Amtsgericht Thal-Gäu
«Ich hätte auch meine Tochter erschiessen können»

EIn 48-Jähriger stand wegen versuchter vorsätzlicher Tötung vor Gericht. Ihm wurde vorgeworfen, vor rund zwei Jahren auf seinen damaligen Schwiegersohn geschossen zu haben.

Erwin von Arb
Drucken
Teilen
Auf diesem Parkplatz beim McDonald’s-Restaurant in Egerkingen kam es am 17. Januar 2012 zum verhängnisvollen Streit.

Auf diesem Parkplatz beim McDonald’s-Restaurant in Egerkingen kam es am 17. Januar 2012 zum verhängnisvollen Streit.

hr. Aeschbacher

Amtsgerichtspräsident Guido Walser musste noch zusätzliche Stühle in den Gerichtssaal tragen lassen, damit die 13 Familienmitglieder und Bekannten von Bojan K.* den Prozess gegen den albanisch-stämmigen Schweizer mitverfolgen konnten. Ihm warf die Staatsanwaltschaft vor, am 17. Januar 2012 um 18 Uhr auf dem Parkplatz des McDonald’s-Restaurants in Egerkingen auf seinen damaligen Schwiegersohn geschossen zu haben.

Der 48-Jährige bestritt vor dem mit Amtsrichterin Yvonne Schnyder und Ersatzrichterin Regina Füeg als Beisitzerin tagenden Amtsgericht Thal-Gäu die unterstellte Tötungsabsicht. Er habe die Pistole nur mitgeführt, um seine damals 22-jährige Tochter vor ihren Ehemann zu beschützen. Dieser habe gedroht, sie mit einer Waffe umzubringen oder die Mafia mit ihrer Ermordung zu beauftragen, falls sie sich von ihm trenne.

Väter diskutierten Eheprobleme

Er habe sogar befürchtet, dass es deswegen zu einer in albanischen Kreisen möglichen Blutrache kommen könnte, liess der im Entlebuch wohnhafte Beschuldigte via Dolmetscher wissen. Als er dann zusammen mit seiner Tochter auf den Parkplatz des Restaurants gefahren sei, habe er seinen damaligen Schwiegersohn in Begleitung seines Vaters gesehen. Die beiden Männer hätten sehr bedrohlich auf ihn gewirkt. Deshalb habe er das Magazin in die Waffe eingesetzt.

Auf einer Ruhebank wurden danach gemäss Anklageschrift die Eheprobleme des erst seit einer Woche verheirateten Paares von den Vätern erörtert. Dabei seien böse Worte gefallen, wie Bojan K. ausführte. Kritisiert worden sei, dass seine Tochter bei der standesamtlichen Heirat keine Jungfrau mehr gewesen sei und dass sie eine zu schweizerische Mentalität habe.

«Mein Schwiegersohn hat sie schlecht behandelt, sie durfte nicht einmal alleine einkaufen gehen und musste ihren Lohn abgeben», beklagte sich Bojan K. Beim Treffen in Egerkingen habe er seinen Schwiegersohn darauf angesprochen, jedoch keine Antworten bekommen. Als darauf seine Tochter massiv beleidigt worden sei, sei er erzürnt aufgestanden, worauf ihn die beiden Männer am Arm und an der Schulter gepackt hätten. Danach habe er sich losgerissen, die Pistole gezogen und eine Ladebewegung gemacht. Beim folgenden Handgemenge mit seinem Schwiegersohn hätten sich zufällig drei Schüsse gelöst. Er habe aber nie die Ansicht gehabt, jemanden zu verletzen oder gar zu töten, versicherte der Vater von vier erwachsenen Kindern. Er sei so ausser sich gewesen, dass er nicht mehr gewusst habe, was er tat. «Ich hätte auch meine Tochter erschiessen können», übersetzte der Dolmetscher die Aussagen des Angeklagten.

Die von Bojan K. ins Feld geführten Drohungen vonseiten seines ehemaligen Schwiegersohns tat Staatsanwalt Toni Blaser als Schutzbehauptung ab. Der Angeklagte habe damit lediglich die Mitführung der Pistole rechtfertigen wollen. Bojan K. habe sehr wohl die Absicht gehabt, seinen ehemaligen Schwiegersohn zu töten. Nicht weil dieser seine Tochter bedroht habe, sondern weil sich die Familie seines Schwiegersohns für eine Trennung des jungen Pares ausgesprochen hatte. Deshalb habe Bojan K. die Waffe gezogen und zuerst einen Schuss auf den Boden abgegeben und danach zweimal auf seinen Schwiegersohn geschossen. Nur weil ihn dieser festgehalten habe, sei nicht Schlimmeres passiert.

Als Grund für Bojan K.s Ausraster nannte der Staatsanwalt die bereits im Kosovo organisierte kirchliche Trauung, die mit der Trennung des Paars hinfällig geworden sei. Die damit verbundene Schmach bei seinen Verwandten und Bekannten im Kosovo habe Bojan K. zu seiner Tat getrieben. Im vorausgegangenen Gespräch habe er das sogar angekündigt, indem er seinem ehemaligen Schwiegersohn gedroht habe, ihn oder sich selbst umzubringen, wenn er seine Tochter nicht zur Frau nehme. Sein damaliger Schwiegersohn und dessen Vater hätten das so zu Protokoll gegeben, so Staatsanwalt Toni Blaser.

Gedächtnislücken beim Opfer

Der durch ein Projektil am Gesäss verletzte Schwiegersohn konnte sich nicht mehr an diese Drohung von Bojan K. erinnern. Auch dass der Beschuldigte mit der geladenen und entsicherten Waffe auf ihn gezielt haben soll, wisse er nicht mehr genau, sagte der 27-Jährige. In Erinnerung habe er lediglich, dass er den pistolenführenden Arm des Täters gegen den Boden gedrückt habe. Gedächtnislücken auch beim Vater des Angeschossenen. Dieser erinnerte sich nur noch daran, wie er damals mitgeteilt habe, dass die Ehe zwischen seinem Sohn und Bojan K.s Tochter aufgelöst werden soll. Drohung habe es von keiner Seite gegeben. «Unter den Familien herrschte immer ein gutes Verhältnis.»

Namen von der Redaktion geändert

Aktuelle Nachrichten