Autoparadies
In dieser Gemeinde gibt es mehr Personenwagen als Einwohner

Härkingen scheint ein Autoparadies zu sein. So gibt es im Dorf nicht nur mehr Personenwagen als Haushalte, sondern sogar mehr Personenwagen als Einwohner. Erklärungen für diese Tatsache scheinen sich aber nur schwer finden zu lassen.

Sven Altermatt
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Feindbild der Berufspendler: Das Autobahnkreuz in Härkingen.

Feindbild der Berufspendler: Das Autobahnkreuz in Härkingen.

Keystone

Ein Paradies? Je nach Geschmack heisst das: lauschige Seen, malerische Berge oder lange Sandstrände. All das gibt es in Härkingen nicht. Dafür reichlich Möglichkeiten, um aus dem Alltagstrott auszubrechen und in ein echtes Paradies zu entfliehen.

In keiner Solothurner Gemeinde gibt es mehr Autos pro Einwohner als in Härkingen: Auf 1419 Bewohner kommen 1478 registrierte Personenwagen. Härkingen ist das Autoparadies im Kanton, der einzige Ort, in dem die Zahl der Autos jene der Bevölkerung übersteigt.

Ein Autoparadies?

Irgendwie passt das ja zu Härkingen. Hier stösst die A1 Zürich-Bern mit der A2 aus Basel zusammen. Hier hat ein Nadelöhr der Schweiz seinen Ursprung: jenes chronisch verstopfte A1-Teilstück, das sich bis ins Aargauer Wiggertal zieht. Längst das Feindbild der gebeutelten Berufspendler im Mittelland.

Entkommen? Unmöglich, wenn eine ernste Radiostimme pünktlich zur Rush-Hour verkündet: «Stockender Verkehr zwischen den Verzweigungen Wiggertal und Härkingen.» Das Härkinger Verhältnis zur Autobahn ist denn auch angekratzt: Die A1 wird derzeit auf sechs Spuren ausgebaut, Härkingen befürchtet noch mehr Lärm. 2011 hat das Bundesgericht der Härkinger Forderung nach mehr Lärmschutz jedoch eine Absage erteilt.

Hat Härkingen die hohe Autodichte seinem Autobahnkreuz zu verdanken? Gemeindepräsident Daniel Nützi grübelt kurz. Dann erklärt er: «Das glaube ich nicht.» Nein, er habe bisher nicht gewusst, dass es in Härkingen mehr Autos als Menschen gibt.

Und ja, das überrasche ihn ziemlich. «Ich kann mir das nicht erklären», sagt Nützi. Lässt sich die hohe Zahl an Autos vielleicht darauf zurückzuführen, dass Härkingen ohne diese gar nicht zu erreichen ist? Wohl kaum: Busse verbinden den Ort von frühmorgens bis spätabends mit Olten und den anderen Gemeinden im Gäu.

«Echt keinen Plan»

Forschen wir also weiter. Warum gibt es in Härkingen so viele Autos? «Puh», seufzt Pal Prenaj, «da habe ich echt keinen Plan.» Er ist Chef der Gäu Car Wash, die in Härkingen eine Autowaschanlage und ein Pneuhaus betreibt.

Das Dorf habe schon eine gewisse Vorliebe für Autos, meint Prenaj immerhin noch. Ähnlich klingt es bei Daniel Wetzler. «Natürlich gibt es in Härkingen viele Autos», sagt der Geschäftsführer des Occasionenhändlers Auto-Outlet. «Aber nach meinem Empfinden nicht mehr als in den Dörfern links und rechts.» Wetzler arbeitet seit 17 Jahren in Härkingen.

«Der Ort ist heute stark motorisiert, das liegt jedoch vor allem an den Lastwagen der Industriebetriebe und der Post-Verteilzentrale.» Früher habe er bei einer Autoaustellung die Festwirtschaft auf der Strasse aufstellen können, schmunzelt Wetzler. «Das wäre heute undenkbar.»

Auch ein Streifzug durchs Dorf bringt wenig Aufschlussreiches. Saubere Strassen und schmucke Gärten, Einfamilienhaus reiht sich an Einfamilienhaus. Oft stehen davor zwei Autos, manche verstecken sich hinter grosszügigen Garagen - nichts, was es in anderen Dörfern nicht auch gibt. Und so bleibt Härkingen eben das Autoparadies, das es selbst nicht so recht sein will.