Rasantes Wachstum
Gemeindepräsidentin zu geplanten Projekten: «Egerkingen baut die Zukunft jetzt»

Egerkingens Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi nimmt Stellung zum rapiden Wachstum, das sich in der Gäuer Gemeinde ankündigt.

Yann Schlegel
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Johanna Bartholdi, Gemeindepräsidentin: «Wir hatten noch nie so viele Einsprachen wie jetzt.»

Johanna Bartholdi, Gemeindepräsidentin: «Wir hatten noch nie so viele Einsprachen wie jetzt.»

Gülpinar Günes

Ein Gestaltungsplan hat bei der Bevölkerung in Egerkingen Bedenken ausgelöst. Wo heute oberhalb der A2 noch der mächtige Bau des einstigen Teppich-Unternehmens Tesil steht, plant die AWF AG für Wirtschaftsförderung von Paul von Däniken eine grosse Überbauung.

Die grüne Wiese des Tesil-Areals wäre dann Geschichte: Gewerbe-Gebäude und ein lang gezogener Wohnkomplex sollen entstehen. Es ist nur eines von zahlreichen Projekten, die in Egerkingen in den nächsten Jahren entstehen.

Ein über 100 Meter langes Gebäude könnte bald am Egerkinger Hang stehen. Schaudert Sie nicht davor?

Johanna Bartholdi: Das ist lang, ja. Aber Tesil war schon ein sehr markantes Gebäude. Was jetzt kommen soll, ist noch grösser. Aber der Bauherr selbst muss wissen, ob die Attraktivität in einer solchen Überbauung gegeben ist. Ich hatte auch schon mit einem Bauherren Kontakt, der nach einer grossen Überbauung sagte, im Nachhinein hätte er die Eigentumswohnungen in kleinere Blöcke aufgeteilt. Was die Überbauung im Tesil angeht, muss ich sagen: Es entspricht der Zonenkonformität. Wir sprechen noch immer vom Gestaltungsplan, die Mitwirkung findet nach wie vor statt. Es könnte also noch die eine oder andere Korrektur erfolgen.

Gibt es in Egerkingens Bauverordnung keine vorgeschriebene Maximallänge für Gebäude?

Nein, eine solche haben wir nicht vorgesehen.

Die dahinterliegenden Anwohner könnten ihre Fernsicht auf Alpen und Mittelland verlieren. Nehmen Sie es in Kauf, mit dem Tesil-Projekt langjährige Egerkingerinnen und Egerkinger zu vergraulen?

Nochmals: Es ist Sinn und Zweck einer Mitwirkung, dass je nach Einwendungen Anpassungen gemacht werden können. Ich könnte mir vorstellen, dass der Bauherr aufgrund dieser etwa den Anwohnern entgegenkommt und versucht, einen Kompromiss zu finden. Ich verstehe jeden Menschen, der sich darüber beklagt. Ich persönlich hätte auch keine Freude. Aber das Bundesgericht hat schon ein paar Mal festgestellt, es bestehe kein Recht auf Aussicht.

Immobilen-Unternehmer Paul von Däniken sagte, auf die Grösse des Projekts angesprochen, gegenüber dieser Zeitung: «Wissen Sie, Egerkingen ist kein Dörflein mehr.» Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Ein Dörflein sind wir sicher nicht mehr. Aber ich spüre auch, dass diese Entwicklung bei Alteingesessenen Ängste hervorruft. Ich kann dies nachvollziehen. Aber Egerkingen ist im Umbruch. Wir müssen uns fragen: Was bedeutet diese Überbauung in 30 bis 40 Jahren? Denn eigentlich baut Egerkingen jetzt die Zukunft der Jahre 2020 bis 2050. Und zwar links, rechts oben und unten im Dorf. Dass Menschen, die hier aufwuchsen, ihre Heimat sehen, die verloren geht, verstehe ich.

Wie soll es denn gelingen, trotz starkem Wachstum so etwas wie Dorfcharakter zu bewahren?

Wir wollen den Zusammenhalt erhalten. Unsere Kommission für Gesellschaft, Kultur und Soziales macht sehr vieles, sodass wir noch immer haben, was ein Dorf ausmacht.

Allein auf dem Tesil-Areal und in der Holzgasse plant Bauherr Paul von Däniken in den nächsten Jahren 92 Wohnungen. Sie sagten es selbst: Überall entstehen neue Wohngebäude. Schwimmt Egerkingen nicht bald in den leerstehenden Wohnungen?

Die Baugenossenschaft Fridau in Egerkingen führt in ihren Jahresberichten jeweils Statistik zum Leerwohnungsbestand. Das Interessante dabei ist, dass die neuen Wohnungen, die auf den Markt kamen, besetzt wurden. Wir haben ein hohes Niveau an leerstehenden Wohnungen, aber die Anzahl bleibt konstant. Es sind seit Jahren die gleichen Wohnungen, die leer bleiben. Daher müssen wir Eigentümer von Mietwohnungen in die Pflicht nehmen, ihre Wohnungen in Schuss zu halten. Sie müssen den heutigen Bedürfnissen entsprechen.

Die Gemeinde hatte in den letzten beiden Jahren einen Leerwohnungsbestand von 4,3 Prozent.

Dabei handelt es sich hauptsächlich um Mietwohnungen. Mir machen Überbauungen, die reine Mietwohnungen vorsehen, daher mehr Bauchweh als Eigentumswohnungen. Eigentumswohnungen haben den Vorteil, dass der Bauherr üblicherweise erst baut, wenn er mindestens einen Drittel verkauft hat.

Ist das Tesil-Projekt nicht überdimensioniert für eine Gemeinde wie Egerkingen?

Eine solche Überbauung hat nun mal mit verdichtetem Bauen zu tun. Die AWF AG für Wirtschaftsförderung baut, was man auf diesem Gebiet bauen kann, und nutzt den Raum voll aus. Und dabei baut sie nun mal auch in die Höhe. Wir wussten, dass dort mal was Grosses hinkommt. Auch weil das Areal von der Autobahn her sehr gut einsehbar ist. Und jetzt kommt der grosse Aufschrei. Dabei war unsere Ortsplanungsrevisionen eine der Ersten, die durch war und die das neue Raumplanungsgesetz berücksichtigt. Wir hatten noch nie so viele Einsprachen wie jetzt.

Was bedeutet das für Sie und die Gemeinde Egerkingen?

Egerkingen vollzieht lokal, was der Bund national mit dem Raumplanungsgesetz beabsichtigt: verdichtetes Bauen, das die Zersiedelung stoppt, das Kulturland schützt und mit dem Boden allgemein haushälterisch umgeht. Egerkingen ist nun mal eine Agglomerationsgemeinde und kann sich diesem Trend nicht widersetzen. Es treffen zwei Dinge zusammen: Die Möglichkeit, verdichtet zu bauen, und das billige Kapital, welches diese rasante Entwicklung ausgelöst hat. Dies kann sehr wohl Angst und Frust auslösen.