Oensingen

Hier sortieren Maschinen Pillen für die Patienten

Apotheker und Firmengründer Markus Meier zeigt die Verpackungsautomaten für Medikamente.

Apotheker und Firmengründer Markus Meier zeigt die Verpackungsautomaten für Medikamente.

Die Oensinger Medifilm AG rüstet und verpackt maschinell Medikamente für Patienten und nimmt so Pflegepersonal Routinearbeit ab.

Weisse Wände, blauer Boden, apothekerschrankähnliche Verpackungsautomaten, das Personal trägt weisse Schürzen: Alles bei der Medifilm AG in Oensingen erinnert an eine gewöhnliche Apotheke, einfach grösser und in industrieller Ausführung. Die 2007 gegründete Firma hat sich auf das maschinelle Rüsten und Verpacken von Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln konzentriert.

Firmengründer Markus Meier, er ist selbst Apotheker, erklärt auf dem Betriebsrundgang den Ablauf. «Dank einer eigens entwickelten Software und einer ausgeklügelten Mechanik können – patientenbezogen – unzählige Medikamente vollautomatisch verpackt werden.»

Die Automaten sind mit 500 Dispensern bestückt. Jeder ist mit einem anderen Medikament gefüllt. Zum richtigen Zeitpunkt wird das richtige Medikament durch einen Trichter in einen Plastikbeutel abgefüllt, die ähnlich einer Filmrolle aufgerollt werden. «Daher rührt der Firmenname und inzwischen auch die geschützte Marke Medifilm», sagt Meier lachend. Die Beutel sind mit allen nötigen Angaben beschriftet: Name und Geburtsdatum des Patienten, Name der Pflegeinstitution, wo sich der Patient aufhält, Anzahl und Farbe der Tabletten, der Zeitpunkt der Einnahme und einem Strichcode für die Verfolgbarkeit.

Die Konfektionierung basiert auf elektronisch übermittelten Daten der Apotheken. Der Prozess nennt sich in der Fachsprache patientenindividualisierte Verblisterung. Ausgeliefert werden die Beutel durch Pharmagrossisten an Apotheken, welche für die Weiterverteilung an die Alters- und Pflegeheime oder an zu Hause wohnende Patienten besorgt sind. Pro Arbeitstag werden in Oensingen, so Meier, rund 90 000 Tabletten in etwa 38 000 Schlauchblister abgepackt. Insgesamt verarbeitet die seit 2013 zum Pharmakonzern Galenica gehörende Medifilm (siehe Kasten) ein Sortiment von rund 2000 Medikamenten in fester Form.

Mehr Zeit für Patientenarbeit

Der Sinn dieser Dienstleistung liegt für Meier auf der Hand: «Wir nehmen den oft von Personalmangel geplagten Pflegeinstitutionen die zeitaufwendige und anspruchsvolle Routinearbeit ab.» Dadurch habe das Personal mehr Zeit für die direkte Arbeit mit den Patienten und das Pflegeniveau könne besser gehalten werden. Zudem könne die Fehlerquote bei der Medikation gesenkt werden. «Wir verfolgen eine Nullfehlerstrategie, die wir fast erreichen», so Meier. Pro einer Million verpackter Tabletten gebe es eine sogenannt berechtigte Reklamation. Bei der herkömmlichen Verteilung durch die Pflegefachpersonen in den Heimen wird die Fehlerquote auf 2 Prozent geschätzt. Hinter der hohen Sicherheit stecke viel Aufwand. «Wir kaufen die Verpackungsautomaten in Südkorea ein. Diese genügen aber unseren Anforderungen nicht.»

Die importierten «Maschinenrohlinge» erhielten deshalb in der hausinternen Präzisionsmechanikabteilung den «Swissfinish», und die Software werde wie erwähnt eigens auf die Bedürfnisse entwickelt. Jede Charge werde auf Herz und Nieren kontrolliert. Meier zeigt auf eine Anlage, ausgerüstet mit zwei Kameras, welche die Form, Farbe und Grösse der Tabletten registrieren und vergleichen. Den Kontrollautomaten durchlaufe jeder verpackte Plastikbeutel.

