Höhlenforschung
Im Nackloch lag in 25 Meter Tiefe ein Totenkopf

Die spektakuläre Rettung in der Riesending-Höhle in Bayern weckt in Egerkingen Erinnerungen an Einstiege ins Nackloch.

Guido von Arx
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Max Leibundgut, Franz Studer und Paul Schüpbach...Bilder: zvg

Max Leibundgut, Franz Studer und Paul Schüpbach...Bilder: zvg

Laut einem Zeitungsbericht im «Solothurner Anzeiger» vom 8. Januar 1935 stiegen einige Jünglinge am Samstagnachmittag, 5. Januar 1935, in die Höhle auf dem Nack in Egerkingen ein. Gemäss der Kalendergeschichte von Cäsar Burkhardt «Der Todesschädel im Nackloch» gehörten sechs Männer zur Expeditionsgruppe. Namentlich genannt sind Otto von Arx, Jakobs, Max Leibundgut, Ernst Studer, Kässe, und Eduard Felber, Albans.

Zur Ausrüstung gehörten Seil und Taschenlampe. In etwa 25 Metern Tiefe stiess Otto auf einen zwischen den Felsen eingeklemmten, gut erhaltenen ganzen Menschenschädel. Wie kam dieser hierher in diese Tiefe? Dem ersten Erschrecken folgten ein paar tiefe Atemzüge, und die beiden Entdecker waren übereinstimmend der Meinung: Dieser Fund muss gehoben werden. Mit einiger Mühe gelang es Otto, den Schädel aus den Felsen zu lösen, und mit Vorsicht wurde er ans Tageslicht gebracht. Unterdessen stiegen andere Forscher weiter hinab bis auf 45 Meter Tiefe. Oben bei Tageshelle ging man an die ersten Untersuchungen. Im Oberkiefer – der Unterkiefer fehlte – steckten noch ein paar Zähne. In der rechten Schläfe klaffte ein kleines, 6 mm grosses Loch. Könnte das nicht ein Einschuss von einem Revolver sein? Ein Mord? Also eiligst hinab ins Dorf und den Schädel zuhanden des Gerichtes auf den Landjägerposten bringen.

Paul Schüpbach und Lydia Leibundgut, unten Otto von Arx (mit Strickleiter).

Paul Schüpbach und Lydia Leibundgut, unten Otto von Arx (mit Strickleiter).

Das Gericht bemühte sich tatsächlich auf den Nack. Dass es in die Höhle einstieg, ist nicht festgehalten. Die folgende gerichtsmedizinische Untersuchung und ein ausführliches Gutachten von Prof. Schlaginhaufen, Zürich, ergaben, dass es sich um den Schädel eines zirka 20-jährigen Menschen handelte. Am rechten Scheitelbein stellte man einen grossen Defekt und am Hinterkopf zwei Löcher fest.

Unsere Höhlenforscher aber legten sich ihre eigene Geschichte zurecht. Sie erinnerten sich nämlich, dass vor Jahren eine aus Holderbank stammende und in Hägendorf tätige Serviertochter auf mysteriöse Weise verschwunden war. Nach einem heftigen Wortwechsel im Restaurant seien vier Herren mit der Serviertochter in ein Auto gestiegen. Einer dieser Herren soll schuld gewesen sein, dass die Tochter «in andern Umständen» war. Seither fehlt jede Spur der Zwanzigjährigen. Vier Herren und eine Serviertochter in einem Auto, und die Tochter wird nie mehr gesehen? Hägendorf–Holderbank und der Nack in der Mitte? Wenn das mit rechten Dingen zugegangen ist? Die Gedanken sind frei!

