Aus Gäuer Sicht
Ist positiv jetzt negativ?

Pascal Froidevaux, Oensingen
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Das Wort «positiv» ist quasi ein Schlüsselwort der letzten zehn Jahre. Ein Manifest der eigenen Einstellung und Leistungsorientierung. «Du musst positiv denken, auch wenn die Situation noch so aussichtslos ist.» Oder: «Du musst immer eine positive Einstellung an den Tag legen, sonst geht gar nichts, wie es soll.»

Millionen von Lebensratgebern zu dem Thema füllten die Buchhandlungen, und Hörbücher zogen uns auf langen Autofahrten in ihren Bann. Positiv (denken) ist das Wichtigste, alles andere kommt sozusagen von alleine. Wenn ich in der letzten Zeit von «positiv» sprach, dann distanzierte man sich schon mit einem kräftigen Schritt weg von mir. Positiv wurde in nur neun Monaten – seit dem Ausbruch der Coronakrise – zum negativsten aller Worte.

Hörte man im Restaurant, noch vor der aktuellen Verbannung aus den Gaststuben, vage und zusammenhangslos am Nebentisch das Wort «positiv», dann rückte die Maske schon wieder ein paar Zentimeter über das Kinn in Richtung Mund.

Fällt «negativ» aus dem Diskussionsbrei und dem Geräuschteppich, dann bricht ein wohliges Sicherheitsgefühl über uns ein.

Aus den Vereinigten Staaten importiert, machte die «Positiv-Denken-Entwicklung» nirgendwo halt. Sportler hatten im Interview schon vor dem Start gewonnen, weil ihre fast sektenartige Positiveinstellung gar nichts anderes mehr zuliess.

Was erklären wir nun unseren Kindern, wenn sie etwas niedergeschlagen sind, nachdem der Kindergarten wieder schliessen musste? Sei etwas negativ, das ist zumindest nicht ansteckend...? Oder: Negativ denken ist besser, als von Viren besetzt zu sein?

Wir müssen das Negative am Positiven bald wieder aus unserem Sprachgebrauch eliminieren können, sonst entsteht eine eigenartige Konnotation dieser Aussage. Denn auch geimpft wird sich das Thema nicht so schnell verflüchtigen, und wir tragen alle Sorge dabei, etwas Positives in unser Leben zu hauchen.

Zum Jahresstart 2020 hatte Madame Etoile bereits erwähnt, dass es ein sehr schwieriges Jahr werden wird. Derart einschneidende Veränderungen zu erleben, war uns sicher nicht einmal beim Lesen des Jahreshoroskops bewusst.

Dass alles Gute etwas Negatives innehat – und umgekehrt –, das wissen wir. Doch sollten wir versuchen, das Positive zu sehen und dabei nicht an das Virus zu denken. Ich wünsche Ihnen allen einen guten Start in ein positives 2021.