«Seit zwei Jahren beschäftigen wir uns mit Schulreformen und dem, was uns in den Gemeinden bewegt», begann FDP-Präsident Hansjörg Schürmann. «Bisher hat es niemand gewagt, darüber öffentlich zu diskutieren. Dank dem Anstupf unserer Gemeindepräsidentin tun wir es.»

Der eingeladene Bildungsdirektor des Kantons bemerkte einleitend, er werde «zwar auch etwas sagen, aber auch dankbar sein, zuzuhören und etwas mitzunehmen. Ich will an diesem Abend Meinungen spüren.» Ankli ging zu Beginn auf die Fragen ein, mit denen die FDP Egerkingen in ihrem Inserat unter dem Titel: «Volksschule: Sind die Reformen gescheitert?» für die Veranstaltung geworben hatte. Er zeigte sich überzeugt davon, dass «die Reformen nicht gescheitert sind, sie aber noch Zeit für die Konsolidierung brauchen. Die Sek-I-Reform war über 20 Jahre unterwegs und ist nach der Beschlussfassung noch lange nicht eingeführt und umgesetzt. Dass sie Verbesserungen braucht, weiss man schon jetzt.»

Eine weitere Frage war: «Wird auf schwache und starke Schüler gleichermassen eingegangen?» Im Rahmen des Sparbewusstseins sei auf die expliziten Ressourcen für die Begabtenförderung verzichtet worden, sagte Ankli, der zugab, dass «bis heute ein Mehrfaches in die Unterstützung der schwächeren Schüler investiert wurde als in die Förderung der stärkeren – ein Trend, der immer noch vorhanden ist. Daran muss gearbeitet werden».

Ob kulturelle Integrationsprozesse Mittelmass für alle erzeugen, wollten die Egerkinger zudem wissen. Durch die Integration der Kinder mit Migrationshintergrund sei das Potenzial sowohl für sehr gute als auch für sehr schlechte Entwicklungen angelegt, meinte Ankli. Ob die Schule zum Ort geworden sei, wo gesellschaftliche Probleme bewirtschaftet würden, lautete eine weitere Frage. Anklis Antwort: «Die Volksschule kann es sich nicht leisten, gesellschaftliche Probleme zu bewirtschaften. Sie muss die Probleme, die in ihren Zuständigkeitsbereich fallen, lösen. Das macht sie mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gut.»

43 Prozent andere Muttersprache

Gemeindepräsidentin und Kantonsrätin Johanna Bartholdi sprach den Bildungsdirektor auf das Thema «Einschulung ohne Deutschkenntnisse» an. Schulleiter Hanspeter Stöckli erwähnte in diesem Zusammenhang, dass in Egerkingen «für 43 Prozent der Kinder Deutsch nicht die Muttersprache ist». Im Kanton Solothurn gibt es laut Ankli für Kinder mit wenig oder keinen Deutschkenntnissen, parallel zum normalen Unterricht, drei bis fünf Förderlektionen. «Die Möglichkeit, den Deutschunterricht mehr zu konzentrieren, besteht.» Eine Lehrkraft ortete in der Variante mit fünf Förderlektionen «ein Problem. Wenn ich in eine Schule käme, in der fünf Stunden etwas für mich getan würde und die restlichen
25 Stunden nicht, käme ich auch auf dumme Ideen.»

Zur Sprache kamen in Egerkingen auch die Asylsuchenden auf der Fridau. Nach Angaben von Remo Ankli werden deren Kinder, solange sie dort einquartiert sind, nicht eingeschult. Laut Johanna Bartholdi erhalten die Erwachsenen «zwei Stunden Deutschunterricht, die Kinder werden aus dem ganzen Kanton zusammengeführt und in Solothurn beschult».

Sek E–Sek P: «Gefälle zu gross»

Man stecke «so viel Geld in die Integration und die schwächeren Schüler», hiess es weiter aus dem Publikum. «Wir sollten die Kinder aufbauen, damit sie stark werden und eine Zukunft in der Wirtschaft haben und nicht einfach die Fachleute aus dem Ausland holen». Stephan Nützi, Vertreter der Kreisschule Gäu, bezeichnete die Sek E als «schlechte Bezirks- und gute Sekundarschule. Das Gefälle zwischen Sek E und P ist zu gross». Werner Berger empfand die Sek E aufgrund der Anforderungen als «grenzwertig für einen technischen Beruf. Insbesondere die Schüler, die auf dieser Stufe abschliessen, werden Mühe in technischen Berufen haben».

Das Niveau nehme ab, bemerkte ein Unternehmer aus der Autobranche. «Das macht mir Angst. Doch ich glaube nicht, dass Frühfranzösisch das Hauptproblem ist. Wir haben im Autogewerbe Mühe, für die vierjährige Ausbildung Lehrlinge zu finden, die das nötige mathematische Können mitbringen. Wir sollten uns darüber Gedanken machen, wie wir das Bildungsniveau halten können.»

Im Weiteren war in Egerkingen der Frühfranzösisch- und Englischunterricht auf der Primarstufe ein Thema. Englisch auf die Oberstufe verschieben? «Diskutieren kann man in der Schweiz über alles», entgegnete Remo Ankli. «Doch wenn wir keinen Krieg haben wollen, müssen wir mit dem Kompromiss, den wir haben, leben und sollten nicht am kleinsten gemeinsamen Nenner rütteln.» Und: In der Schweiz sei die französische Sprache «immer noch zentraler als die englische. Wenn wir Französisch für Englisch aus dem Unterrichtsplan kippen würden, hätten wir ein innenpolitisches Problem.»

Johanna Bartholdi zog ein nach eigenen Aussagen überraschendes Fazit aus dem Diskussionsabend und kündigte eine gemeinderätliche Prüfung einer «Klein- oder Sonderklasse Deutsch» an. Bildungsdirektor Remo Ankli sprach zum Schluss noch einmal das Thema «Schulabgangsniveau» an: Wenn man in der Geschichte zurückschaue, seien «die Jungen immer schlechter geworden. Wenn das wahr wäre, wären wir heute unter null. Die Jungen können heute nicht weniger als früher, sie können immer noch etwas und auch anderes.» Ankli sprach von der Aufgabe, «das Niveau zu halten, damit die Schulabgänger in der Arbeitswelt und bei allen anderen Problemen bestehen können».