Soziales Projekt
Hilfe für das zerstörte Nepal: Härkingerin setzt sich für ihre zweite Heimat ein

Sabine Wyss aus Härkingen erlebte das schwere Erdbeben in Nepal am eigenen Leib. Im Zuge der Zerstörung durch das Beben hat sie ein soziales Projekt eröffnet. Seit vier Jahren pendelt sie nun zwischen der Schweiz und Nepal.

Philipp Felber
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Sabine Wyss pendelt seit vier Jahren zwischen der Schweiz und Nepal.
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Kurz nach dem Erdbeben waren viele Häuser in Nepal zerstört.
Der Wiederaufbau als erstes Projekt.
Härkingerin Sabine Wyss im Einsatz nach dem Erdbeben in Nepal
Taschen mit traditionellem Muster.

Sabine Wyss pendelt seit vier Jahren zwischen der Schweiz und Nepal.

zvg

«Wir hatten das Gefühl, dass bald der Boden aufreisst. Der Boden hat weniger geschüttelt, als vielmehr geschwankt und das 90 Sekunden lang». So beschreibt Sabine Wyss das Erdbeben in Nepal, das im letzten April über 8000 Menschen das Leben kostete.

Die Härkingerin war zum Zeitpunkt des Bebens in Pokhara, sieben Stunden mit dem Jeep vom Epizentrum entfernt. Sie und ihr Partner Purna Bahadur Gurung hatten Glück: Ihre Wohnung blieb stehen und trug auch keine Schäden davon.

Im ganzen Land haben 800'000 Häuser Schaden genommen. So auch das der Eltern von Gurung, welches in einem Dorf ganz in der Nähe des Epizentrums stand. «Als wir erfuhren, wo das Zentrum war, wollten wir Kontakt mit den Eltern aufnehmen», sagt Wyss.

Doch einfacher gesagt, als getan. Die Telefonleitungen waren nur spärlich in Betrieb. Als dann die Verbindung stand, war klar: Die erste Hilfe musste sofort anlaufen, denn die Dörfer in den Bergen waren zum Teil von der Umwelt weitgehend abgeschnitten.

Notblachen und Reis

«Ich hoffe, Sie sind nicht allzu enttäuscht am Schluss», sagt Sabine Wyss ganz zu Anfang unseres Gesprächs mit einem Lächeln. Meine Ankündigung, dass ich gerne ihre Geschichte vom Erdbeben in Nepal hören möchte, um sie mit dem Geschehen rund um die Erdbeben in Italien zu vergleichen war wohl etwas abschreckend.

Und vergleichbar sind die beiden Ereignisse wirklich nicht. Das Beben in Nepal war mit einem Wert von 7,8 auf der Richterskala weit stärker als das stärkste in Italien mit 6,2. Zudem sind die Voraussetzungen in den beiden Ländern grundverschieden.

Ein Vergleich ist aber auch nicht notwendig, wie sich im Gespräch herausstellen sollte. Denn Wyss’ Erzählungen von ihrem Engagement in Nepal geben weit mehr als genug Stoff für diese Zeilen her. Und schnell ist auch erlebbar, welche ereignisreichen eineinhalb Jahre Wyss seit dem Erdbeben erlebt hatte.

Wyss und ihr Partner bauten die Ersthilfe nach und nach aus. Die ersten Lieferungen bestanden aus Notblachen für fünf Dörfer und Reis für 140 Familien. Um die Hygiene sicherzustellen, wurden Latrinen gebaut, danach lief die Aufbauhilfe an.

Die beiden konnten dabei auf Spenden aus der Schweiz zurückgreifen: «Schon kurz nach dem Erdbeben bekamen wir die ersten Anfragen aus der Schweiz, ob finanziell geholfen werden könne», erzählt Wyss. Am Schluss haben diese Spenden 50'000 Franken betragen.

Und jetzt waren die beiden gefordert: «Wir haben schnell gemerkt, dass es nicht einfach ist, sinnvolle und nachhaltige Aufbauhilfe zu leisten.» Deshalb hätten sie sich bei Helvetas Know-how verschafft. Daraus entstanden ist etwa ein Wasserprojekt.

Zudem wurde für den Aufbau von acht Häusern jeweils 3'500 Franken aufgewendet. «Dabei war es wichtig, dass wir nicht einfach alles zahlen, sondern die Leute vor Ort einbinden, damit sie auch ihren Teil beitragen müssen.» Somit werde gewährleistet, dass etwa das Wasserprojekt auch in Zukunft nachhaltig betrieben werde.

Private Initiative als Garant

Momentan ist Wyss noch bis im Januar an der Primarschule in Härkingen als Stellvertretung engagiert und lebt mit ihrem kleinen Sohn Mohan bei ihren Eltern. «Er ist das erste Mal in der Schweiz», erklärt Wyss während sich der Kleine förmlich in sie eingräbt.

Zum Zeitpunkt des zweiten schweren Bebens im Mai 2015 war Sabine Wyss, schwanger mit Mohan, alleine in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. «Das ist mir noch etwas mehr eingefahren, so ganz allein zu sein.» Sie brachte damals Trekkinggäste aus dem Ausland zurück an den Flughafen, ihr Partner blieb im Dorf und half beim Aufbau mit.

Gurung hatte sie bei ihrem ersten Aufenthalt in Nepal vor vier Jahren kennen gelernt, danach pendelte sie immer zwischen der Schweiz und Nepal. So wird sie im kommenden Januar auch wieder zurückreisen.

Beim Wiederaufbau in Nepal selbst laufe momentan eigentlich nur auf private Initiative hin etwas. Alles, was von der Regierung organisiert werde, funktioniere nicht. So sei zwar ein Unterstützungsbeitrag von umgerechnet 2'000 Franken für zerstörte Häuser zugesichert worden, doch die Hilfe gelange an vielen Orten in die falschen Hände.

Für Gurung und Wyss ist zumindest die Erdbebenhilfe abgeschlossen, doch dürfte die Arbeit nicht ausgehen. Ist doch aus der Aufbauhilfe ein weiteres Projekt entstanden.

Ein soziales Unternehmen, dass sozial oder ökonomisch Benachteiligten helfen soll, sich ein gutes Leben fernab von der in Nepal allseits herrschenden Korruption aufzubauen. «Wir haben momentan ein kleines Atelier mit zwei Webstühlen, einen kleinen Verkaufsshop in Pokhara und eine Strickgruppe in Gorkha.»

Für das Projekt war zuerst die Struktur einer NGO, einer Nicht-Regierungsorganisation, geplant, doch wurde schnell klar, dass dies falsche Anreize setzt. So seien zu Beginn mehr reiche Leute bei ihnen im Laden gewesen, die einen Job wollten als tatsächliche Kunden.

Denn NGOs eile in Nepal der Ruf voraus, dass man dort relativ einfach zu gutem Geld komme. Deshalb habe man entschieden, sich als soziale Unternehmung zu positionieren. Das heisst faire Arbeitsstellen und Ausbildungen anzubieten und die gefertigten Produkte dann auch zu verkaufen.

Finanziell selbstständig ist das Unternehmen jedoch nicht. Deshalb wurde ein Verein ins Leben gerufen, der die Tätigkeit des sozialen Unternehmens und den sinnvollen Einsatz von Spendengelder überprüft. Zudem soll der Verkauf der Produkte in der Schweiz etwas besser koordiniert werden.

Weitere Infos über das Projekt unter www.himaal.org. Zudem sind die Produkte der sozialen Unternehmung bei der Firma «Wyss Weihnachtbaumkulturen» in Härkingen zu erwerben.