Oensingen
Gutshof-Ausgrabung ist «eine Sensation in dieser Region»

Die freigelegten Überreste eines rund 2000 Jahre alten römischen Gutshofs in Oensingen sind ausserordentlich gut erhalten. Dass mannshoche Mauern gefunden wurden, freut das Team der Solothurner Kantonsarchäologie ganz besonders.

Erwin von Arb
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Römische Ausgrabungen durch die Kantonsarchäologie in Oensingen Römische Ausgrabungen durch die Kantonsarchäologie in Oensingen Grabung Schlossbach; Gärtnerei Jurt
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Ausgrabungen Oensingen
Mitarbeiter der Kantonsarchäologie bei der Arbeit
Grosse Schaufeln sind hier fehl am Platz
Grabungsleiter Fabio Tortoli zeigt den teilweise noch original vorhandenen Wandverputz
Römische Ausgrabungen durch die Kantonsarchäologie in Oensingen.
Römische Ausgrabungen durch die Kantonsarchäologie in Oensingen.
Hier gehts bald weiter
Fundstück
Dieses Eisengitter gibt noch Rätsel auf
Fundstück
Der Auslauf einer Reibschüssel

Römische Ausgrabungen durch die Kantonsarchäologie in Oensingen Römische Ausgrabungen durch die Kantonsarchäologie in Oensingen Grabung Schlossbach; Gärtnerei Jurt

Bruno Kissling

«Eigentlich ist es viel zu kalt für Ausgrabungen», sagt Fabio Tortoli mit Blick auf den etwa 70 Meter langen und vier Meter breiten Graben unterhalb des Schulhauses Oberdorf in Oensingen. Dass trotzdem ein Team der Solothurner Kantonsarchäologie in der rund zwei Meter tiefen Grube arbeitet, hat mit dem besonderen Fund zu tun, der bei den seit November laufenden Grabungen zum Vorschein gekommen ist.

Dabei handelt es sich um die Überreste eines rund 2000 Jahre alten römischen Gutshofes. Bemerkenswert seien vor allem die etwa mannshoch erhalten gebliebenen Mauern, wie Grabungsleiter Tortoli bemerkt. «Weil wir im Normallfall nur noch Fundamente von solchen römischen Bauten finden, ist das aus archäologischer Sicht eine Sensation», so Tortoli.

Die Ausgrabung im Dorfkern von Oensingen deckte mehrere, gut erhaltenen Räume eines römischen Gutshofs auf.
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Ausgrabungen in Oensingen 2017
Der heizbare Raum mit Mörtelboden und Heizkanälen in den Wänden.
Einfeuerungskanal mit Gewölbe aus Ziegelfragmenten im Heizraum.
Darstellung des griechischen Philosophen Sokrates auf einer Keramikscherbe.

Die Ausgrabung im Dorfkern von Oensingen deckte mehrere, gut erhaltenen Räume eines römischen Gutshofs auf.

zvg

«Arbeit ist extrem spannend»

Nicht zuletzt deshalb hat das sechsköpfige Ausgrabungsteam trotz eisigen Temperaturen keine Motivationsprobleme. Die Arbeit sei extrem spannend und fast täglich würden neue Fundstücke geborgen. In der Mehrzahl sind dies Keramikscherben, wie etwa der Auslauf einer Reibschüssel, Teile von Vorratsgefässen oder Dachziegel, wie Archäologin Simone Mayer erwähnt.

Metallteile wurden bisher eher selten gefunden. Noch keinem Zweck zuordnen konnten die Archäologen ein Eisengitter. Dieses könnte in der Küche des Gutshofes als Rost über dem Feuer Verwendung gefunden haben.

Ebenfalls noch nicht definiert werden konnte, aus welcher Zeit eine auf dem Grabungsareal gefundene Münze stammt. Dies wird erst nach der Reinigung der stark korrodierten Oberfläche möglich sein. Ausgeführt wird diese Arbeit in der Kantonsarchäologie in Solothurn. Dort erfolgt auch die Auswertung der bei den Grabungen gefundenen Gegenstände.

Bisher wurden rund 50 sogenannte Fundkomplexe zusammengetragen. Dabei handelt es sich vielfach auch um klumpenartiges Material, in dem Fundgegenstände vermutet werden. Die Lage der Fundkomplexe wird auf einer von Hand im Massstab 1:100 gezeichneten Karte eingetragen. Dies erlaubt bei der Auswertung Rückschlüsse auf deren örtliche Verwendung.

Sarg aus Blei wurde 1830 gefunden

Im Fokus steht bei Grabungsleiter Fabio Tortoli aber vor allem der römische Gutshof selbst. Dass sich ein solcher in diesem Gebiet befinden könnte, wurde aufgrund von Funden schon lange vermutet. So sei 1830 ein Bleisarg entdeckt worden, der aber sogleich wieder eingeschmolzen worden sei.

Später seien Keramikscherben, ein Skelett sowie Rückstände von Mauern gefunden worden. Dass es sich um einen grösseren römischen Gutshof handeln könnte, wurde 2011 klar, als beim Bau des Roggenparks südlich der Hauptstrasse Reste der Umfassungsmauer und zwei Kalkbrennöfen gefunden wurden. Die nun laufende Grabung während der Umlegung des Schlossbachs war deshalb schon lange geplant.

Damals schon mit Bodenheizung

Das auf dem 140 Meter langen Streifen teilweise freigelegte Herrschaftshaus des römischen Gutshofs bietet interessante Einblicke, wie die Römer vor rund 2000 Jahren lebten. Dazu gehörte schon damals eine Bodenheizung. Bei dieser sogenannten Hypokaust-Heizung strömte die heisse Luft von einem Heizraum aus durch den Hohlraum unter dem Fussboden und zog über Tonröhren in den Wänden ab.

In Oensingen ist eine solche Bodenheizung in einem etwa 6 mal 7 Meter grossen Raum praktisch noch vollständig intakt. Auch noch intakt ist der westlich angebaute Heizraum.

Derzeit werden die Ausgrabungsarbeiten in Richtung Osten vorangetrieben. Wegen der Kälte kommt das Grabungsteam nur langsam voran. Mit einem bei Feinarbeiten in der Archäologie eingesetzten typischen Pinsel oder einer Lanzette kann längst nicht mehr gearbeitet werden. «Wir müssen uns wegen des gefrorenen Bodens auf den Einsatz von Pickel und Schaufel beschränken», so Tortoli. Unter dem Frost leidet auch das Grabungsgut. Feuchtes Material wie etwa der Wandverputz friert ein und bröckelt dann bei Tauwetter.

Die aktuelle Grabung dauert noch bis Ende Februar. Danach wird das Team der Kantonsarchäologie weitere Abklärungen unmittelbar unterhalb des Schulhauses Oberdorf vornehmen. Dort wo das neue Schulhaus und zwei Mehrfamilienhäuser entstehen sollen, werden weitere zum römischen Gutshof gehörende Gebäude vermutet. Innerhalb von solchen Gutshöfen lebten damals bis zu 200 Menschen, wie Tortoli weiss.

Tag der offenen Grabung: Sonntag,
29. Januar, 13 bis 16 Uhr, Aegertenweg
(Abzweiger Schlossstrasse), Oensingen.
Parkplätze stehen keine zur Verfügung.