Gemeindeversammlung

Gemeindepräsident Gloor: «Im Unterdorf sehe ich mehr Chancen als Risiken für Oensingen»

Diese Liegenschaften im Vordergrund, ausser dem alten Schulhaus (ganz links) sollen an einen Investor verkauft werden.

Diese Liegenschaften im Vordergrund, ausser dem alten Schulhaus (ganz links) sollen an einen Investor verkauft werden.

Der Oensinger Gemeindepräsident Fabian Gloor spricht Klartext über die kommende ausserordentliche Gemeindeversammlung, in der es um Liegenschaftsverkäufe im Unterdorf geht.

Fabian Gloor, die gemeindeeigenen Liegenschaften im Unterdorf, Hauptstrasse 84, 86, 88 und 90 sollen an einen Investor verkauft werden. Warum?

Fabian Gloor: Die Einwohnergemeinde Oensingen hat keinen eigenen Bedarf an diesen Liegenschaften. Deshalb wurde bei der Ortsplanrevision dieses Gebiet von einer Zone für öffentliche Bauten zu einer Wohnzone erklärt – übrigens im Rahmen der üblichen demokratischen und rechtsstaatlichen Prozesse. Nun wäre ein Investor bereit, der uns einen guten Quadratmeter-Preis für die Liegenschaften und das Areal bietet. Kommt dazu, dass die Gemeinde in den Unterhalt und die Sanierungen der Liegenschaften, wenn diese nicht verkauft werden, drei bis fünf Millionen Franken investieren müsste, nur um das Nötigste zu sanieren. Das können und wollen wir uns nicht leisten.

Die Nüesch Developpment AG würde die Liegenschaften kaufen?

Ja, und dies zum sehr attraktiven Preis von 580 Fr/m2. Somit würden rund 2,8 Mio. Franken in die Gemeindekasse fliessen. Geld, das wir anderweitig gut einsetzen können. Die Firma ist seit Beginn der Planungen 2013 unser Partner und kennt Oensingens Probleme und Anliegen.

Was würde dann dort entstehen?

Das Unternehmen plant, dort 50 bis 70 Wohnungen zu bauen und einen Grünbereich zu realisieren. Das Unterdorf sowie der ganze Ortsteil werden dadurch massiv aufgewertet, davon bin ich überzeugt. Zudem besteht eine Gestaltungsplanpflicht, was bedeutet, dass wir ein sehr grosses Mitbestimmungsrecht im ganzen Verfahren hätten.

Was könnte dann in diesem Gestaltungsplan geregelt werden?

Wir können darin erhöhte Anforderungen an die Architektur stellen. Es muss in jedem Fall so gebaut werden, dass die neuen Bauten sich an das Ortsbild, an die Umgebung anpassen würden. Zudem unterliegt der Gestaltungsplan vorgängig noch einem Mitwirkungsverfahren, der Auflage und Begleitung durch den Gemeinderat sowie der Bevölkerung. Die im Gestaltungsplan festgeschriebenen Bestimmungen sind für den Grundeigentümer bindend.

In der betreffenden Häuserzeile befinden sich das alte Schulhaus und die ehemalige Krone mit dem Kronenkeller. Was soll mit diesen Liegenschaften geschehen? Werden alle zu Wohnungen?

Nein. Das alte Schulhaus ist vom Verkauf ausgeschlossen und bleibt im Eigentum der Gemeinde. Dort befindet sich heute ein Kindergarten und Spielgruppen und das soll auch so bleiben. Wir haben dieses Gebäude in der Vergangenheit bereits für 3,2 Mio. Franken saniert. Die ehemalige Krone, Hauptstrasse 90 wird gesondert behandelt. Dafür wird an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung vom 18. März als erste Abstimmung in der Detailberatung eine Konsultativabstimmung durchgeführt. Wir fragen die Stimmbürger, ob dieses Gebäude erhalten werden soll oder nicht.

