Härkingen
Härkinger Ehepaar pilgerte nach Rom

Pius und Margrit Jäggi aus Härkingen haben sich auf eine Pilgerreise nach Rom begeben. Hier berichten sie von ihren Erlebnissen. In Rom trafen sie sogar per Zufall auf den Erzbischof von Chile.

Pius und Margrit Jäggi
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Schneemassen auf dem Gotthardpass.
6 Bilder
Reisfeld in der Po-Ebene
Überquerung einer Furt
Getreidefelder in der Toscana
Härkinger Ehepaar auf Pilgerreise nach Rom
Fronleichnamsprozession in Aquapendente

Schneemassen auf dem Gotthardpass.

Pius und Margrit Jäggi

«Was wünscht man sich zum 70. Geburtstag? Die einen eine Kreuzfahrt, die andern eine Reise in die USA, wieder andere ein neues Kanapée. Wir haben uns eine Pilgerwanderung nach Rom gewünscht und sie auch gleich umgesetzt.

Um das Jahr 990 reiste der Erzbischof von Canterbury, Sigeric, nach Rom, um dort das Pallium, einen schafwollenen Kragen, vom Papst persönlich entgegenzunehmen. Sigeric führte auf dem Rückweg ein Tagebuch und hielt die einzelnen Stationen fest. Aus diesem Weg ist die Via Francigena geworden, der Pilgerweg von England über Frankreich und die Schweiz nach Rom. Er führt über den Grossen Sankt Bernhard ins Aostatal. Weil uns der Gotthard näher liegt, haben wir diese Route gewählt und sind erst in Pavia in den eigentlichen Weg «eingemündet».

Dagmersellen, Hildisrieden, Küssnacht, Seelisberg, Amsteg und Andermatt sind Stationen vor dem Gotthard. Im Tessin gingen wir die Leventina hinunter, über einen Pass kamen wir nach Tesserete und nach Lugano. In Morcote liessen wir uns mit dem Schiff nach Porto Ceresio fahren. Noch am gleichen Tag gings weiter bis nach Varese. Sesto Calende am unteren Ende des Lago Maggiore war unser nächstes Ziel. Hier verlässt der Ticino den See und fliesst südlich von Pavia in den Po. Fünf Tage lang gingen wir dem Ticino und einem Kanal des Ticino entlang. Hier hatte es die ersten Reisfelder. Auf dem Weg aus der schönen Stadt Pavia hinaus begegneten wir den ersten Pilgern, sechs Italienern und Jean aus dem Elsass. Mit ihnen übernachteten wir in einer Herberge. Jetzt fühlten wir uns auch als Pilger, bis jetzt hatten wir den Kontakt zu andern Pilgern vermisst.

Ein spezielles Vergnügen war die Po-Überfahrt mit dem Fährmann Danilo. Die Gegend war eben, mit sehr vielen Tomaten-und Getreidefeldern. Dem Fluss Taro entlang gingen wir durch ein Naturschutzgebiet. Wir waren am Morgen früh unterwegs und weckten eine Gruppe junger Wildschweine. Intensives Vogelgezwitscher begleitete uns auf dem ganzen Weg, immer wieder floh ein Hase vor uns. Mit dem Cisapass überquerten wir den Apennin und kamen in die Toscana. Die Landschaft war wunderschön. Wir hatten herrliche Fernsichten. Wir kamen in viele Dörfer, die von Weitem herrschaftlich aussahen. Kamen wir näher, waren viele Häuser « da vendere», zu verkaufen. Die Landflucht war auch hier in vollem Gange. In einem schmucken Dorf mit grosser Kirche und schöner Aussicht liessen wir uns sagen, dass nur noch 20 Personen hier wohnen. In einem andern Dorf sagte uns eine Frau auf unsere Frage nach einer Bar ganz verzweifelt: «Seit letzter Woche ist die Bar geschlossen und wird nie, nie mehr öffnen.»

Lange Zeit waren wir in der Toscana und genossen die herrlichen Landschaften mit Olivenbäumen, Rebbergen undsoweiter. Vor allem in der Gegend nach San Miniato war die 360-Grad-Aussicht atemberaubend schön. Wir kamen auch durch die geschichtsträchtigen, wunderschönen Städte Lucca, San Gimignano und Siena. Die Italiener sind ein festfreudiges Volk. Fast jeden Sonntag wird ein Fest gefeiert. In Fornovo wird ein Fest für Künstler abgehalten, in Camaiore ein Bierfest. In Lucca gedenkt man der 500-jährigen Stadtmauer. In Aquapendente besuchten wir die Fronleichnamsprozession. Die Gassen der Stadt waren mit vielen Blumenteppichen geschmückt. Es ist unglaublich, wie viele alte, schöne Städte es gibt. Manche sind leider etwas heruntergekommen. Oft spürt man die missliche, finanzielle Lage, in der Italien steckt.

Auf diesem Pilgerweg gibt es auch Pilgerherbergen. Es kam vor, dass wir dort keinen Platz mehr erhielten und im Hotel übernachten mussten. Einige Male konnten wir in Klöstern schlafen. Von einer Dachterrasse in Formello konnten wir in der Ferne die Piazza Venezia in Rom sehen. Jetzt waren wir unserm Ziel ganz nahe; ein herrliches Gefühl, das uns beflügelte, etwas schneller zu gehen. Kurz vor dem Monte Mario, wo wir zum letzten Mal übernachteten, überrascht uns ein Gewitter. Es regnete wie aus Kübeln. Ja, Rom putzte sich heraus, weil wir am nächsten Tag ankamen!

Auf dem Petersplatz liessen wir uns von einem Priester in schwarzer Soutane fotografieren. Es stellte sich heraus, dass es der Erzbischof von Chile ist. Er war nach Rom gekommen, um am Fest des nächsten Tages, Peter und Paul, vom Papst das Pallium entgegen zu nehmen. War es Zufall oder Fügung? Er holte das Pallium wie Sigeric vor 1000 Jahren! Wir durften an dieser Papstmesse im Petersdom teilnehmen. Um uns herum hatte es Leute aus der ganzen Welt.

Wir sind glücklich und dankbar, dass wir unser Ziel ohne Zwischenfälle erreicht haben und mit einem Rucksack voller Erinnerungen heimkehren konnten.»

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