Warenverkehr Gäu
Hamstereinkäufe und wachsender Online-Handel: In den Logistikzentren brummt es

Die Lastwagen rollen durchs Gäu wie immer, während vieles in der Coronakrise stillsteht. In der Lagerhalle der Schweiz herrscht Hochbetrieb. Die Region am Autobahnknotenpunkt zwischen den grossen Städten des Landes mit den Logistikzentren spürte die Folgen von Corona unmittelbar.

Patrik Lützelschwab und Yann Schlegel
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Ein Lastwagen rollt auf den Migros-Kreisel in Neuendorf. Im Gäu hat der Waren-Verkehr wegen der Corona-Krise zugenommen.

Ein Lastwagen rollt auf den Migros-Kreisel in Neuendorf. Im Gäu hat der Waren-Verkehr wegen der Corona-Krise zugenommen.

Bruno Kissling

Trotz erschwerter Bedingungen wegen des Coronavirus: Derzeit verzeichnen die Verteilzentren der Migros in Neuendorf und der Paketpost in Härkingen Spitzen wie zur Vorweihnachtszeit. Hamsterkäufe in den Filialen verursachten im Migros Verteilbetrieb in Neuendorf Sonderschichten. Und das Postzentrum in Härkingen verzeichnete einen markanten Anstieg an Paketen aufgrund des Wachstums im Online-Markt in Zeiten von Homeoffice. Einen Einblick in die Lagerhallen der Unternehmen zu erhalten, ist in diesen Zeiten aus Sicherheitsgründen untersagt.

«Die aktuelle Lage verlangt von vielen Mitarbeitenden der Migros-Gruppe einen Sondereffort ab. Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation», sagt Marcel Schlatter, Mediensprecher der Migros. Damit der erhöhte Warenfluss auch weiterhin besteht, wurden in den Verteilzentren und im Transport die personellen Kapazitäten erhöht. «Seit mehreren Wochen stellen wir eine erhöhte Nachfrage nach Gütern des täglichen Bedarfs fest», sagt Schlatter.

Nachfrage im Online-Handel steigt um das Zehnfache

Eleanor Wittmer leitet die Unternehmenskommunikation am Standort in Neuendorf. «In den ersten zwei Wochen nach den Massnahmen des Bundes ist das Tagesgeschäft hier bei uns in Neuendorf explodiert», sagt sie. Von einem Tag auf den anderen musste der Verteilbetrieb die doppelte Anzahl Paletten verarbeiten. An ihre Versorgungsgrenzen kam die Migros bei weitem nicht. Die Vorräte bestimmter Produkte im Verteilzentrum reichen bis zu einem Jahr. «In den Filialen scheint sich die Situation mit den leeren Regalen langsam aber sicher zu beruhigen», berichtet Marcel Schlatter aus schweizweiter Perspektive. Dies spürt auch der Migros-Verteilbetrieb in Neuendorf, wo sich die Lage stabilisierte und das Tagesgeschäft wieder im normalen Bereich einpendelte.

Gefordert ist der Detailhandelsriese jedoch nach wie vor überdurchschnittlich. Das Einkaufsverhalten der Kunden verlagerte sich spürbar zum Online-Handel. In diesem Bereich stiegen die Mengen von 1000 Paketen am Tag auf über 10000 Pakete an. Tendenz weiter steigend. «Viel mehr Menschen, die normalerweise in die Fachmärkte gehen würden, bestellen jetzt die Waren im Internet», sagt Eleanor Wittmer. Zuoberst auf den Einkaufszetteln stünden Körperhygiene-Artikel (Waschen/Papier/Reinigen), Beilagen, Konserven, Mehl wie auch Zucker. Auch im Bereich der Tiefkühl-Logistik waren Sonderschichten notwendig. Die Anzahl ausgelieferter Ladungsträger stieg in den ersten Wochen von 15000 auf 22000 Einheiten pro Woche.