Das ungeklärte Verschwinden der Serviertochter

Mit dieser Sicht und geheimer Absicht wandten sich unsere Höhlenforscher an die Verwandten der Serviertochter in Holderbank. Gegen entsprechende Bezahlung seien sie bereit, nochmals in die Höhle einzusteigen und nach den Resten des Skeletts zu suchen. Die Holderbanker aber misstrauten dem Vorschlag. Laut einem Bericht im «Solothurner Tagblatt» vom 26. Januar 1935 machten sie sich am 19. Januar mit 20 Männern auf zum Nack, also nur zwei Wochen, nachdem die Egerkinger den Schädel gefunden haben wollten. Ein Bruder der Verschollenen und zwei Jünglinge stiegen bis 60 Meter tief in die Höhle hinab, fanden aber nichts als schlafende Fledermäuse. Insbesondere hätten sie keine Spuren, auch keine Fussspuren im Lehm von einer kürzlich vorausgegangenen Kletterei gefunden. Deshalb beurteilten die Holderbanker den Skelettfund als Schwindel. Für die Egerkinger ging der Trick mit dem Geld nicht auf. Das Verschwinden der Serviertochter blieb ungeklärt.

Eine zweite Expedition wurde von Max Leibundgut, der 1935 schon dabei gewesen war, geplant und vorbereitet. Er hat die Ereignisse in tagebuchähnlicher Form festgehalten; darin sind auch die hier reproduzierten Fotos eingeklebt. Eine 12 Meter lange Strickleiter, 60 Meter Seil, eine 30 Meter lange Hanfleine, Lampen, Messinstrumente, Fotoapparat mit Blitzlicht und verschiedene Werkzeuge gehörten zum Material. Zur Forschergruppe gehörten Max Leibundgut und seine Frau Lydia; Otto von Arx, Jakobs, ebenfalls 1935 dabei; und Paul Schüpbach. Der erste Einstieg erfolgte am 25. August 1951. Max und Paul erreichten auf Anhieb eine Tiefe von 30 Meter. Von hier aus konnte nur noch der schlankere Paul weiter. Er erreichte im Alleingang 45 Meter Tiefe. Nun passierte etwas, das die beiden stutzig machte. Max schreibt: «Auf einem eingeklemmten Stein stehend, verfolgte Max jede Bewegung Pauls. Plötzlich, still, ich hör etwas, ein Auto. Das Geräusch von einem Auto ist deutlich zu vernehmen und man kann sich vorstellen, wie der Wagen der Fridaustrasse entlang fuhr. Nach diesen Feststellungen muss irgendwo eine Öffnung sein, denn es ist nicht möglich, dass der Schall von oben in die Tiefe kam.»

Diese Öffnung zu finden war nun das weitere Bemühen der Höhlenforscher. Am 9. und am 20. September folgten wieder Einstiege. An einer engen Stelle musste eine Sprengung gemacht werden. Dadurch wurde ein Felsvorsprung verkürzt, und auch Max konnte mit Paul zusammen in 55 Meter Tiefe hinuntersteigen. Der zeitlich längste Einstieg folgte am 27. September. Von morgens 5 Uhr bis um 11 Uhr 40. Licht und Material reichten nicht aus für einen noch längeren Aufenthalt. Eine weitere Öffnung wurde noch nicht gefunden.

...der mit einem Handkarren 30 kg Gerätschaften zur Santelhöhe befördert.

...der mit einem Handkarren 30 kg Gerätschaften zur Santelhöhe befördert.

Im April 1952 endlich konnte ein Versuch gemacht werden, mit durch Schwarzpulver erzeugtem Rauch nach der vermuteten weiteren Öffnung zu suchen. «Ich beauftragte Paul, mit einem Kilo Schwarzpulver bis auf den Stein hinab zu steigen und dort mittels einer genügend langen Zündschnur das Pulver in den Abgrund zu lassen». Nach der Zündung dauerte es mehr als eine halbe Stunde, bis aus verschiedenen Spalten Rauchschwaden zu sehen waren. Alle diesen Spalten waren aber zu eng, als dass sich ein Mensch hätte durchzwängen können. Und mit dieser Feststellung wurden die Höhlenforschungen eingestellt.

Gerüchte und waghalsige Abenteurer

Wenn die «Expeditionen» von 1935 und 1951/52 auch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse lieferten, wozu sie auch nicht gedacht waren, waghalsige Abenteurer waren die Teilnehmer aber auf jeden Fall. «Es gingen auch verschiedene Gerüchte an den Wirtstischen herum, und so liess ich den Nack vorläufig in Ruhe», ist der letzte Satz der Aufzeichnungen von Max Leibundgut. Seither ist niemand mehr in diese Tiefen des Nacklochs hinabgestiegen. Die Abenteuerlust war vergangen.

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