Die Mäppchen mit den Unterlagen liegen beim Eingang auf, im Saal sind die Tische angeschrieben: Arabisch, Farsi, Tigrinya. Draussen vor dem Kirchgemeindehaus weht das Banner der «Kulturschule». Langsam tröpfeln die rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Kursabends herein.

Männer und Frauen aus Eritrea, Afghanistan, dem Iran oder Syrien. Sie wohnen im Asylzentrum Niederbipp der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe. Das Thema des dreiteiligen Kurses: «Leben in der Schweiz». Am ersten Abend ging es unter anderem darum, wie man sich in der Schweiz begrüsst, und so schütteln einige auch der Journalistin die Hand, lächeln und sagen «Hallo! Wie gehts?» Zum Beispiel S.* aus Eritrea, der seit einem Jahr in der Schweiz lebt und einige Brocken Deutsch spricht.

«Pünktlichkeit» ist das erste Thema dieses Abends. Thomas Nyfeler vom Kulturschule-Team erzählt aus seinem Leben in Kambodscha, wo man locker um 11 Uhr kommen kann, wenn man 9 Uhr abgemacht hatte. «In der Schweiz ist das anders», betont er. Er weist darauf hin, wie wichtig Pünktlichkeit für uns Schweizer ist, und dass man sich abmelden muss, wenn man einen Termin nicht einhalten kann.» Ihr seid neu in der Schweiz und wollt Freunde finden, deshalb ist es wichtig, daran zu denken.»

Alles wird simultan übersetzt

Weiter geht es mit den Regeln und Gewohnheiten im öffentlichen Verkehr. Wer hätte gedacht, dass wir hier so viele «Regeln» haben? Das Leben ist nicht unkompliziert in der Schweiz ... Alles, was die Kursleiter erzählen, wird simultan auf die drei Sprachen Arabisch, Farsi und Tigrinya übersetzt.

Deshalb ist ein ständiges Gemurmel im Saal hörbar, was nicht nur für die Zuhörenden, sondern auch für die Übersetzerinnen recht anstrengend ist. Nach einer kurzen Pause geht es um ein recht heikles Thema: den Umgang mit Frauen. Urs Buob versucht, mit verschiedenen Bildern zu zeigen, wie sich Frauen in der Schweiz anziehen dürfen, und anhand eines Rollenspiels wird deutlich, dass Augenkontakt und Händeschütteln nicht in allen Kulturen zu den normalen Umgangsformen gehören. «Augenkontakt und ein Lächeln ist bei uns ein Zeichen für Freundlichkeit. Es öffnet euch viele Türen», gibt Buob zu bedenken.

Beim Thema «Gesundheit» ist das grösste Interesse der Teilnehmenden spürbar. Was tun, wenn man krank ist? Wie kann man vorbeugen? Wann muss man zum Arzt? Wie funktioniert das mit der Krankenkasse?

«Warmen Empfang bieten»

Dieser Kurs wird von einem siebenköpfigen Team ehrenamtlich organisiert und durchgeführt. «Es liegt uns am Herzen, den Flüchtlingen einen warmen Empfang zu bieten», sagt Mitinitiantin Livia Nyffeler. «Wir wollen ihnen zeigen, dass sie willkommen sind, und ihnen die Möglichkeit geben, unsere Kultur zu verstehen.» So lautet denn auch der Slogan der Kulturschule «Verstehen statt nur sehen». Es gehe nicht darum, zu zeigen, dass es hier bei uns besser sei, betont sie. «Es ist einfach anders.»

Der dreiteilige Kurs «Leben in der Schweiz» wird von diesem Team im Oberaargau zum ersten Mal durchgeführt. Letztes Jahr fand ein ähnlicher Kurs im Asylzentrum in Aarwangen statt, organisiert von der Kulturschule Thun, welche diese Art der Kulturvermittlung begründet hat. Livia Nyffeler und ihr Kollege Nicolas Perrenoud halfen in Aarwangen mit und hatten dann die Idee, selber einen solchen Kurs zu organisieren.

Rasch fanden sie Unterstützung im Freundeskreis. Die Kirchgemeinde Niederbipp stellte ihnen den Raum und die Infrastruktur kostenlos zur Verfügung, Freiwillige spenden Kaffee und Kuchen, und die Teilnehmenden bezahlen einen symbolischen Beitrag von 5 Franken für alle drei Abende zusammen. Am Schluss erhalten sie ein Diplom, welches sie später bei einer Wohnungssuche oder Stellenbewerbung vorzeigen können.

Es soll ihnen weitere Türen öffnen. Oder wie es B.* aus Afghanistan auf Englisch sagt: «Es ist gut, etwas über die Schweiz zu wissen. Ich will das System kennen lernen. Wie man sich benimmt und wie man unterwegs ist.» Am kommenden Donnerstag, dem dritten Kursabend, wird er unter anderem etwas über die sieben Bundesräte und ein paar Eckdaten über die Schweiz erfahren.