Gänsbrunnen
Gemeindepräsidentin wirft nach nur einer Amtsperiode das Handtuch: «Ich bin nicht ganz freiwillig abgetreten»

Rosmarie Heiniger tritt nach nur vier Jahren als Gemeindepräsidentin von Gänsbrunnen zurück. Im Gespräch erklärt sie ihre Beweggründe und lässt durchblicken, dass sie im Gemeinderat mit Widerständen zu kämpfen hatte.

Erwin von Arb
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Rosmarie Heiniger wäre gerne Gemeindepräsidentin von Gänsbrunnen geblieben.

Rosmarie Heiniger wäre gerne Gemeindepräsidentin von Gänsbrunnen geblieben.

Erwin von Arb

Frau Heiniger, Sie haben am 1. Juli nach vier Jahren als Gemeindepräsidentin ihr Amt an Ihren Nachfolger übergeben. Wie haben Sie diesen Tag in Erinnerung?
Rosmarie Heiniger: Einerseits war ich erleichtert, das Gemeindepräsidium abgeben zu können, andererseits schwang ein bisschen Wehmut mit, weil ich das Amt nicht ganz freiwillig abgegeben habe.

Was heisst nicht ganz freiwillig?
Das Klima im Gemeinderat war für mich im letzten Jahr derart schwierig, dass ich für mich als Gemeindepräsidentin keine Zukunft mehr sah. Der psychische Druck wurde zu gross. Mit meinem Ausscheiden soll im Rat wieder Ruhe einkehren. Das habe ich als Erleichterung empfunden. Aber ich trauere dem Amt schon nach.

Rosmarie Heiniger: 11 Jahre für die FDP im Kantonsrat

Rosmarie Heiniger hat das Gemeindepräsidium von Gänsbrunnen 2013 von Ernst Lanz übernommen. Im Jahr 2017 hat sich die 62-Jährige komplett aus der Politik zurückgezogen. Neben dem Gemeindepräsidium legte sie auch ihr Mandat als Kantonsrätin nieder. Im Kantonsparlament hatte sie während elf Jahren Einsitz für die FDP.

Weshalb denn?
Ich hätte mir gewünscht, die Fusion von Gänsbrunnen mit einer Nachbargemeinde in den nächsten vier Jahren als Gemeindepräsidentin zu vollziehen. Mit den verbleibenden Gemeinderäten und dem Gemeindeschreiber war das aber für mich unvorstellbar. Den Austausch mit den anderen Gemeindepräsidenten und den verschiedenen Organisationen habe ich hingegen sehr geschätzt; dies wird mir fehlen.

Warum haben Sie die Fusion nicht einfach vorverlegt?
Eigentlich sollte die Fusion ja noch dieses Jahr über die Bühne gehen, da sich eine Zeit lang vier der fünf Gemeinderäte dazu entschlossen hatten, nicht mehr anzutreten. Das Amt für Gemeinden sagte uns letzten Herbst, wenn wir die Fusion 2017 vollziehen, müssen wir keinen neuen Gemeinderat wählen. Anfang dieses Jahres bestand jedoch der Kanton auf die Wahl eines neuen Gemeinderates, damit die Gemeinde bei einem nicht Zustandekommen der Fusion handlungsfähig bleibt.

Kam es deshalb zu Unstimmigkeiten im Gemeinderat?
Nein, der Gemeinderat gelangte zum Schluss, dass man sich jetzt mehr Zeit lassen kann für die Fusion. Nun muss der neue Gemeinderat darüber befinden, ob eine Fusion mit Welschenrohr angestrebt werden soll oder ob alles bleibt, wie es ist.

Hat Gänsbrunnen mit seinen rund 90 Einwohnern überhaupt eine Chance, eigenständig zu bleiben?
Langfristig wird man wohl um eine Fusion mit Welschenrohr oder einer anderen Gemeinde nicht herumkommen.

Zurück zu Ihren Schwierigkeiten im Gemeinderat. Was hat Sie am Weitermachen gehindert?
Das nicht mehr vorhandene Vertrauensverhältnis zwischen dem Gemeinderat und mir. Wir haben im Rat bei gewissen Geschäften Abmachungen getroffen, von denen bei der nächsten Sitzung einfach niemand mehr etwas wissen wollte. Auch im Protokoll fehlten die entsprechenden Einträge. Wenn ich nachfragte, stand ich alleine da. Das hatte zur Folge, dass über gewisse Geschäfte zweimal abgestimmt werden musste. Ich hatte oft den Eindruck, dass vorgängig ausserhalb des Gemeinderates darüber beraten worden ist.

