Thal-Gäu

In der fünften Jahreszeit spielt die Guggenmusik sogar in der Kirche

Ein Bild, das mittlerweile in Balsthal zur Tradition gehört: Die Büttysuger treten im Chorraum der Kirche auf.

Ein Bild, das mittlerweile in Balsthal zur Tradition gehört: Die Büttysuger treten im Chorraum der Kirche auf.

Laute Musik, verkleidete Narren und herzhaftes Lachen in der Kirche – etwas, das nicht alle Tage vorkommt. Doch in der fünften Jahreszeit ist schliesslich vieles möglich. So laden einige Kirchen im Thal-Gäu zum Fasnachtsgottesdienst.

«Fasnacht und Glaube widersprechen sich nicht», ist Adrian Wicki, Pastoralraumleiter des Bezirkes Gäu, überzeugt. «Lebensfreude ist genauso göttlich wie Besinnung.» So bezeichne das Wort «Fasnacht» ja ursprünglich die «Nächte vor der Fastenzeit». Eine Zeit, in der man nochmals so richtig auf die Pauke hauen kann, bevor man sich dem bewussten Verzicht widmet. Nicht von weit her stammt also die Schlussfolgerung, die Fasnacht in die Kirche zu holen. So werden am Sonntag, dem 15. Februar, in Egerkingen, Fulenbach und Härkingen Fasnachtsgottesdienste abgehalten. Die Wortgottesdienste beginnen jeweils um zehn Uhr und werden von Guggen- und Zunftmusik begleitet.

Wie in der Gemeinde Härkingen, in der Wicki selbst als Pfarrer tätig ist. Durch die Liturgiegruppe gestaltet und von der Musik der «Chräbszunft» Kriegstetten begleitet, ist ein tatsächlich unterhaltsamer Gottesdienst garantiert. «Natürlich wird die Predigt auch besinnliche Teile beinhalten, doch das Lachen soll nicht zu kurz kommen.» Nebst Musik und Verkleidung sollen ausserdem zum jeweiligen Motto passende Witzblöcke eingebaut werden. Wicki, der auch schon Clown-Kurse des Schwager Theaters besucht hat, weiss, wovon er spricht. Die Zeiten, in der Humor kaum Platz in der Kirche fand, seien vorbei. «Heute ist es wichtig, dass man über sich selbst und über seine Religion – natürlich in einer guten Weise – lachen kann.»

Jung und Alt findet den Weg

Auch in Balsthal hat Guggenmusik im Gotteshaus Tradition. Seit gut 15 Jahren untermalen die Narren der «Büttysuger» Balsthal den Gottesdienst musikalisch. Pfarrer Toni Bucher leitet dieses Jahr den Gottesdienst am Fasnachtssonntag zum zwölften Mal. «Als gebürtiger Luzerner habe ich natürlich einen besonderen Bezug zur Fasnacht.» Auch für ihn spreche nichts gegen ein wenig Lebensfreude vor der Fastenzeit, welche am Aschermittwoch beginnt.

Bucher gibt sich jeweils Mühe, das Motto der Guggenmusik aufzunehmen. So will er zum diesjährigen Thema «Es isch wurscht» einen Kontrapunkt setzen, was eben alles gerade nicht «wurscht» sei. Gemäss Bucher seien diese Gottesdienste jeweils gut besucht und von jung bis alt fände man den Weg in die Kirche. Natürlich gebe es auch den einen oder anderen, für den Fasnacht nicht in die Kirche gehöre, «aber jene haben die Möglichkeit, die Eucharistiefeier am Samstagabend zu besuchen.» Wichtig sei, dass man den aussergewöhnlichen Gottesdienst jeweils im Voraus ankündige.

Laute Musik – «Stilles Sitzen»

In einer anderen Pfarrei im Thal findet der Fasnachtsgottesdienst zwar auch schon seit einigen Jahren statt, aber nicht am Sonntagmorgen. In Mümliswil feiert man diesen bereits am Samstagabend um 18.15 Uhr. «Aus Erfahrung wissen wir, dass die wahren Fasnachtfreudigen am Sonntagmorgen kaum aus dem Bett kommen», meint Diakon Markus Heil. Ausserdem diene der Gottesdienst so allen als schöner Auftakt für die Fasnacht. «Ich selbst habe Freude an der Fasnacht. Und wenn man Freude hat, wirkt der Gottesdienst auch nicht gekünstelt», meint er auf die Frage, weshalb nicht alle Kirchen einen solchen Gottesdienst durchführen.

Niemand solle sich zu etwas gezwungen fühlen. In Mümliswil wird der Gottesdienst durch die «Steelband Kanofetti» mitgestaltet, Gottesdienstbesucher sind herzlich dazu eingeladen bunt und verkleidet zu erscheinen. Für manche wohl ein ziemlich starker Gegensatz zum «Stillen Sitzen» welches nur zwei Tage zuvor in derselben Kirche stattfindet. Doch für Heil ist es genau dieser vermeintliche Widerspruch, den diese Zeit ausmacht: «Sowohl das Leise und Nachdenkliche, als auch das Laute und Tanzende haben in der Kirche Platz.» Ausserdem würde es schliesslich selbst in der Fasnachtszeit niemandem schaden, mal einen Moment innezuhalten und Stille zu geniessen.

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