Seit dem letzten November wird in Oensingen unterhalb des Schulhauses Oberdorf gegraben. Nun haben die Archäologen zwischen den Mauern Gräber aus dem Frühmittelalter gefunden. Der Fund hat Grabungsleiter Fabio Tortoli nicht wirklich überrascht. «Schon im Jahr 1967 wurde in Oensingen bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden».

Darum seien Archäologen davon ausgegangen, dass auf dem Gelände ein Friedhof liegen müsse. Sieben Gräber hat das Team von Fabio Tortoli bereits ausgegraben. Bei sechs weiteren laufen momentan die Grabungsarbeiten. Der Inhalt der Gräber hat Fabio Tortoli dagegen überrascht. Zum Einen, weil in den einzelnen Gräbern Knochen von mehreren Personen gefunden wurden. «Das bedeutet, dass die Gräber mehrfach benutzt wurden: Vor der Grablegung hat man die Skelettreste der früheren Bestattungen grösstenteils ausgeräumt». Vielleicht seien solche Grabstätten über Generationen genutzte Familiengräber, so Tortoli.

Kein Röstigraben

Zum Anderen haben die Archäologen in den einzelnen Gräbern aber auch verschiedene Beigaben gefunden. Und das sei noch spannender, so Fabio Tortoli. Im Grab einer Frau fanden die Archäologen eine Gürtelschnalle aus Eisen, in einem anderen Grab lag ein Kurzschwert. Die Gürtelschnalle aus dem Frauengrab war ein typischer Bestandteil der Tracht der Romaninnen, das Kurzschwert war dagegen eine typische Beilage allemannischer Gräber.

Mirjam Wullschleger von der Kantonsarchäologie ist begeistert von den neuen Funden in Oensingen. Dass auf dem Friedhof die Gürtelschnalle einer Romanin gefunden wurde, ist eine kleine Sensation. «Es lehrt uns, dass die Grenze zwischen romanischem Westen und allemannischem Osten weiter östlich verlief, als bisher angenommen», erklärt sie. Man sei bis jetzt davon ausgegangen, dass der frühmittelalterliche «Röstigraben» ungefähr bei Wangen an der Aare verlief. Auf der westlichen Seite die Romanen, die von den Römern abstammen und die «Einheimischen» waren. Auf der anderen Seite die eingewanderten Allemannen, die ein germanisches Volk waren.

«Es kann auch sein, dass die Frau durch eine Heirat nach Oensingen kam», mutmasst Wullschleger. Genau wisse sie das aber nicht. Man müsse jedenfalls davon ausgehen, dass die Grenzen zwischen den zwei Kulturräumen fliessend waren. «Das zeigt einmal mehr, dass wir nicht alles über die Vergangenheit genau wissen. Wir können höchstens Vermutungen anstellen. Aber durch neue Funde werden diese immer wieder auf den Kopf gestellt», so Wullschleger.

Oensingen war wichtig

Dass es ausgerechnet in Oensingen zu einer Überschneidung zwischen den Kulturen kam, erstaunt sie dagegen nicht. «Oensingen war schon immer ein Knotenpunkt», erklärt sie. Das liege vor allem an der guten Verkehrslage. Zum einen lag der Ort bereits in der Römerzeit an einer Handelsstrasse, die durch das Mittelland führte. Zum anderen führte von Oensingen her ein Weg durch den Jura, über die Pässe in das heutige Gebiet von Basel-Land bis an den Rhein. «Diese Jura-Übergänge waren immer wichtig, egal in welcher Zeit», weiss sie.

Der Friedhof sei wohl aus praktischen Gründen in der Nähe der römischen Villa angelegt worden. Die Ruine der Villa sei im Frühmittelalter noch sichtbar gewesen, ist Wullschleger überzeugt. «Das Land lag sicher brach, war mit Steinen übersät und teilweise überwuchert. Als Ackerland konnte man es sicher nicht gebrauchen». Deshalb hätten sich die Leute im Frühmittelalter wohl dazu entschlossen, in diesem Gebiet ihre Toten zu begraben. Ohne damit zu rechnen, dass diese den solothurner Forschern Jahrhunderte später neues Wissen liefern.

Tag der offenen Ausgrabung in Oensingen: Am Sonntag, 20. August, orientieren Mitarbeiter der Kantonsarchäologie von 13 bis 16 Uhr im Aegertenweg (Abzweiger Schloss-Strasse) über den Stand der Ausgrabung und zeigen aktuelle Funde.