Sömmerung auf dem Güggel

«Heute sind die Bauern froh, wenn die Tiere weg sind»

Die Familie Gygax bewirtschaftet die Höfe «Güggel» und «Zentner» auf dem Brunnersberg. Ihre Grosseltern sömmerten als Hirten 100 Rinder auf dem Berg. 80 Jahre später hat sich einiges verändert.

Die Anfahrt über Balsthal ist kurvenreich und braucht etwas Mut. Ist diese geschafft, findet man sich auf dem Brunnersberg und vor einem atemberaubenden Panorama wieder. Die wenigen Bauernhöfe sind über den ganzen Berg verstreut, auf einem davon lebt Mathias Gygax mit seiner Familie.

Der Landwirt hat in der Bergwirtschaft «Güggel» am Stammtisch Platz genommen, neben ihm seine Frau Isabelle. Doch am Tisch sitzt noch ein zweiter Landwirt, welcher genauso für die Kühe, Jungrinder, Pferde und Ziegen auf dem Betrieb verantwortlich ist. Es ist sein Bruder Stefan. Die beiden haben vor elf Jahren ihre beiden Höfe zu einer Betriebsgemeinschaft zusammengeschlossen. Mathias Gygax lebt mit Frau und Kindern auf dem Hof «Güggel» und sein Bruder Stefan mit seiner Familie auf dem Hof «Zentner».

Die beiden Bauernhöfe sind nur wenige 100 Meter voneinander entfernt. «Heu, Rinder, Maschinen: Fast alles, was sich auf den beiden Höfen findet, teilen wir uns», sagt Mathias Gygax. So helfen sie sich auch gegenseitig beim Aufstellen der Zäune, bei der Heuernte und bei der Aufsicht der Sömmerungstiere. «Beim Zäuneaufstellen fängt jeder bei sich zu Hause an und irgendwann treffen wir uns in der Mitte», scherzt Stefan Gygax. Streit oder Rivalität? Bei den Brüdern Fehlanzeige.

«Wir sömmern die eigenen Kühe»

Die durch die Gemeinschaft entstandene Gesamtfläche liegt – ohne Wald – bei rund 100 Hektaren, ein Drittel davon ist Sömmerungsweide. Darauf weiden zurzeit 15 Jungrinder aus Holderbank und Langenbruck, die eigenen Jungrinder und Milchkühe. Auf dem Betrieb leben zudem 12 Pferde – Freiberger Zuchtstuten mit ihren Fohlen – und 8 Ziegen. Das heisst, die Familie sömmert hauptsächlich ihre eigenen Tiere? «Genau das heisst es», bestätigen die beiden einstimmig. Wenn sie im Frühling das Vieh auf die Weide lassen, werden die Kühe und Rinder auf dem Papier zu Sömmerungstieren, erklären die Brüder.

Das habe in erster Linie rechtliche Gründe. Sömmerungsfläche und landwirtschaftliche Nutzfläche sind klar getrennt und kann nicht einfach umgenutzt oder umgewandelt werden. Diese Bürokratie sei zwar mühsam, habe aber auch seine Vorteile. Der Bund zahlt nicht nur dem Sömmerungsbetrieb Beiträge, sondern auch dem Talbetrieb, erklärt Mathias Gygax. «Da wir Tal- und Bergbetrieb in einem sind, erhalten wir auch für beides Beiträge», fügt sein Bruder hinzu.

Hirten hatten nicht viel zu sagen

Früher war der Hof ein reiner Sömmerungsbetrieb. Er gehörte der «Alpgenossenschaft Güggel» – fünf Bauern aus Lyssach und Burgdorf. Vor genau 80 Jahren kamen die Grosseltern der Brüder als Hirten auf den Hof. «Viel zu sagen hatte man als Hirt damals nicht», so Gygax. Als Lohn durfte das Hirtenpaar wenige eigene Kühe halten. Erst 1976 kaufte der Vater der Brüder den Hof der Genossenschaft ab.

«Ich habe übrigens auf dem ‹Zentner› auch als Hirte angefangen», erzählt Stefan Gygax. Das war im Jahr 2000, drei Jahre später konnte er den Betrieb der «Alpgenossenschaft Hasle-Rüegsau» abkaufen. Vor elf Jahren entschieden sich die Brüder schliesslich, die Betriebe zusammen zu führen. Inzwischen war aus dem «Güggel» ein Milchkuhbetrieb geworden – die Zahl der Sömmerungstiere ist deshalb stark zurückgegangen.

Die Alpauffahrt war Tradition

Aus der Sicht der Brüder hat sich die Sömmerung in den letzten Jahren stark verändert. «Früher haben die Bauern ihre Rinder mit dem Lastwagen bis nach Aedermannsdorf gebracht. Von da aus kamen sie zu Fuss mit den Rindern auf die Weide. «Da waren alle dabei: Bauern, Melker und Knechte», erzählt Stefan Gygax. «Das waren noch Zeiten. Die Alpauffahrt war eine richtige Tradition», erinnert sich auch Mathias Gygax. Damals seien die Bauern im Verlaufe des Sommers oft zu Besuch gekommen.

«Dann musste man sie als Hirt bei einem Kontrollgang auf die Weide begleiten. Heute kommen die Bauern nur selten, manchmal gar nicht vorbei.» Woran das liegt? Heute seien die Bauern froh, wenn die Tiere weg sind. «Die Betriebe sind viel grösser geworden. Ausserdem arbeiten viel weniger Leute auf den Betrieben als früher», erklärt Stefan Gygax. Die Brüder vermuten, dass viele Bauern schlicht keine Zeit mehr für solche Besuche haben.

Auch die beiden Familien Gygax sind ausgelastet. Sömmerung, Milchkuhbetrieb, Bergwirtschaft – bleibt da überhaupt noch Zeit für Ferien? «Im Sommer nehmen wir uns jeweils vier Tage frei», sagt Mathias Gygax. Sein Bruder fügt an: «Da oben ist es ja auch ein bisschen wie in den Ferien.» Die Brüder bestätigen sich mit einem zufriedenen Nicken. Sie scheinen sich wirklich in jeder Hinsicht einig zu sein.

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