Berührungsängste kannten Otto und Heidi Mühle nie. «Wir wären wohl die Ersten gewesen, die Würmer und Insekten ins Sortiment aufgenommen hätten», sagt Otto Mühle, «auch wenn ich nicht genau weiss, ob ich selber sie essen würde», sagt Otto Mühle mit Schalk in den Augen.

Die Entscheidung, ob dereinst in Härkingens Metzgerei Insekten und dergleichen angeboten wird, muss das Ehepaar Mühle jedoch nicht mehr selbst treffen. Ende Jahr ist Schluss, die beiden gehen in den Ruhestand. 44 Jahre nachdem Otto Mühle den väterlichen Betrieb zusammen mit seinem Bruder Paul Mühle übernommen hatte.

Otto Mühle war mit Heidi Mühle für den Standort Härkingen verantwortlich, Paul Mühle mit Ehefrau Margrith für den Aarburger Standort. Otto und Heidi Mühle verkaufen ihren Betrieb an Peter und Regula Bleicher, welche auch gleich die Pacht in Aarburg übernehmen werden.

Ein Glücksfall sei diese Übergabe gewesen, deswegen könne er auch mit Freude in die Zukunft schauen, wie Otto Mühle im Gespräch erzählt. Jedenfalls auf der einen Seite. Auf der anderen Seite komme auch Wehmut auf. Vor allem die Kundennähe werde ihm fehlen. «Es gibt doch nichts Schöneres als einem Kunden eine Freude zu bereiten.»

Spanferkel am Laufmeter

Eine Freude bereitete die Metzgerei Anfang der 90er-Jahre den Einwanderern aus dem damaligen Jugoslawien. Bis zu 1500 Spanferkel, traditionelles Festtagsmenu in Teilen von Ex-Jugoslawien, gingen zu Spitzenzeiten zwischen Dezember und Anfang Januar über den Ladentisch. Heute seien es noch um die 600 pro Saison. «Wo man auch hinschaute in der Metzgerei, wurden Spanferkel gebraten», lacht Heidi Mühle. Berührungsängste waren also auch hier keine vorhanden.

Die konnte man sich auch nicht leisten, wie ein Blick zurück zeigt: «Wir haben uns ständig dem Markt angepasst», so Heidi Mühle. Immer à jour zu sein, machten die beiden zum Geschäftscredo. «Das Porco Fidelio hatten wir schweizweit als eine der ersten Metzgereien, dann folgte Natura Beef», erklärt Otto Mühle. Doch nicht nur den Entwicklungen am Markt folgten die beiden künftigen Pensionäre, einige Entwicklungen nahmen sie voraus.

Der Aufbau eines Catering- und Partyserviceangebots zum Beispiel sollte sich als Glücksfall erweisen. «Zu Anfang bin ich bei Familien zu Hause gewesen und habe Rollschinkli aufgeschnitten», schwelgt Otto Mühle in Erinnerungen. Danach folgte eine ständige Erweiterung des Angebots und aus dem Nebenschauplatz wurde ein rentables Geschäft.

Eines, welches auch die Rückgänge im eigentlichen Hauptgeschäft der Metzgerei zu ersetzen vermochte. Denn schliesslich: «Es wird generell weniger Fleisch gegessen», so Otto Mühle. Und trotzdem sagt er klar, dass die Frequenz in der Metzgerei selbst immer zufriedenstellend war. Vor allem nach dem Umbau des Ladens in den 1980er Jahren gab es einen regelrechten Run auf die Metzgerei.

«Als wir umbauten, hiess es zuerst: Jetzt spinnt er», lacht Otto Mühle. Doch der Erfolg stellte sich bald schon ein. Und so pilgerten Fleischgourmets nach Härkingen und kauften marinierte Fleischstücke, zu dieser Zeit eine echte Innovation. «Wir haben an einzelnen Wochenenden gegen 500 marinierte Fleischstücke verkauft. Die Leute standen gar vor dem Laden Schlange.»

Er und Heidi Mühle arbeiten seit 1972 zusammen in der Metzgerei. Eine gute Voraussetzung für das Leben als Pensionäre? «Viele stört es ja, weil plötzlich der Mann ständig zu Hause ist, wenn er pensioniert wird. Wir arbeiten und verbringen unsere Freizeit seit Jahrzehnten zusammen, uns kann da nichts passieren», lacht Heidi Mühle.

Sie freut sich am meisten, dass sie die Verantwortung abgeben kann und: «Wir können es endlich auch mal ruhiger angehen.» Otto Mühle wird einen Teil seiner neu gewonnenen Freizeit auf der Jagd und mit seinem Hund verbringen. «Aus mir wird ganz sicher kein Metzger, der halt dann privat in der Garage arbeitet», winkt er ab.

Nicht plötzlich, aber endgültig

Ein endgültiger Schlussstrich also, und keine halben Sachen. Etwas, dass die beiden in den letzten 44 Jahren nie gemacht haben. So auch nicht bei der Lehrlingsausbildung. Über die Jahre haben gut
80 Lehrlinge den Beruf des Metzgers oder des Detailhandelangestellten bei Mühles gelernt. «Die Lehrlinge werden mir fehlen. Du hast mit den Jungen kommuniziert, kanntest ihre Ausdrücke. Das hat mich auf Trab gehalten», schwärmt Otto Mühle.

Der Rückzug aus der Metzgerei kommt für die beiden nicht plötzlich, mussten sie sich doch schon seit längerem mit der Nachfolgersuche beschäftigen. Deshalb werden Otto und Heidi Mühle auch ohne Berührungsängste in Pension gehen.

Und sollte es nicht auf Anhieb mit dem Ruhestand klappen, können sie aus ihrem gesammelten Erfahrungsschatz schöpfen. «Als wir einmal für die Jura ein Catering für 800 Leute ausrichten konnten, wusste ich nicht, ob wir es schaffen. Ich habe den Auftrag einfach angenommen», lacht Otto Mühle. Und es sei ja dann sehr gut rausgekommen.