Aus Gäuer Sicht
«Hüt isch Gmeind»

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Den Ausdruck «Gmeind» kenne ich seit Kindertagen. Dass dahinter mehr Schweiz steckt, als man denkt, ahnte ich als Schüler nur ansatzweise. In Lehrer und Lokalhistoriker Bruno Rudolf hatte ich in Oensingen das Glück, einen Geschichtslehrer kennen zu lernen, der mit seinem Unterricht Brücken von der Vergangenheit zur Gegenwart zu schlagen wusste. Wie wichtig solche Brücken sind, verkennt der Geschichtsunterricht heute zu oft.

Dass mir das Bild der Stanser Tagsatzung von 1481 – ein prägendes Ereignis der Schweizer Geschichte – an der letzten Gemeindeversammlung im Bienkensaal Oensingen wieder bewusst wurde, ist letztlich auf ihn zurückzuführen. In Ruddolfs Unterricht hörte ich von den Ereignissen in Stans. Die von Kriegserfolgen gegen die Burgunder übermütigen Standesvertreter aus allen Landen hätten sich dort versammelt. Dank der mahnenden Worte des Bruder Klaus sei ein Kompromiss unter den Ständen gefunden worden, der alle befriedigte und letztlich die Eidgenossenschaft zusammenhielt. Solches berichtet die Luzerner Chronik des Diebold Schilling.

Wer sich nicht an diese Sequenz des Geschichtsunterrichts erinnern kann, möge sich geschilderte Szene im Museum Altes Zeughaus Solothurn vor Auge führen. Dort wird das Ereignis mit lebensgrossen Standfiguren eindrucksvoll festgehalten: Mannen geschützt in Harnischen lauschen aufmerksam in geordneten Reihen den Worten des weisen Bruder Klaus im Ratsaal zu Stans, bevor sie richtungsweisende Entscheidungen fällen.

Wie eindrücklich gestalten sich die Parallelen zu Stans anno 1481 zu jenen der Gemeindeversammlung Oensingen vom 7. Dezember 2020. Auch wir 100 Stimmberechtigten sassen in geordneten Reihen unter dem Einfluss des «Krieges» gegen Corona im Bienkensaal. Zwar nicht wehrbereit in eisernen Harnischen wie damals in Stans die Standesvertreter, aber mit Stoffmasken gegen den allgegenwärtigen unsichtbaren Feind Corona gerüstet.

Aufmerksam hörte die Versammlung ihrem dorfeigenen und geschätzten «Bruder Klaus», alias Hansueli Loosli, zu. Was er sagte, hatte Hand und Fuss. Wohlvorbereitet mahnte er die «Gmeind» mit Fakten und Zahlen. Die Konzessionsgebühren seien zwischen natürlichen und juristischen Personen zu splitten, um so Gerechtigkeit und Ausgeglichenheit beim Stromverbrauch zu schaffen. Trotz überzeugendem Referat unterlag sein Ansinnen. Drei Stimmen fehlten zur Annahme. Dem Antrag des Gemeinderates gab die «Gmeind» den Zuschlag.

Das anschliessend aus der Mitte der Versammlung vorgebrachte Anliegen, das Geschäft aufgrund seiner Wichtigkeit der «Gmeind» zu entziehen und es an die Urne zu verweisen, verfehlte eindeutiger das Mehr. Letztlich konnten alle hinter den getroffenen Entscheidungen stehen. Am Schluss ging man in Minne von dannen. Gut so, meine ich.

Einmal mehr manifestierte sich so der Wert einer Gemeindeversammlung. Bei ihr begnügt man sich bei der Beurteilung einer Vorlage nicht mit einem blossen Ja oder Nein, sondern die vorgelegten Geschäfte werden ausdiskutiert. Geschäfte ergänzt oder abgeändert zu genehmigen oder gar zur weiteren Überarbeitung zurückweisen zu dürfen, ist ein Privileg, das man in keinem anderen Land so kennt. Der direkte Austausch zwischen den gewählten Gemeindeverantwortlichen und den Teilnehmern der Gemeindeversammlung trägt wesentlich zum gegenseitigen Verständnis bei. Diese «Gmeind» in Oensingen vom 7. Dezember erwies sich als «Lehrplätz», wie wertvoll unsere hergebrachten demokratischen Institutionen sind.

Diese Gemeindeversammlung war nicht zuletzt auch unter dem Eindruck des Coronavirus eine eindrückliche Veranstaltung. Für diesen Auftritt verdienen alle Beteiligten Anerkennung. Ein überzeugter Demokrat weiss diese Leistung zu schätzen. Ein Beitrag zur Erhaltung der Idee Schweiz... erbracht im Gäu.