Weshalb ist der Gemeinderat so auseinandergedriftet?
So genau weiss ich das nicht, es geht dabei sicher auch um Zwischenmenschliches. Angefangen haben die Querelen im Gemeinderat in meinem zweiten Amtsjahr, etwa zur selben Zeit als mein Mann und ich in unser neues Einfamilienhaus unterhalb des Hasenmatthofs eingezogen waren.

Warum haben Sie es nicht geschafft, aus dem Rat ein Team zu bilden?
Dazu hat auch mein Nachfolger als Gemeindeschreiber beigetragen. Ihm haben die Gemeinderäte oft mehr Glauben geschenkt als mir als Gemeindepräsidentin.

Sie waren während 28 Jahren Gemeindeschreiberin. Fachlich und bei Gemeindefragen konnte Ihnen also niemand etwas vormachen. Warum wurden Sie dennoch infrage gestellt oder übergangen? Haben Sie nicht genügend Führungsstärke gezeigt?
Wahrscheinlich. Ich war zwar jahrelang Gemeindeschreiberin, hatte aber quasi nichts zu sagen und stehe dann plötzlich vor denselben Personen und bin ihre Chefin. Das wollten nicht alle akzeptieren. Unter anderem konnte ich nicht durchzusetzen, dass die Gemeinderatsprotokolle mit der Einladung für die jeweils nächste Ratssitzung vorliegen. Dies war immer erst ein Tag vor den Gemeinderatssitzungen der Fall. In solchen Momenten hätte ich mir mehr Unterstützung von den Ratsmitgliedern gewünscht.

Geht so etwas nicht an die Substanz?
Doch, ich hatte nicht selten vor und nach Sitzungen schlaflose Nächte.

Wenn Sie gewusst hätten, was Sie erwartet: Hätten Sie dann auf das Gemeindepräsidium verzichtet?
Dann hätten wir wohl schon vor vier Jahren unter meinen Vorgänger Ernst Lanz fusioniert. Ich habe das Amt damals nicht gesucht, sondern übernommen, als der damalige Gemeindevizepräsident die Nachfolge Lanz aus beruflichen Gründen nicht antreten wollte. Mit meiner Erfahrung als Gemeindeschreiberin und meinem Wissen als Kantonsrätin glaubte ich, diesem Amt gewachsen zu sein. Dass es nicht geklappt hat, tut schon weh.

Was hat sich in Gänsbrunnen verändert während Ihrer Amtszeit?
Nicht sehr viel. Eigentlich wollte ich einen anderen Führungsstil als mein Vorgänger in den Gemeinderat bringen, auf die Mitglieder zugehen und mit Ihnen im Gespräch einen gemeinsamen Konsens finden. Das ist mir leider nur am Anfang meiner Amtszeit teilweise gelungen und irgendwann musste ich mir eingestehen, damit gescheitert zu sein.

In welchen Bereichen besteht für die Gemeinde Handlungsbedarf?
Bei der Spezialfinanzierung Abwasserversorgung muss noch ein Bilanzfehlbetrag von knapp 40 000 Franken abgebaut werden. Zudem müssen Massnahmen gefunden werden, damit die ARA selbsttragend wird. Und bei der Wasserversorgung müssen die Gespräche mit Welschenrohr bezüglich der Verrechnungsmodalitäten weiter geführt werden. Und natürlich sollte wegen der schwachen Finanzkraft der Gemeinde die Fusion mit Welschenrohr an die Hand genommen werden.

Was würden Sie rückblickend anders machen?
Von Anfang an einen anderen Führungsstil wählen.

Was machen Sie mit der neu gewonnenen Zeit, Sie sind ja auch nicht mehr Kantonsrätin?
Ich bin immer noch mit vier kleinen administrativen Ämtern für die Gemeinde tätig. Es bleibt aber noch genügend Zeit für das Biken, die Enkelkinder oder um mit meinem Mann ein paar Tage Ferien zu geniessen. Dafür haben wir uns in den letzten Jahren zu wenig Zeit genommen. Das möchten wir ändern.

Noch eine letzte Frage: Finden Sie es gut, dass im Thal Wisente ausgewildert werden sollen?
Nein, diese Ur-Tiere gehören nicht mehr hierher. Ich glaube, dass sie nicht im Wald bleiben und dort Holz und Blätter fressen werden. Die Landwirte müssten praktisch alle Felder nahe dem Wald mit Zäunen schützen. Und zum Naturpark wie er jetzt aufgestellt ist, passen Wisente nicht.