Gäupark
Im Angebot am Stephanstag: ein Vogel für 150 Franken

Von einem, der auszog, seinen Stephanstag im Gäupark zu verbringen, kläglich scheiterte und um 11.30 Uhr aufgab.

Philipp Felber (Text und Fotos)
Merken
Drucken
Teilen
Selbst der weihnachtlich geschmückte Baum ist Werbung: Am 26. Dezember wird dem Konsum gefrönt.

Selbst der weihnachtlich geschmückte Baum ist Werbung: Am 26. Dezember wird dem Konsum gefrönt.

Philipp Felber

Zugegeben, es ist schon Tradition, dass ich am 26. Dezember in den Gäupark gehe. Dort entlädt sich der Weihnachtsfrust auf eine ganz spezielle Art und Weise und vermischt sich mit einer diffusen Angst, plötzlich nichts mehr zu essen zu haben. Und das nach nur gerade einem Tag, an dem die Läden geschlossen hatten.

Vielleicht suchen die Heerscharen an Konsumwütigen aber auch nur etwas die Nähe von fremden Menschen, nachdem sie die letzten Tage mit den engsten Verwandten verbracht haben. Als Kontrastprogramm sozusagen. Ich persönlich gehe aus verschiedenen Gründen. Erstens: Ich kaufe meine letzten Geschenke jeweils am Tag nach Weihnachten. Zweitens: Ich bummle an diesem Tag sehr gerne an der Kasse rum, zahle auch mal mit Kleingeld, das strapaziert so schön die Nerven meiner Mitmenschen. Und drittens war ich in diesem Jahr da, um die Menschen und das Geschehen zu beobachten.

Um Viertel vor neun lassen Anzeigetafeln die Autofahrer wissen, dass es noch genügend Parkplätze zur Verfügung hat. Knapp zweieinhalb Stunden später siehts bereits anders aus, die Autos stauen sich beim Kreisel in alle Himmelsrichtungen, die Anzahl der freien Parkplätze tendiert gegen null. In der Tiefgarage wird regelmässig gehupt, es wird geblinkt, gedrängelt, gewartet.

Darum schnell rauf in die Läden. Die Angestellten sind gut drauf, vielfach wird gegrüsst, auch wenn jemand die Dinge nur aus der Distanz anschaut. Ein Grund, wieso so viele Leute am Stephanstag in den Gäupark kommen, werden die Prozent-Plakate sein, welche ein günstigeres Einkaufserlebnis versprechen. Und ein Erlebnis ist es allemal.

Vor allem, wenn man sich Zeit lässt, sich auf eines der unbequemen Bänkchen setzt und die Leute beobachtet. Nach kurzer Zeit setzt sich ein älterer Mann zu mir auf die Bank, auch er scheint Leute zu beobachten und hier weiter nichts verloren zu haben. Dasselbe Bild etwas später auf den bequemeren Sesseln im Parterre. Ein Mann verabschiedet sich von seinen Kindern: «Ich bleibe hier und schaue mir die Leute an, das ist noch spannend.»

So sitzen wir eine Zeit lang zu dritt dort und frönen dem Soft-Voyeurismus. Währenddem ist im Swisscom-Shop der Teufel los, die Angestellten versuchen, den Ansturm zu bewältigen. Am Kiosk vis-à-vis stehen derweil die Leute an und kaufen überteuerte Süssigkeiten, die sie 30 Meter nebenan für weniger Geld bekommen würden. Dafür leuchten aus dem Einkaufswägelchen die roten Sale-Kleber entgegen. Wer so viel gespart hat, darf sich ja wohl auch etwas gönnen.

Die Kathedrale der ganz, ganz leisen Konsumkritik.

Die Kathedrale der ganz, ganz leisen Konsumkritik.

Philipp Felber

Die Konsumlust geht aber auch an mir nicht spurlos vorbei und so stürze ich mich rein in die Regalreihen der Glückseligkeit. Grün glänzt die hübsche Bohrmaschine, der Curved-Ultra-High-Definition-Fernseher leuchtet in grellen Farben, das Bild gestochen scharf. Einen Vogel gibts für zirka 150 Franken, Schuhe für 19 Franken und den Eisbergsalat für einen Franken. Ein wahres Konsumwunder. Alles wird beworben, Bildschirme flackern, alles ist bunt, Markennamen in grossen Buchstaben sollen von Qualität zeugen. Egal, ob schweizerische oder von irgendwo, Hauptsache, es wird gekauft.

Da wirkt die Passerelle, die den Nord- mit dem Südteil verbindet, geradezu wie eine andere Welt. Auf dem Boden findet sich ein merkwürdiges Muster, die Fenster sind farbig. Fast wie Kirchenfenster brechen sie das Licht. Auf dem Boden sind einzelne Fragen zu lesen, sie alle drehen sich um Produktwerbung, welche die Künstler etwas verändert haben. So, als sollten die Leute dazu angeregt werden, über ihren Konsum nachzudenken. In einem der grössten Konsumtempel der Schweiz wohl ein sinnfreies Unterfangen, zumal die Leute meist achtlos drüber weggehen.

Die letzten Weihnachtsrestposten müssen raus.

Die letzten Weihnachtsrestposten müssen raus.

Philipp Felber

Gegen halb zwölf habe ich genug gesehen, derweil von draussen noch mehr Leute in die Geschäfte drängen. Meine persönliche Bilanz: keine Bohrmaschine und kein Vogel, nur gerade den Eisbergsalat für einen Franken. Und übrigens: Am ruhigsten ist es an diesem 26. Dezember an einem ganz bestimmten Ort. Nämlich dort, wo das grosse und kleine Geschäft verrichtet werden kann. Kein Wunder, wird doch rundherum das riesengrosse Geschäft gemacht.