«Als ich am Montagmorgen etwa um 8.30 Uhr wie jeden Tag zum Ziegenstall ging, habe ich gespürt, dass etwas nicht stimmt», sagt Maja Lisser von der Oberen Wengi. Aufgefallen sei ihr, dass von den zwei Ziegen gar nichts zu hören war.

Normalerweise werde sie vor der Fütterung richtiggehend begrüsst. Auch der Hofhund habe sich wie wild gebärdet und aufgeregt den Boden in Stallnähe beschnuppert. Als Maja Lisser beim etwa 50 Meter vom Hof entfernten Stall ankommt, findet sie dort nur noch die Mutterziege vor, das zwei Jahre alte Jungtier ist nirgends zu sehen.

Die 46-jährige Wirtin macht sich umgehend auf die Suche nach dem Jungtier, findet dieses aber nicht. «In diesem Moment kam mir der Gedanke, dass vielleicht ein Luchs die Ziege gerissen haben könnte und so rief ich den Laupersdörfer Jäger Armin Brunner an» berichtet Maja Lisser. Dieser sei dann schon bald mit seinem Hund auf die Obere Wengi gekommen, um dieser These nachzugehen und das vermisste Tier zu suchen. Hund und Jäger hätten aber nichts gefunden.

Maja Lisser vom Hof Obere Wengi vor dem Stall, wo der Luchs in zwei Nächten je eine Ziege riss und wegschleppte.

Maja Lisser vom Hof Obere Wengi vor dem Stall, wo der Luchs in zwei Nächten je eine Ziege riss und wegschleppte.

Tiere kehren zur Beute zurück

Tags darauf: Maja Lisser traut ihren Augen nicht. Nun war auch die andere Ziege verschwunden. Jäger Armin Brunner macht sich erneut auf die Suche und findet schliesslich etwa 150 Meter vom Stall entfernt den Kadaver der jungen Ziege in einem Waldstück liegend. Die Mutterziege bleibt samt ihrer Glocke um den Hals verschwunden.

Aufgrund der Rissspuren war schnell klar: Ein Luchs hat das Tier gerissen. Brunner verständigt in der Folge den vom Kanton eingesetzten Thaler Luchs-Verantwortlichen Josef Bader, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Schliesslich einigen sich die Männer darauf, den Luchs mittels einer beim Ziegenkadaver aufgestellten Kamera abzulichten. Ein einzelner Luchs brauche etwa drei Tage, bis er eine Beute in dieser Grösse gefressen habe und kehre darum immer wieder an diesen Ort zurück, so Bader. Ihn dort zu erwischen, sei also nicht besonders schwer.

Luchs tappt in Falle

Der Luchs tappt denn auch in den frühen Morgenstunden nicht nur in die aufgestellte Fotofalle, sondern verfängt sich in der darauffolgenden Nacht um 21.30 Uhr auch in einer von Verantwortlichen der Fachstelle Kora (Raubtierökologie und Wildtiermanagement) installierten Schlinge.

Das Tier wurde danach betäubt und mit einem Sender ausgestattet, wie Andreas Ryser von Kora auf Anfrage erklärt. Zudem wurde das über ein Jahr alte Männchen vermessen und eine Blutprobe genommen. Diese Daten sind wichtig für ein vom Bund lanciertes Projekt zur Umsiedlung von Luchsen aus dem Schweizer Jura in den Pfälzer Wald (siehe Artikel links).

Katzen agieren im Versteckten

Luchse reissen übrigens eher selten Nutztiere, wie Andreas Ryser von Kora dazu bemerkt. Dass das freigelassene männliche Tier wieder auf die Obere Wengi zurückkehrt, weil es dort erfolgreich war, hält Ryser nicht für wahrscheinlich. Dafür sei der Stress der Einfangaktion zu stark gewesen.

Allerdings sei es nicht aussergewöhnlich, wenn diese Grosskatze in der Nähe von Siedlungen auftauche. «Luchse sind nicht so scheue Tiere, wie das oft kommuniziert wird. Sie agieren einfach im Hintergrund und werden deshalb meist gar nicht wahrgenommen.» Wenn sich aber ein Mensch auf ihn zubewegt, ergreife der Luchs die Flucht.

Ein Sohn von Maja Lisser konnte jüngst in der Nacht einen Luchs in der Nähe des Hauses beobachten, wie die Wirtin zu berichten weiss. Angst vor dem Luchs habe sie deswegen aber nicht. «Höchstens Respekt, nachdem was diese Woche geschehen ist.» Ziegen will sich Maja Lisser neue zulegen. «Sie fehlen mir einfach und für Gäste des Bergrestaurants waren sie stets eine Attraktion.»