«Das Einfachste ist das Fliegen.» Mit diesen Worten werden wir von Markus Suremann in der Flugschule Jura in Matzendorf begrüsst. Wir, das sind drei Frauen und vier Männer im Alter von 22 bis 60 Jahren, die Grosses vorhaben: Wir haben uns für einen Gleitschirm-Schnupperkurs angemeldet. Markus, wir sind schnell per Du, ist unser Fluglehrer. Geübt erklärt er uns die Grundmechanismen.

Anhand eines Mini-Gleitschirms und eines Videos demonstriert er, wie wir uns beim Starten verhalten müssen. Er zeigt aus dem Fenster auf einen Hügel zwischen Matzendorf und Laupersdorf und prophezeit: «Dort werdet ihr hinunterfliegen.» Richtig Glauben schenken kann ich ihm noch nicht, zu stark zweifle ich an meinen sportlichen Fähigkeiten.

«Nun packt ihr euren Gleitschirm, euer Gurtzeug und euren Helm zusammen und verstaut alles im Bus», weist uns Markus an. Er wohnt in Aedermannsdorf und fliegt seit 1982 Gleitschirm, seit 1986 lehrt er es.

Etwas unbeholfen packe ich die schwarze Hülle, in welcher sich der Schirm befindet, für den Transport in die Riemen des Gurtzeugs hinein.

Schnupperkurs im Gleitschirmfliegen: In Matzendorf steigen Wagemutige in die Luft auf

Kursleiter Markus Suremann erklärt wie's geht und die Teilnehmer stürzen sich wagemutig in die Lüfte.

Maya Meier aus Würenlingen (AG) erzählt auf der Fahrt in Richtung Übungshang, dass sie vor 25 Jahren bereits Gleitschirm geflogen sei. Auch Thomas Kohler aus Grindel (SO) hat vor ein paar Jahren einen Schnupperkurs absolviert. Die anderen Kursteilnehmer heissen Lisa Heuberger, Peter Streit, Kuno und Jörg Stegmüller und kommen aus Basel, Spreitenbach (AG), oder Bärschwil (SO).

Oben angekommen muss ich erst mal tief Luft holen. Unter mir breitet sich ein leicht abfallendes Feld aus. An dessen Ende nimmt die Steigung allerdings stark zu und es geht etwa 200, 300 Meter hinunter. Da sollen wir in wenigen Minuten runterfliegen.

«Bist du parat?»

Zuerst heisst es aber Gurtzeug anziehen. Es sieht wie ein überdimensionaler Rucksack aus, mit Karabinern und Bändeln dran. Mithilfe von Maya falte ich im Anschluss den Gleitschirm wie gelernt auseinander. An der äussersten Lasche, bei meinem Schirm ist sie grau, muss gezogen werden, dann breitet sich der Schirm auf einer Seite aus. Dann folgt die Zweite. Daraufhin werden die Leinen und die Traggurte entwirrt und ausgebreitet.

Markus schliesst uns mit Karabinern an die Schirme. Als Erster ist Thomas dran. Er führt den Gleitschirm scheinbar mühelos hoch, stabilisiert ihn und gleitet den Hügel hinunter. «Easy», denke ich. Meine Euphorie wird abrupt gebremst, als Lisa ihren ersten Versuch abbrechen muss. Sie hat nicht genug stark an der Bremse gezogen. Dann bin ich an der Reihe.

«Bist du parat?», fragt mich Markus via Funkgerät. Ich bejahe. «Scheisse», schiesst es mir durch den Kopf, als ich daran denke, dass ich in wenigen Augenblicken den Hügel hinunterfliegen werde. Nun macht sich das Adrenalin endgültig bemerkbar, ich werde nervös. «Impuls», tönt es aus dem Funkgerät, ich sprinte los.

10 Meter, 20 Meter, dann wird der Hang steiler, noch ein paar Schritte und ich fliege – hochkant auf den Boden. Mist. «Du bist zu wenig lange gelaufen», sagt mir die Stimme im Funkgerät. Ich stehe auf, packe den Schirm zusammen und steige den kurzen Abschnitt zur Hügelspitze hinauf.

Aller guten Dinge sind drei

Nachdem Lisa ihren zweiten Anlauf meistert, bin ich nochmals dran. Und scheitere erneut. Wieder zu wenig weit «gsecklet», lautet das Fazit. Nach mir schaffen Maya, Jörg, Kuno und Peter ihren Flug problemlos. Mein dritter Anlauf, diesmal von weiter oben, damit mir eine längere Laufbahn zu Verfügung steht, glückt. Plötzlich bin ich in der Luft und gleite umher.

Gleitschirmfliegen mit der GoPro in Matzendorf: Den sorgfältigen Vorbereitungen folgt ein kurzer Flug mit Landung auf der Wiese

Der Flug von Rahel Bühler aus der Ich-Perspektive

Eine Kurve, dann noch eine, dann mit beiden Bremsseilen zuerst sachte, dann stark bremsen und schon spüre ich festen Boden unter mir. Geflogen bin ich vielleicht 30 Sekunden. Ein tolles Gefühl. Nun aber von unendlicher Freiheit zu berichten, wäre wohl etwas fehl am Platz. Zu sehr muss ich mich auf Markus’ Anweisungen konzentrieren, damit mir keine Fehler unterlaufen. Ein leichtes Freiheitskribbeln macht sich aber doch in mir breit. Nach der Landung folgt der anstrengende Teil des Programms, das Hochsteigen.

Ich starte noch drei weitere Male und komme genauso oft heil unten an. In der Höhe von etwa zehn Metern schwebe ich in der Luft und betrachte das Thal. Jeder Flug fällt etwas leichter und ich realisiere, dass Markus recht hatte mit seiner anfänglichen Behauptung: Das Fliegen ist das Einfachste. Es ist nicht nur das Einfachste, sondern auch das Schönste.

Was ihnen denn am besten gefallen hätte, will ich später von meinen Gleitschirm-Kollegen wissen. «Dass wir ohne viel Theorie bereits geflogen sind», meint Kuno. Jürg sagt: «Die hohen Flüge». «Die Coolness des Fluglehrers», offenbart Peter. «Und du?», will man wissen. «Das Fliegen», antworte ich.