Bis zu 500 Todesfälle

Zwar gibt es seitens der Alters- und Pflegeheime keine genauen Zahlen über Todesfälle durch falsche Medikation. Die Stiftung für Patientensicherheit schätzt aber, dass deshalb in der Schweiz jährlich 250 bis 500 Menschen sterben, wie Kommunikationsleiterin Petra Seeburger erklärt. Deshalb organisiert die Stiftung zusammen mit Partnerorganisationen aus Deutschland und Österreich Mitte September einen Aktionstag zum Thema «Medikationssicherheit».

Falsch dosierte oder eingenommene Medikamente oder eine Kombination verschiedener Arzneimittel mit schädlicher Wechselwirkung: Fehler bei der Medikamentengabe sind die häufigste Ursache von sogenannten unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW), schreibt die Stiftung in einer Medienmitteilung. Das Spektrum der Folgen reiche von leichten Gesundheitsstörungen bis hin zum Tod der Patienten. UAW seien verantwortlich für fünf Prozent aller Einweisungen in Krankenhäuser – und enden bei etwa zwei Prozent der Betroffenen tödlich. Etwa jede zweite UAW gehe auf Medikationsfehler zurück, sei also grundsätzlich vermeidbar, so die Stiftung.

Zertifiziert von Swissmedics

Um die höchstmögliche Sicherheit zu gewährleisten, sei die Medifilm AG sowohl als Pharmagrossist wie auch als Medikamentenhersteller von der Schweizer Aufsichtsbehörde Swissmedics zertifiziert. «Wir werden regelmässig kontrolliert», versichert Meier. Die Oensinger beschränken sich auf den Heimmarkt Schweiz. Die Branche sei derart reglementiert, dass die Hürden für eine Ausdehnung der Dienstleistung ins Ausland viel zu hoch seien.

Das gelte auch beim Einkauf der Medikamente. «Wir dürfen diese als Grossist nur in der Schweiz und in den originalen Handelsverpackungen einkaufen.» Das führt dazu, dass alle nach Oensingen gelieferten Medikamente in einem ersten Schritt ausgepackt werden müssen. Auf mehreren Automaten in Reinraumbedingungen erfolgt die Entblisterung, die Tabletten werden je nach Sorte in grössere Behälter gefüllt.

«Die Idee war nicht ‹bankfähig›»

Das Marktpotenzial für die angebotene Dienstleistung schätzt Meier als sehr hoch ein. Derzeit decke das industrielle Rüsten und Verpacken von Medikamenten nur einen Bruchteil des Gesamtmarktes ab. In der Schweiz gebe es einige Konkurrenten, die Medifilm AG sei der grösste Anbieter. «Wir sind in den vergangenen vier Jahren jährlich um rund 40 Prozent gewachsen», so der 53-jährige Apotheker, der die Firma seit 2007 leitet.

So erstaunt es nicht, dass die Firma demnächst im Industriegebiet von Oensingen in einem angrenzenden Gebäude eine viermal grössere Fläche beanspruchen wird. Der Personalbestand sei seit 2009 von damals 10 auf aktuell 40 Mitarbeitende gestiegen.

Die Integration in die Galenica beflügle den Ausbau der industriellen Dienstleistung. Es benötige stetig hohe Investitionen in den Maschinenpark, in die Softwareentwicklung und in die Sicherheit sprich Qualität der Dienstleistung. Als privater Unternehmer wäre das viel schwieriger, weiss Meier aus eigener Erfahrung: «Die Idee zum industriellen Rüsten und Abpacken von Medikamenten war bei der Gründung jedenfalls nicht ‹bankfähig›.»

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