Kestenholz

Holzkunst an der Drehbank: Er erfüllt sich mit der Werkstatt seinen Lebenswunsch

Kestenholz erhält eine neue Drechsler-Werkstatt. Jürg Meier und sein langer Weg an die Drehbank.

Ist Jürg Meier ein Künstler? Der Drechsler selbst verneint. Greift sich mit den langen Fingern an den spitzen Bart und schaut in Gedanken versunken zu Boden. «Es ist Gebrauchskunst im weitesten Sinn», sagt er dann. Keine Pfeffermühle in der Vitrine ist gleich wie die andere. «Menschen die sich selbst als Künstler bezeichnen, lassen mich vorsichtig sein», schiebt Meier in seinem Berndeutschen Dialekt hinterher.

Der hagere Mann mit dem langen grauen Haar hat sich kurz vor dem Pensionsalter seinen Lebenswunsch erfüllt. Mit 64 Jahren denkt Meier daher keine Sekunde an den Ruhestand. Jetzt kann er endlich loslegen. Das Holz drehen und ihm dabei Formen geben. Erst durch den Tod seiner Mutter und das Erbe konnte er sich eine eigene Werkstatt mit allen Drechsler-Werkzeugen leisten, erzählt Meier. Seit er als knapp 20-Jähriger ein erstes Mal an einer Drehbank stand, liess ihn das Drechseln nicht mehr los. Auch wenn er viele Jahre keinen Zugang zu seiner Leidenschaft mehr fand, sagt Meier: «Vergessen habe ich das Handwerk nie.» Immer hoffte er darauf, auf den Markt fahren und seine Gebrauchskunst verkaufen zu können.

Im falschen Beruf als Radio-Elektriker

Bis der Lebensweg ihn dorthin brachte, wo Meier hin wollte, musste er sich gedulden. Er begann eine Lehre als Radio-Elektriker – brach diese aber nach zwei Jahren ab, weil er sich im falschen Beruf wähnte. «Mein Vater war ein Holziger, er hatte Wagner gelernt.» In Richigen bei Worb aufgewachsen, ging Meier schon irgendwann als Bub im Schopf «etwas Grübeln». Die wenigen Drechsler-Lehrstellen die es gab, waren auf Jahre hinaus besetzt und wurden immer weniger. Also schlug sich Jürg Meier mit Jobs durch. «Damals war Hochkonjunktur, es gab überall Job-Angebote», erinnert er sich. Aber Meier kam immer wieder zurück zum Holz. Er hoffte später, das «Taxi-Permi» erlaube ihm, seinen Drechsler-Wunsch nebenbei auszuüben. Auch dieser Plan funktionierte nie. Meier war Taxi-Chauffeur – stand selten an der Drehbank.

In Kestenholz hat er nun sein eigenes Drechsler-Reich aufgebaut. Binnen dreier Monate verwandelte er einen ehemaligen Stall an der Hauptstrasse zur Werkstatt um. Jürg Meier verliess das Emmental für die Liebe. Dies sei der einzige Grund, weshalb er sein erstes professionelles Atelier mit dem Namen «Drehpfeffer» im Gäu eingerichtet habe. «Die Regionen sind ja neutral», sagt er.

Erstmals seit dem Umzug steht er wieder an der Drechselbank, um aus einem sich drehenden Stück Holz einen Zwirbel zu fertigen. Vieles brachte sich Jürg Meier über Youtube-Tutorials bei. Was ihm bis heute nicht gelingen will, ist das Drechseln «um die Ecke». Eine Technik, um Hohlgefässe zu schaffen. Inspiration holt er sich auch bei Drechslerkollegen. Etwa André Müller aus Utzenstorf, dessen riesige Vasen ihn beeindrucken: «Ich habe grossen Respekt vor seiner Arbeit.» Seine Spezialität bleiben Gewürzmühlen. Gerne würde er jedes Exemplar nur einmal als Unikat produzieren. «Das ist aber kaum möglich, denn die Menschen orientieren sich immer am Bestehenden und sagen: Ich hätte gerne eine Mühle wie diese», sagt Meier.

Die Schwarznuss «vom Schürch us Huttu»

Sein eigener Anspruch, immer neue Formen auf die Skizzenpapiere zu bringen, treibt ihn an. «Ich habe auch schon von Formen geträumt», erzählt Meier. Wenn sich seine Kreativität erschöpft, fragt er seine Partnerin um Rat. Zur grossen Vielfalt tragen auch die Hölzer bei. In der Ausstellungs-Vitrine stehen Gewürzmühlen aus verschiedensten Holzarten. Er versuche, das Holz möglichst aus der Region zu beziehen. Aber auch die Sägereien würden viel importieren. Da ist die Schwarznuss aus Ungarn, die er «vom Schürch us Huttu» hat, oder das Olivenholz aus Italien oder Spanien, das er bei Sägereien in Zug und St. Gallen bezieht. Meier mag es auch, Metall zu formen. Daraus liessen sich «wahnsinnige Dinge» machen, sagt er. «Aber Holz ist warm, ist mir viel sympathischer.» Ist Drechseln nun sein Beruf? Eher die «Hauptbeschäftigung», erwidert er. «Ich habe meiner Lebtage immer etwas gegrümschelt.»

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