Amtsgericht Thal-Gäu
«Ich bin sehr wütend gewesen»: Schizophrener Somalier stach 43 Mal zu

Der Somalier, der 2013 seinen Mitbewohner in einer Wohnung in Balsthal umbrachte, musste sich am Montag vor dem Amtsgericht verantworten. Für seine Tat könnte er mit lebenslanger Haft bestraft werden.

Lucien Rahm
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43-mal hatte der Somalier auf seinen Landsmann eingestochen. Danach zog er sich seine blutverschmierten Kleider aus und verliess geduscht und umgezogen die Balsthaler Wohnung, in welcher er zusammen mit seinem Opfer gewohnt hatte. Zwei Tage später griff ihn die Österreichische Polizei in der Nähe von Wien auf.

Am Amtsgericht Thal-Gäu in Balsthal, wenige hundert Meter vom Tatort entfernt, musste sich der mittlerweile 30-jährige Somalier am Montag für die am 6. September 2013 begangene Tat verantworten. Dass er seinem damaligen Mitbewohner das Leben nahm, bestritt der Mann kräftigen Körperbaus gegenüber dem dreiköpfigen Amtsgericht von Beginn weg nicht. Zu klären gab es aber noch die genauen Umstände, unter denen es zur Tat kam.

Davon hängt ab, ob die Tat als vorsätzliche Tötung oder als Mord eingestuft werden wird. Zwar beteuerte der Beschuldigte mehrmals, er habe sein Opfer eigentlich gar nicht töten wollen. Angesichts dessen 43 Stich- und Schnittverletzungen sah sich Amtsgerichtspräsident Guido Walser veranlasst, zu fragen, wie das zusammenpassen soll. Eine genaue Antwort konnte der Täter, dessen Aussagen von einem Dolmetscher ins Deutsche übersetzt wurden, nicht geben. «Ich bin einfach sehr wütend gewesen.»

Salat als Streitauslöser?

Der Tat vorangegangen war ein Streit zwischen ihm und seinem Opfer. Staatsanwalt Ronny Rickli zitierte mögliche Motive des Täters, die dieser in vorangehenden Verhören genannt hatte. Zum Beispiel habe der Mitbewohner nachts oftmals lange telefoniert, was den Beschuldigten beim Schlafen störte. Immer wieder habe das spätere Opfer den Beschuldigten auch respektlos behandelt. So musste sich der Angeklagte vom Mitbewohner oft anhören, Letzterer könne alles besser als er, sei es im Umgang mit dem Computer oder auch, was das Kochen anbetrifft.

Eine solche Kritik an den Kochkünsten des Täters könnte auch in der Tatnacht eine Rolle gespielt haben, führte Rickli weiter aus. Als das Opfer von einem spätabendlichen Einkauf für ein gemeinsames Abendessen zurückkam, habe es den Salat gesehen, den der Täter in der Zwischenzeit vorbereitet hatte und gesagt, «den esse ich auf keinen Fall», was den Täter erbost habe. Generell sei die Stimmung zwischen den beiden zu der Zeit wohl nicht die beste gewesen, denn es seien Geldprobleme vorhanden gewesen und auch die gemeinsame Wohnung sei ihnen vor Kurzem gekündigt worden.

Es lasse sich nicht genau sagen, was den Somalier konkret zur Tat veranlasste, so Rickli. Die Kombination all dieser Probleme habe wohl letztlich zum Äussersten geführt. Mord sei es nach Ansicht der Staatsanwaltschaft deshalb gewesen, weil die Tat «mit besonderer Skrupellosigkeit» durchgeführt wurde. Das sei zum Beispiel der Fall, wenn der Täter mit der Tötung die Durchsetzung unbedeutender Interessen verfolge. Und für solch ein Motiv würden die zuvor geschilderten möglichen Beweggründe eben sprechen.

Täter ist schizophren

Auch könne von einer gewissen Mordlust gesprochen werden, so Rickli weiter. Dies zeige sich darin, dass der Täter auch noch weiter auf sein Opfer eingestochen habe, als dieses längt wehrlos am Boden lag. Den Versuch des bereits schwerverletzten Opfers, sich zur Flucht durchs Fenster zu ziehen, unterband der Täter zudem, indem er den Mitbewohner wieder in die Wohnung zurückzog und nochmals auf ihn einstach.

Auch wechselte der Täter während des Vorgangs das Küchenmesser, nachdem sich das erste ob der zahlreichen Stiche verbogen hatte, um weiter zustechen zu können. Rickli beantragte dem Gericht daher eine Verurteilung wegen Mordes zu lebenslanger Haft und forderte angesichts der psychischen Erkrankung des Täters eine stationäre therapeutischen Massnahme von fünf Jahren.

Anders als die Staatsanwaltschaft erachtete Verteidiger Andreas Spieler den Streit nicht vom Täter ausgehend, sondern vom Opfer. Dieses habe die Auseinandersetzung mit einem Faustschlag ins Gesicht des Täters begonnen. Zudem habe das Opfer als erstes zum Küchenmesser gegriffen und dem Täter eine Schnittwunde an der Brust zugefügt.

Dem Einwand der Staatsanwaltschaft, man habe keine entsprechenden Schnittspuren am T-Shirt des Täters gefunden, entgegnete Spieler, dass der Täter zur Tatzeit ein offenes Hemd getragen habe. Daher seien die Spuren nicht zu sehen. Aufgrund der Blutspuren sei jedoch eindeutig das T-Shirt als Tatkleidung identifiziert worden, hielt Rickli wiederum fest.

Zu berücksichtigen sei zudem der Umstand, dass der Täter an einer paranoiden Schizophrenie leide, so Spieler weiter. Zwar habe sich die Erkrankung im Tatzeitraum erst in der Vorphase befunden, wie ein psychiatrisches Gutachten befand. Dennoch sei somit nur eine Schuldfähigkeit «in mittlerem Masse» gegeben, sagte Spieler. Daher sei der Täter wegen vorsätzlicher Tötung schuldig zu sprechen und zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren zu verurteilen. Diese Freiheitsstrafe sei zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme aufzuschieben, forderte Spieler.

Die Urteilsverkündung findet am Freitag, 29. September 2017 statt.