Zweiter Weltkrieg
Internierte aus einer fremden Welt – als es in Egerkingen ein Lager mit indischen Skihs gab

Als sich 1944 die Wende im Zweiten Weltkrieg abzeichnete, flüchteten viele von den Deutschen inhaftierte Soldaten in die Schweiz. So auch indische Sikhs, die auf der Seite der Briten kämpften. Sie kamen zum Teil in zwei Dorfsälen in Egerkingen unter, wo man sich heute noch an die damaligen Geschehnisse erinnert.

Guido von Arx
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1944 waren etliche ausländische Soldaten in der Schweiz interniert – auch in zwei Dorfsälen in Egerkingen
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Gemeinsames Rüsten. Die Sikhs mochten nur ihre eigenen Speisen.
Waschtag im Internierungslager. Körperhygiene war äusserst wichtig.
Zeit totschlagen Meditieren und Schachspielen waren Möglichkeiten.

1944 waren etliche ausländische Soldaten in der Schweiz interniert – auch in zwei Dorfsälen in Egerkingen

O. Bieber im Bundesarchiv und Fam. von Arx, Halbmond

Die Schweiz war immer Zufluchtsort von politisch verfolgten Personen. Der sogenannte «Übertritt» der Bourbaki-Armee 1870 oder die «Polenlager» im Zweiten Weltkrieg sind bekannte Beispiele für die Internierung grosser Militäreinheiten. Ein solcher Zustrom von ausländischem Militär in die Schweiz geschah während des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1944 im Zusammenhang mit der Invasion in der Normandie. Infolge des wechselnden Frontverlaufes wurden Kampfverbände beider Kriegsparteien an die Schweizer Grenze abgedrängt. Oft blieb als letzter Ausweg nur noch die Flucht in die Schweiz. Haupteinfallstor war der Jura um den Pruntruterzipfel.

Für die Entwaffnung und die Aufnahme fremden Militärs war die Armee zuständig. Vom Armeekommando wurde der Ter Kreis 4 mit Kommandostab in Olten zum zentralen Sammelplatz für Militärflüchtlinge bestimmt. Hier wurden die sanitarischen Untersuchungen durchgeführt und die Soldaten vorerst in dreiwöchigen Quarantänelagern untergebracht. Das im Kleinholz in Olten eingerichtete Barackenspital bewährte sich bestens. Insgesamt wurden in Olten über 18 000 Soldaten, darunter auch 501 Inder, registriert.

Weil die Lager in der Stadt nicht mehr ausreichten, mussten Unterkünfte in der Umgebung gesucht werden. Die grossen Säle der beiden Restaurants Halbmond und Hammer in Egerkingen boten sich als Unterkünfte geradezu an.

In die als Quarantänelager bezeichneten Unterkünfte wurden vorwiegend indische Soldaten einlogiert, meist Angehörige der Sikh-Religion. Es waren 80 bis 100 Mann, die im Afrikafeldzug in Tobruk und Bengasi auf britischer Seite gekämpft hatten, dort in deutsche Kriegs-Gefangenschaft geraten sind und nach dem Rückzug der deutschen Armee nach Frankreich verlegt wurden. Als ihr Lager in Epinal/Vogesen am 11. Mai 1944 von den Alliierten bombardiert wurde, gelang den Gefangenen die Flucht in die Schweiz.

Für die Bereitstellung der Lager war die Gemeinde Egerkingen verantwortlich. Als Einrichtung wurden sehr einfache Massenlager angeboten. Das Militär beteiligte sich an den Einrichtungskosten zu 50 Prozent. Die Leitung war in der Kompetenz des Militärs. Kommandant für Egerkingen war Oblt Schenker aus Olten. Für die Bewachung wurde die Ortswehr unter Kommandant Albert von Rohr, Zimmermann, eingesetzt. Die Ortswehr rekrutierte sich aus noch nicht oder nicht mehr Dienstpflichtigen. Diese wurden in alte Militäruniformen gesteckt, mit Armbinden kenntlich gemacht und mit einem Gewehr bewaffnet. Sie mussten die Zugänge bewachen und die Bevölkerung auf Distanz halten.