Nach der Schliessung der Fachmärkte verfüge die Migros auch über genügend Personal, das in besonders geforderten Bereichen zum Einsatz kommt, so Mediensprecher Marcel Schlatter. «Die Mitarbeitenden der Migros arbeiten rund um die Uhr daran, um die Filialen mit zusätzlichen Mengen zu beliefern.» In den Industrieunternehmen und den Verteilzentren der Migros arbeiten die Angestellten in Sonderschichten. Damit die Filialen regelmässig beliefert werden können, werden Extrafahrten unternommen. Ausserdem wurde die Kapazität auf der Strasse und auf der Schiene weiter erhöht. Zusätzlich hat die Migros ein Basissortiment definiert. «Damit wollen wir die Grundversorgung sicherstellen. Es handelt sich um Güter des täglichen Bedarfs», so Schlatter. Diese Güter entsprechen laut Schlatter, dem vom Bundesrat definierten Notvorrat.

Trotz Hochbetrieb muss die Migros ihre Angestellten schützen. Damit die Mitarbeitenden immerzu Zugang zu Hygiene-Artikel erhalten, hat die Migros mit der Produktion von Desinfektionsmitteln in der Eigenindustrie begonnen. «Alle 100 000 Mitarbeitenden der Migros-Gruppe haben wir bereits mit Desinfektionsmitteln ausgerüstet», so Schlatter. Die Richtlinien des Bundes sind nicht nur während der Arbeit strikt einzuhalten, sondern auch in der Kantine. Zudem gilt ein striktes Besucherverbot. «Unser Billigverkauf ist geschlossen, solange die Weisungen des Bundes gelten», sagt Wittmer.

Die Post muss einen Spagat meistern

Auch bei der Post gelten strengere Richtlinien als sonst, und die derzeitige Menge an Paketen erreicht zeitweise das Niveau der Vorweihnachtszeit. «Wir machen einen Spagat: Einerseits müssen wir Distanz wahren, wie es der Bund vorschreibt, und andererseits müssen und wollen wir zu den Menschen gehen, um unsere Aufgabe zu erfüllen», sagt Denise Birchler, Stellvertretende Leiterin Medienstelle bei der Post. Die Schweiz zu vernetzen, sei ihre Aufgabe, und so können die Menschen zu Hause bleiben, um sich und andere zu schützen, so die Post. Das bedeutet aber auch, dass die derzeitige Lage einen grossen Effort für die Post darstellt. «Die Post verarbeitet aktuell riesige Mengen an inländischen Paketen. Die Zahl der Lebensmittelpakete hat sich schlagartig verdreifacht», sagt Birchler. Aber auch Sperrgutsendungen erreichen eine Zunahme von gut 30 Prozent. Eine allgemeine Aussage zu den Zahlen sei laut der Mediensprecherin aber nicht möglich.

«Social Distancing» ist generell eine Herausforderung im Alltag der Post – sei es zwischen den Mitarbeitenden oder auch im Kontakt mit den Kunden», sagt Birchler. Dennoch gilt es für alle Angestellten, die Empfehlungen des Bundesrats strikt einzuhalten. «Wir haben diverse Massnahmen getroffen, die es Mitarbeitenden ermöglichen sollen, bei der Arbeit die Abstände einzuhalten», sagt die Stellvertretende Leiterin der Medienstelle. Beispielsweise werden die Arbeiten zeitlich in Schichten aufgeteilt und in kleineren Teams durchgeführt, Fahrzeuge werden nicht zu zweit beladen, und in den Postfilialen schränkt die Post die Kundenanzahl und mit Markierungen die Abstände ein. Die Regeln gelten auch in der Kantine, wo das Essen nicht mehr selber geschöpft werden darf und der Abstand zwischen den Essenden eingehalten werden muss. «Aufgrund der vom Bundesamt für Gesundheit empfohlenen Social-Distancing-Massnahmen sind die Möglichkeiten, zusätzliches Personal und so die Kapazitäten hochzufahren, jedoch beschränkt», sagt Birchler.

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