Felix Jeanmaire, Sie haben «casa fidelio» aus einer Midlife-Crisis heraus gegründet (siehe Kontext), darum scheint das ein Herzensprojekt zu sein. Haben Sie nun Schwierigkeiten loszulassen?

Felix Jeanmaire: Nein. Es gibt ja dieses geflügelte Wort: «Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.» Das ist bei mir nicht so. Oder jedenfalls nicht mehr. Vor zwei, drei Jahren hätte es vielleicht noch anders ausgesehen. Heute gehe ich aber mit zwei lachenden Augen. Denn ich habe das Gefühl, dass ich etwas auf die Beine gestellt habe, was auch funktioniert. Ich habe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Wir sind in einer guten Position in fachlicher, finanzieller und administrativer Hinsicht. Ich kann also aus diesem Betrieb heraus mit dem Gedanken, dass ein grosses Stück von mir drin steckt. Es ist so wie bei einem Kind, irgendwann sind die Eltern nicht mehr schuld. Wir haben zudem den Vorteil, dass wir von Anfang an geschaut haben, dass Herbert Müller und ich nicht die Herren im Haus sind und so eine flache, wunderbar funktionierende Hierarchie herstellten.

Sie vergleichen die Institution mit einem Kind. Aber ein 23-jähriges Kind hat ja durchaus auch noch ab und an ein Bedürfnis nach elterlicher Nähe. Bleiben Sie «casa fidelio» erhalten?

Wie es halt so ist, hiess es auch bei mir: «Du bist nun pensioniert und hättest Zeit für das Präsidentenamt des «casa fidelio»-Vereins». Ich will einen Schnitt. Was ich anbiete, ist, dass ich Coaching-Aufgaben übernehmen könnte. Aber ich möchte nicht mehr ins alltägliche Leben hier eingebunden sein.

Sie haben vor 23 Jahren «casa fidelio» gegründet, ohne Ausbildung im sozialen Bereich. Wie war das möglich?

Durch meine Erfahrungen vom Bau her, war ich so etwas wie der Projektmanager. Etwa ein halbes Jahr vor der Gründung kamen langsam Fachfragen auf, und ich schaute mich nach einem geeigneten Partner um. In Herbert Müller habe ich ihn dann auch gefunden. Er übernahm die Geschäftsleitung im Bereich Therapie und ich übernahm die Institutionsleitung. Nach zwei Jahren «casa fidelio» habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich bleiben soll. Denn irgendwie war ich bereits etwas weg vom Bau, aber noch nicht richtig im sozialen Arbeitsfeld angekommen. Dann habe ich im Anschluss eine Ausbildung zum Non-Profit-Manager absolviert und etwas später auch noch eine Institutionsleiterausbildung. 

Welche Veränderungen haben Sie während Ihrer Ära als Heimleiter beobachtet?

Das Auffälligste ist, dass man die Suchtmittelabhängigen, also die Szene im Alltag nicht mehr sieht. Anfang der 1990er-Jahre war die offene Drogenszene auf dem «Platzspitz» noch in aller Munde. Wir haben aber immer zwischen 80 und 90 Prozent belegte Zimmer. Die Kundschaft ist also da. Manchmal haben wir auch eine Warteliste. Wo wir eine Veränderung feststellen, ist die Frage danach, wer bezahlt. Wir kosten 350 Franken am Tag, das ist die Hälfte eines Gefängnisses. Leider schaut man heute vermehrt darauf, was die Krankenkasse zahlt, anstatt die sinnvollste Lösung für einen Klienten zu finden. Wir sind ja eine Institution, welche nur Männer behandelt, die mit ihrem Mannsein zu kämpfen haben. Diese Probleme können wir hier optimal angehen, vielfach ist es so, dass jemand an einem anderen Ort «verwahrt» wird, weil die Krankenkasse die Behandlung übernimmt. Es wird zu wenig darauf geschaut, welche Bedürfnisse ein Klient wirklich hat.

Gibt es auch Konstanten?

Was gleichgeblieben ist, ist die Tatsache, dass es keinen bestimmten Männertypus gibt, der bei uns oft vorkommt. Die gesamte Gesellschaft ist vertreten. Doch die Veränderungen sind zahlreicher. Etwas was sich stark verändert hat, ist die Tatsache, dass heute nicht mehr nur eine Sorte Suchtmittel konsumiert wird. Heutzutage wird «gefressen», was es halt gibt. Und darum gibt es auch vermehrt Dual-, oder Tripeldiagnosen. Das heisst, dass die Klienten zum Beispiel durch die Sucht noch depressiv, psychotisch usw. wurden. Die Klientel wurde dadurch wesentlich anspruchsvoller. Wir hatten früher vielmehr Männer, die zu uns gekommen sind, weil sie wollten. Das heisst, sie haben sich gesagt, dass es so nicht weitergehen könne und etwas passieren müsse. Die sind dann auch zu ihren Verfehlungen gestanden. Heutzutage haben wir vermehrt verschliffene Sachen, mehr Migrationsthemen, mehr im Massnahmevollzug. Die Klientel ist allgemein vielfältiger geworden.

Die Männer, die zu Ihnen kommen, haben alle einen Entzug hinter sich. Haben Sie in den letzten 23 Jahren viele Rückfälle erlebt?

Was heisst schon viel? Denn ein Rückfall ist vielleicht schon zu viel. Ich habe in einem Jahr schon drei Rückfälle erlebt, aber dann auch Jahre mit 20 Rückfällen. Das Entscheidende ist, was am Schluss dabei rausschaut. Ein kleines Beispiel: Ein Klient hatte 7 Rückfälle, hat sich danach aber gefangen und seither nichts mehr angerührt und lebt heute ein gutes Leben als Grossvater. Ein anderer, der hier als Vorzeigebeispiel lebte, hatte eine Arbeitsstelle, ging aber nur gerade zwei Tage zur Arbeit und stürzte dann vollständig ab. Es gibt also dafür keinen Massstab, ob es viele Rückfälle gibt oder nicht.

Tun die Rückfälle weh?

Nein, das tut nicht weh. Gedanken macht man sich aber schon. Es darf nicht weh machen. Weil, wenn es mir weh machen würde, dann müsste ich schon lange aufhören, wäre im Rollstuhl oder würde Suchtmittel konsumieren. Hingegen freue ich mich, wenn etwas aufgeht. Wenn wir Ehemaligen-Treff haben, dann ist das wunderbar. Das ist schliesslich auch das Schöne daran: Wenn ich sehe, dass ich an einer positiven Entwicklung habe teilhaben dürfen. Wenn meine Leidenschaft «Hilf mir, es selbst zu tun» als Korn gefallen ist und beim Gegenüber zu wachsen beginnt.