Im Lager schliefen die Inder in Reihen auf Stroh. Am Kopfende konnten die wenigen Habseligkeiten in Kartonschachteln versorgt werden. Das Essen bereitete man in einer im Feuerwehrmagazin speziell eingerichteten Küche zu. Die einfache Schweizer Militärkost entsprach nicht immer dem Geschmack der Internierten. Konfitüre wurde beispielsweise nicht gegessen. Entgegenkommend und zur Erhaltung einer guten Lageratmosphäre gab es für die Zubereitung indischer Spezialitäten improvisierte Kochgelegenheiten in der Hofstatt. Das Leben im Lager bot wenig Abwechslung. Die sprachliche Verständigung war schwierig. Zudem wurden Kontakte mit der Bevölkerung nicht geduldet. Die Zeit verbrachten die Internierten in der umliegenden Hofstatt mit Kartenspiel oder Partien am Schachbrett. Am Nachmittag war Ausmarsch befohlen. In Gruppen ging es unter Bewachung durch die Ortswehr in die Höhe Richtung Santel oder in die Egerkinger Vorstadt. Es war im Sommer oder Herbst und die Früchte an Bäumen und in Gärten reif. So konnte nicht verhindert werden, dass bei günstiger Gelegenheit sich Internierte an den verlockenden Gaben der Natur vergriffen. Ihre Bewacher drückten wohl weise beide Augen zu.

Ein Oberschüler aus Egerkingen schilderte dem vom Militär mit Aufgaben betrauten Othmar Bieber, dem damaligen Bezirkslehrer in Neuendorf und Schulinspektor in Egerkingen, seine Eindrücke: «Die sind sehr fromm und Frühaufsteher. Denken Sie, alle Morgen, schon um 4 Uhr, beginnen sie zu beten. Ich hörte schon seit Tagen früh vom Hammersaal her ein eigenartiges, lautes Murmeln, das immer bis gegen sechs Uhr dauert. Der «Schürmeläng» (ein Dorfname, die Red.) hat gesagt, sie täten vor jedem Gebet Füsse, Hände und Kopf waschen. Dann richten sie sich gegen den Sonnenaufgang und verbeugen sich kniend mehrmals. Allemal mit dem Kopf den Boden berührend. Dann stünden sie abwechslungsweise wieder auf und täten die Hände, wie der Herr Pfarrer in der Messe, nach oben halten.»

Die Sikhs waren junge, rassige Männer. Schon wegen ihres kunstvoll gewundenen Turbans waren sie für die Bevölkerung eine Attraktion. So standen immer wieder Männer, Frauen, Kinder um die Lager und versuchten, wenn nicht gerade eine Wache dazwischen kam, verstohlen über den bloss einen Meter hohen Zaun Kontakt herzustellen. Insbesondere versuchten jüngere Frauen gerne, der Abschrankung näher zu kommen. Einzelne ziemlich oft. Das fanden deren Eltern natürlich nicht für gut. Auch eidgenössische Behörden wollten die einheimischen Frauen vor «internationalen Beziehungen» schützen. Dieser Ansicht war man auch im Gemeinderat, und weil es sich bei den «jungen Mädchen grösstenteils um Minderjährige handelt, solle die Vormundschaftsbehörde eingeschaltet werden», hiess es. Passiert ist jedoch nie etwas.

Nach Beendigung der Quarantänezeit wurden die internierten Inder ins Tessin verlegt. In Egerkingen verbreitete sich später die Meldung, das Schiff, welches die Internierten in ihre Heimat zurückbringen sollte, sei auf eine Mine aufgelaufen und mit allen Passagieren gesunken. Es kamen aber Briefe in die Schweiz, auch aus Punjab/Indien, in welchen die heimgekehrten Soldaten den Behörden und der Bevölkerung für die Aufnahme dankten.

Die damals mit dabei gewesenen Ortswehrsoldaten bestätigen, dass am Ende des Dienstes zufrieden festgestellt wurde, dass die Internierung ohne Zwischenfälle abgeschlossen werden konnte. Nur einmal gab es einen Zwischenfall: Bei einem Abendappell fehlte einer. Doch als er am Morgen wieder da war, kehrte die Ruhe wieder ein. Die Bewacher mussten für ihre Nachlässigkeit zum Strafexerzieren antreten. Damit war der Fall erledigt. Ein in direkter Nachbarschaft wohnhaftes

Ortswehrmitglied durfte während seines Dienstes morgens und abends zum Melken heimgehen. Er musste pflichtgemäss aber auch im Stroh schlafen. Dafür nahm er aber sein Kopfkissen von daheim mit. Seine Tochter erinnert sich, dass die Internierten nach Schuhwichse gefragt haben, die sie ihnen prompt besorgt habe.

Othmar Bieber schreibt im Bericht über seine Tätigkeit «dass wir durch die Fühlungsnahme mit den Flüchtlingen und Internierten Gelegenheit hatten, manche Vorurteile zu korrigieren und die gegenseitige Achtung zu festigen». In diesem Sinne hat die Egerkinger Militär- und Ortswehr 1944 das Internierungslager vorbildlich durchgeführt.

Quellen: Bericht O. Bieber, Gemeindearchiv Egerkingen; Stadtarchiv Olten; die Ortswehrsoldaten Ludwig von Arx und Gottlieb Fischer; Elisabeth Baumann Fischer und Mathias Wagner.

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