Ein historisches Stück aus dem Emmental im Mittelland. Mit einem Stöckli will der Egerkinger Gemeinderat eine touristische Attraktion ins Dorf holen und so gleichzeitig das Dorfbild im Bereich der Alten Mühle aufwerten (wir berichteten). Im Dorf war zuletzt zu vernehmen, das Stöckli sei bereits gekauft oder eine Anzahlung sei erfolgt. Wie nun die Egerkinger Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi auf Anfrage bestätigt, hat die Gemeinde das Stöckli tatsächlich bereits für 6000 Franken angekauft. Bartholdi zufolge sei das von Anfang an so geplant gewesen.

Der Ankauf sei auf zeitliche Not zurückzuführen, begründet die Gemeindepräsidentin den Ankaufsentscheid. «Der Eigentümer des Stöckli hätte es andernfalls abgerissen», ergänzt Bartholdi. Ein Ankauf, obwohl die Egerkinger erst im Sommer darüber abstimmen, ob sie das Emmentaler Stöckli anschaffen wollen? Die Gemeindepräsidentin winkt ab, das für den Ankauf investierte Geld wäre nicht verloren.

Sollte die Bevölkerung das Projekt an der Gemeindeversammlung im Juni ablehnen, würde die Gemeinde die bereits aufgewendeten 6000 Franken wieder zurückerhalten. «In diesem Fall würde ein privater Käufer sich dem dreistöckigen Emmentaler Stöckli annehmen», so Bartholdi. Es habe bereits mehrere Interessenten in Egerkingen. Unter Umständen findet also das Stöckli unabhängig vom Resultat der Abstimmung im Sommer ein neues zu Hause in Egerkingen.

Umfrage zeigte geringes Interesse

Dass es im Ort private Kaufinteressenten gibt, mag überraschen. Denn viele äusserten sich im Dorf kritisch zum Vorhaben des Gemeinderats, mitten im Dorf ein Stöckli zu errichten. Eine nicht repräsentative Strassenumfrage dieser Zeitung im Dorf ergab neulich, dass das Vorhaben des Gemeinderats auf wenig Anklang in der Bevölkerung stösst.

Für manche ist die ungewisse Höhe der Folgekosten ein Problem. «Solange man nicht im Voraus weiss, was genau man mit dem Stöckli machen möchte und wie hoch die Investitionen sind, bin ich dagegen», äusserte sich Egerkinger Peter Felber zum Stöckli. René Hänni warf dem Gemeinderat hingegen «Schildbürgerstreiche» vor: An derselben Stelle sei vor Jahren bereits ein Stöckli gestanden, das man in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen hätte.

Auch sehen die Befragten keinen Nutzen für die örtliche Bevölkerung und würden es vorziehen, das Geld in andere Projekte zu investieren. «Man möchte aus Egerkingen etwas machen, das es nicht ist. Man sollte lieber in Dinge investieren, die nötig sind, wie zum Beispiel in Kinderkrippen», bemerkte eine aufgebrachte Passantin, die anonym bleiben wollte.

Ein Privater könnte erben

Der Gemeinderat gab dem Kauf des Stöckli, welcher von der Kommission für Kultur, Gesellschaft und Soziales beantragt wurde, bereits in einer Sitzung im Februar seine Zustimmung. Das dreistöckige Gebäude soll laut Antrag auf dem Gelände der alten Mühle Platz finden und Nutzungsmöglichkeiten für Tourismus und Wellness bieten: als Unterkunft, Kneipp-Anlage oder eventuell sogar als Dorfmuseum.

Die Anschaffungskosten belaufen sich auf rund 100 000 Franken. An der Gemeindeversammlung im Juni wird über die definitive Anschaffung des Stöckli abgestimmt. Trotz negativer Resonanz vom Stimmvolk: Das Stöckli befindet sich momentan bereits teilweise im Besitz der Gemeinde. Würde das Projekt von der Gemeinde versenkt – so könnte ein anderer Dorfbewohner erben. So oder so, gemäss Bartholdi könnte bald ein Emmentaler Stöckli im Dorf stehen.