niederbuchsiten

«Jetzt sind wir systemrelevant»: In Coronazeiten ist lokales Gemüse gefragt

Seit Beginn der Pandemie ist Schweizer Gemüse gefragt wie schon lange nicht mehr. Ein Augenschein in Niederbuchsiten zeigt, wie es derzeit einem Gemüsebauunternehmen ergeht.

In einem grossen Gewächshaus von Viktor Müllers Gemüsebauunternehmen in Niederbuchsiten werden für Grossverteiler seit drei Wochen bis zu 12'000 Gurken täglich geerntet. Auf seinen Feldern gibt es seit zwei Monaten Nüsslisalat. Und nun sind auch die Kopfsalate verkaufsbereit. «Bis jetzt ist trotz der Coronakrise zum Glück alles nach Plan verlaufen», sagt der Geschäftsinhaber, der jede Saison rund 150 Hektaren Salate und Gemüse anpflanzt. Auf eine Finanzspritze wegen der Coronakrise war er bis jetzt nicht angewiesen. Sorgen bereitet ihm aktuell die Trockenheit. Seit sechs Wochen müssen Müllers Felder täglich bewässert werden.

Trotzdem hat der Unternehmer Bedenken gehabt als das Coronavirus zu grassieren begann: «Zum einen weiss niemand wie lange diese Ausnahmesituation dauern wird. Und zum anderen machte ich mir Sorgen, als bekannt wurde, dass beispielsweise bei Betrieben in Deutschland gar keine ausländischen Erntehelfer einreisen wollten aus Angst vor dem Virus». In seinem Betrieb arbeiten sechs Festangestellte aus der Schweiz. Bereits vor Ort sind auch sechzehn Erntehelfer aus dem Ausland und dieses Wochenende sollten drei weitere einreisen. «Zusätzlich sollten noch sechs Bulgaren zu uns kommen. Diese dürfen momentan jedoch nicht aus ihrem Heimatland ausreisen. Wenn sich ihre Situation nicht bald ändert, habe ich ein Problem», sagt Müller stirnrunzelnd.

Der Verband der Schweizer Gemüseproduzenten VSGP habe den angeschlossenen Betrieben geholfen als klar wurde, dass die Einreise von ausländischen Erntehelfern komplizierter werden könnte. «Wir mussten dem Staatssekretariat für Migration die Personalien, Autonummern, Arbeitsverträge und Grenzübergänge unserer ausländischen Erntehelfer melden. Das ging alles relativ einfach», führt Müller aus.
Zwei seiner Erntehelfer aus Siebenbürgen, einem Gebiet das heute im Zentrum von Rumänien liegt, nahmen die Einreisesituation dieses Jahr etwas anders wahr. Imre-Sandor Tapolcsi, der schon die achte Saison bei Müller arbeitet, erzählt während der Gurkenernte: «Die Einreise ist dieses Mal etwas komplizierter gewesen. Es hat aber alles geklappt». Und seine neue Arbeitskollegin, Szilvia Ivacson, berichtet: «Und ich hatte Angst, dass ich wegen der Coronakrise vielleicht gar nicht in die Schweiz arbeiten gehen könnte. Denn dieses Problem haben nun unsere Arbeitskollegen aus Bulgarien.»

Plötzlich froh um Lebensmittelproduzenten

Viktor Müller ist der Meinung, dass der Bundesrat gut reagiert hat Punkto Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus: «Für all die Betriebe, die wegen des Virus schliessen mussten ist die Situation zurzeit natürlich gravierend. Es sind jedoch schnell Gelder geflossen, um diesen unter die Arme zu greifen. Unter dem Strich sind wir in der Schweiz vergleichsweise in einer guten Ausgangslage. Und ich bin davon überzeugt, dass hierzulande wahrscheinlich keine Firma auf der Strecke bleiben wird wegen der Coronakrise». Er selbst hat schnell gemerkt, dass er als Gemüseproduzent nun zu den systemrelevanten Betrieben gehört: «Die ganze Situation rund um das Virus wirkt sich in der Landwirtschaft eher positiv als negativ aus. Die Leute können nun nicht mehr ‹schnell schnell›über die Grenze nach Deutschland einkaufen gehen. Man merkt nun, dass die Bevölkerung den Lebensmittelproduzenten für einmal dankbar ist». Es sei schön, dass die Schweizer Bauern wieder stärker unterstützt werden. Müller hofft, dass dies auch so bleibt.

«Seit der Coronakrise kommen vier Mal so viele Kunden in unserem Hofladen vorbei wie sonst. Es war ein explosionsartiger Zuwachs. Deshalb werden wir unseren Hofladen für den Selbstbedienungsbetrieb umbauen. Wir werden auch die Öffnungszeiten verlängern und bald ein neues Zahlungssystem in Betrieb nehmen. So kann dieser Geschäftszweig künftig autonom betrieben werden».

Auf ausländische Erntehelfer angewiesen

Während der Coronakrise hat Müller schon um die 30 Anrufe von Leuten erhalten, die wegen der Kurzarbeit gerne als Erntehelfer in seinem Betrieb arbeiten würden. Müller ist froh, dass er zurzeit noch genug Erntehelfer im Betrieb hat, die wissen was dieser Job bedeutet: «Die Arbeit im Gemüsebau ist abwechslungsreich, aber hart. Wir sind bei jedem Wetter draussen. Das Gemüse muss an sieben Tagen pro Woche geerntet und bewässert werden. Mit den damit verbundenen ‹Nebenwirkungen› wie geschwollenen Händen oder einem schmerzenden Rücken kommen nicht alle klar. Hinzu kommt der verhältnismässig tiefe Monatslohn von 3300 Schweizer Franken». Würde er Schweizer Erntehelfern eine Chance geben, würden sich Aufwand und Ertrag nicht rechnen, berichtet Müller: «Diejenigen, die sich im Berufsalltag einen Bürojob gewohnt sind, arbeiten bei der Ernte meist zu langsam, zu ungenau, und sie quittieren ihren Einsatz in der Regel auch sehr schnell wieder.» Deshalb hofft der Gemüseproduzent aus Niederbuchsiten, dass die fehlenden Erntehelfer aus Bulgarien dann doch noch rechtzeitig einreisen können.

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