Wie rechtsverbindlich ist denn diese Konsultativabstimmung?

Es ist vor allem ein politisches Zeichen der Oensinger Stimmbürger. Das Abstimmungsresultat wird wie erwähnt, in das weitere Verfahren einfliessen.

Warum soll das Kronengebäude so belassen werden, wie es ist?

Es ist schützenswert, steht aber nicht unter Denkmalschutz. Wir haben mit der Konsultativabstimmung die Anliegen der Kritiker aufgenommen, die insbesondere möchten, dass der Kronenkeller erhalten bleibt.

Und was soll mit dem Werkhof geschehen, der sich teilweise im Gebäude Nr. 88 befindet?

Wir sind auf der Suche nach einer neuen Liegenschaft für den Werkhof. Eine Arbeitsgruppe, die der Gemeinderat eingesetzt hat, befasst sich ausgiebig mit verschiedenen Varianten. Einerseits ist der Betrieb des Werkhofs in dieser Zone nach dem neuen Zonenreglement nicht mehr zonenkonform. Anderseits müsste die Gemeinde in die Sanierung des Gebäudes viel Geld stecken, damit ein Betrieb in Zukunft gewährleistet werden könnte. Wir könnten – Stand heute – noch rund drei Jahre in diesem Gebäude arbeiten. So lange dauert es mindestens, bis mit der Überbauung begonnen würde.

Was geschieht, wenn der Verkauf an die Nüesch AG ablehnt?

Dann würde im Unterdorf eine Art Brache entstehen und es würde auf dem Areal keine Entwicklung mehr stattfinden, was jeglicher verantwortungsvollen Raumplanung widerspricht. Die Ziele der Umzonung und der Ortsplanung würden nicht erreicht werden. Wir haben bis heute schon rund 400 000 Franken in Planungskosten investiert und diese müssten dann ergebnislos abgeschrieben werden. Um nur das Nötigste der gemeindeeigenen Liegenschaften zu sanieren wären zudem in jedem Fall mindestens 3 Mio. Franken nötig.

Was antworten Sie Kritikern, die sagen, Oensingen brauche keine neuen Wohnungen mehr.

Wir möchten, dass hier bezahlbare Mietwohnungen im Mittelstandsegment realisiert werden. Natürlich möchten wir auch lieber Personen anziehen, die Steuern zahlen statt Sozialwohnungsbau zu betreiben. Ich bin auch überzeugt, dass die Aufwertung im Unterdorf eine Entwicklung in diesem gesamten Gebiet auslösen würde, die wünschenswert wäre. Eine Art Initialzündung, dass es mit diesem Teil des Dorfes vorwärtsgeht. Oensingen soll gemäss Ortsplanung bis ins Jahr 2030 7500 Einwohner aufweisen. Ein gesundes und bewusstes Wachstum. Wachstumsregionen sind das Unterdorf und das Bahnhofgebiet.

Es scheint Einwohner zu geben, die genug von der Bautätigkeit in Oensingen haben.

Es gab sicher eine Phase, in der Oensingen zu schnell zu stark gewachsen ist. Wachstum führt zu neuen Herausforderungen, aber es führt auch zu vielen Vorteilen wie beispielsweise hochstehenden Grundangeboten in sämtlichen Lebensbereichen. Speziell im Unterdorf sehe ich viel mehr Chancen als Risiken für Oensingen.

Und was geschieht mit Oensingens liebstes Kind: dem Zibelimäret, der im Unterdorf stattfindet?

Dieser Verkauf und die Überbauung wären sicher nicht der Tod des Zibelimärets. Es soll genug Freiraum für ein Gewerbezelt bleiben. Zudem: Es geht auch vorwärts mit der Planung der Entlastungsstrasse und dann steht durchaus die Variante im Raum, dass der Zibelimäret wieder auf der jetzigen Hauptstrasse zu liegen kommt.

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